Die diesjährigen Wittener Tage für neue Kammermusik (5.-7. 5.) waren von einigen auffälligen Tendenzen geprägt. Während das Festival in den vergangenen Jahren durch vereinzelte Ermüdungserscheinungen und wenig innovative Präsentationen gekennzeichnet war, überraschte es diesmal mit einigen außergewöhnlichen Beiträgen.
Auffällige Tendenzen zeichneten
sich bereits in der Wahl der drei Programmschwerpunkte Kammermusik, Vokalmusik
und Live-Elektronik ab: Nach den quasi orchestralen Dimensionen der vergangenen
Jahre signalisierte die Besinnung auf das Prinzip Kammermusik eine Rückkehr
zur eigentlichen Thematik der Veranstaltung. So standen zumeist Aufführungen
im Mittelpunkt, die ohne koordinierenden Dirigenten auskamen, wobei man
auf bewährte Interpreten wie das Arditti String Quartet, das ensemble
recherche und das Ictus Ensemble zurückgriff.
Im Programmschwerpunkt
Kammermusik war zweifellos die Uraufführung von Johannes Kalitzkes
Streichquartett Six Covered Settings das herausragende Ereignis.
Das konzentriert gearbeitete Werk, dessen satztechnische Faktur Kalitzkes
kompositorisches Können eindrucksvoll unter Beweis stellte, zeichnete
sich durch vielfältige Klangformen aus. Angesiedelt zwischen fahler
Schattenhaftigkeit und scharfen Ausbrüchen wurden diese zu einem abgerundeten
Gebilde voller verschleierter Anspielungen geformt. Demgegenüber erwies
sich etwa Günter Steinkes Streichquartett
Vereinzelt, gebannt -
eine Wegbeschreibung als wenig aussagekräftig: Das nervös
wuchernde Stimmengeflecht wirkte allzu sehr zerfasert und barg keinerlei
Überraschungen für den Hörer.
Packend und aus
einem Guss präsentierte sich allerdings das kurze Streichtrio Non
nunquam der Norwegerin Cecilie Ore: die ständig gleitenden Klänge,
die trotz ihrer permanenten Bewegung durch scharfe Akzentuierungen Kontur
gewannen, wurden vom trio recherche präzise umgesetzt. In der erweiterten
und längeren Fassung Nunquam Non für Streich- und Bläsertrio
verlor dieses Modell leider ein wenig an Überzeugungskraft.
Auch die einzige
großbesetzte Komposition des Festivals, Misato Mochizukis Chimera
für Kammerensemble, vom Ictus Ensemble mitreißend interpretiert,
war ein Glanzpunkt des Festivals. Die begrenzt lebensfähige Vermischung
verschiedener Lebensformen, in der Biologie als "Chimäre" bezeichnet,
spielte sich musikalisch als gekonnt inszenierte Vermischung verschiedener
stilistischer Ebenen ab, deren kurzes Leben durch eine pointiertenreiche
Musiksprache charakterisiert war. Hierbei beeindruckte insbesondere Mochizukis
meisterhafte Behandlung instrumentaler Klangfarben.
Ein zweiter Schwerpunkt
der Wittener Tage für neue Kammermusik war der Aspekt "Vokalität".
Ihm waren nicht nur zwei Veranstaltungen mit dem Titel "Lautpoeten" gewidmet,
in denen der niederländische Stimmkünstler Jaap Blonk mit phänomenalem
Gespür für Klangwirkungen Lautgedichte verschiedenster Autoren
und Komponisten vortrug. Auch zahlreiche Werke für Vokalensemble,
beinahe ausschließlich von den Neuen Vocalsolisten Stuttgart interpretiert,
standen auf dem Programm. Hierzu gehörte etwa die fünfstimmige
Komposition nein allein von Carola Bauckholdt: In ihr bildeten alltägliche
Äußerungen von Zustimmung und Ablehnung mit ihrem jeweils charakteristischen
Tonfall den Ausgangspunkt für eine Studie über Kommunikationsformen.
Nach dem sehr gut gelungenen Übergang vom Sprechen zum Singen wurde
die Rückkehr zum anfänglichen Sprechen am Ende des Stückes
jedoch zur aufgesetzten Geste, die der Komposition einen guten Teil ihrer
Wirkung raubte.
An Salvatore
Sciarrinos dreiteiligem Vokalzyklus
Tre canti senza pietre für
sieben Stimmen beeindruckte vor allem die Behandlung der Singstimmen: mittels
sensibel gesetzter Klangtupfer und verschnörkelter Floskeln, aber
auch durch Klangfarbeneffekte wie das Singen durch ein Taschentuch entstanden
hier leise flimmernde Gebilde von teils großer Eindringlichkeit.
Eine echte Überraschung bot die Italienerin Lucia Ronchetti, die mit
Anatra
al sal eine reizvolle Hommage an die italienische Madrigalkomödie
des 16. Jahrhunderts lieferte und damit bewies, wie intelligent man sich
kompositorisch mit Tradition auseinandersetzen kann. Aus dem Geist der
Renaissance-Vorbilder entwickelte sie ein Vokalstück in gleichermaßen
ausdrucksstarkem wie humorvollem Duktus, in dem sie die Stimmen auf ausgesprochen
lyrische Weise einsetzte, ohne dabei auf zeitgenössische Ausdrucksmittel
zu verzichten.
