Von Konrad Rudolf Lienert
So ganz sind wir offenbar
doch noch nicht angekommen im neuen Jahrtausend, Rückblicke bleiben
weiterhin en vogue. Doch während etwa der frühere Musikchef des
Schweizer Fernsehens, Armin Brunner, unlängst aus Anlass der Gesamteröffnung
des neuen Kultur- und Kongresszentrums in Luzern an Hand musikalischer
Versatzstücke eine vergleichsweise nüchterne Rückblende
auf die reale Geschichte des 20. Jahrhunderts inszenierte, eröffnet
das neue Projekt von Christoph Marthaler und Jürg Henneberger eine
völlig andere Perspektive. Ihr 20th Century Blues, der am 8.
April in