Der dritte Schwerpunkt
des Festivals bestand in der Erweiterung von kammermusikalischem Musizieren
durch Live-Elektronik, also durch die Möglichkeit der elektronischen
Veränderung von Klängen während der Aufführung. Bei
den entsprechenden Werken stand auf jeweils unterschiedliche Weise die
perspektivische Erweiterung des Instrumentalklangs und die Integration
der elektronisch erzeugten Ebenen im Mittelpunkt der kompositorischen Auseinandersetzung.
Mit ihrem Stück
spectres-spéculaires für Violine
und Live-Elektronik präsentierte die Koreanerin Unsuk Chin eine zwar
in Ansätzen interessante, in den Details jedoch höchst unbefriedigende
Komposition. Die live-elektronischen Möglichkeiten neigten hier zur
Verselbständigung, wodurch das Stück zu einer etüdenhaften
Ansammlung von Effekten wurde.
Auch Kilian Schwoons
Komposition
Broken Consort für Ensemble und Live-Elektronik
vermochte nicht zu überzeugen: Schwoons Strategie, die relativ durchsichtigen
Instrumentalakkorde mit Syntheziserklängen zu überlagern und
so zu kompakten Tongemischen anzureichern, die sich am Klang frühbarocker
Gambenconsorts orientierten, erwies sich in der Praxis als wenig tragfähig.
Eine ganz andere, durch Einflüsse der Improvisation geprägte
Art des Umgangs mit Elektronik demonstrierte dagegen die österreichische
Gruppe Polwechsel in ihrem Stück The Poetry of Solitude: Hier
wurden durch äußerst sparsame instrumentale und vielfältige
elektronische Mittel wie Rückkopplungseffekte und Übersteuerung
mikrotonale Überlagerungen erzeugt, aus denen sich ein ereignisreiches
Zusammenwirken von Differenz- und Kombinationstönen ergab.
Zwei Komponisten
blieb es vorbehalten, die thematischen Schwerpunkte des Festivals in der
Konzeption jeweils eines szenischen Werkes zu bündeln. Das Stück
Endspiel: Ouvertüre für Solostimmen, Kommentator und Figuranten
der Argentinierin Silvia Fómina konnte trotz seiner spannenden szenischen
Komponenten, bei der sich die Sänger den Regeln des Schachspiels entsprechend
über ein auf den Boden projiziertes Spielfeld bewegten, nicht überzeugen.
Fóminas Konzept krankte vor allem an einem Übergewicht pathetischer
Theatralik; daneben wirkten aber auch die Verwendung räumlich angeordneter
Lautsprecher, die Behandlung der Singstimmen sowie die Texturen des begleitenden
Streichquartetts wie ein unzureichend kalkuliertes Miteinander allzu disparater
Elemente, die sich zu keiner Gesamtwirkung zusammenschlossen.
Ganz anders dagegen
das einstündige Musiktheater
Machinations des französischen
Komponisten Georges Aperghis für Stimmen, Live-Elektronik und Videoprojektion,
das in Koproduktion mit dem Institut IRCAM Paris realisiert wurde. Aperghis
schuf hier ein geradezu visionäres Beispiel für die Verschränkung
von Technik und Stimme: Die Klangsprache, die konsequent durch das Zusammenwirken
von vokalen Ausdrucksmöglichkeiten und Elektronik geprägt war,
fand in der Arbeit mit Videoschirmen ihre visuelle Entsprechung. Aus dem
Zusammenwirken all dieser Komponenten entstand ein schlüssiges Ganzes,
dessen innere Konsequenz ebenso wie die daraus erwachsende musikalisch-visuelle
Einheit bewunderswert waren. Aperghis Komposition war ohne Zweifel der
kompositorische wie konzeptionelle Höhepunkt der diesjährigen
Wittener Tage für neue Kammermusik. Möglicherweise tat sich mit
ihr ein Blick in die Zukunft des zeitgenössischen Musiktheaters auf.
Wie in den vergangenen
Jahren, so wurde das reichhaltige Programmspektrum des Festivals auch diesmal
durch Klanginstallationen ergänzt. Hier verdienen insbesondere die
Arbeiten von Andreas Oldörp und Christina Kubisch Erwähnung.
Für sein Wittener Aggregat setzte Oldörp fünf zwischen
sechs und neun Meter hohe Klangquellen in den Park von Haus Witten. Nach
dem Prinzip der Orgelpfeife mit Luft versorgt, bildeten die Klänge
dieser Metallröhren einen interessanten Kontrapunkt zu den Geräuschen
der Umwelt. Demgegenüber bezog sich Christina Kubisch in ihrer Arbeit
The
Mystery of History auf das auffällige Spannungsverhältnis,
das zwischen dem restaurierten Bauensemble Haus Witten und dem hektischen
Lärm von Straßenverkehr und Bahnlinie besteht. Mithilfe eines
magnetischen Induktionssystems "vertonte" sie bestimmte Teile des historischen
Gebäudes und wies ihnen so Geräusche zu, die an ihre ursprüngliche
Funktion erinnerten: Wasser, Vögel, Pferdehufe, Kettenrasseln, Türenknarren.
Die Besucher konnten diese imaginäre Klangwelt durch einen Kopfhörer
wahrnehmen und durch ihre Bewegungen frei gestalten.
© 2000 by Stefan Drees
Polemik
zum Artikel von Stefan Drees aus dem Musikwissenschaftler-Newsletter
"Muwi-Spektrum"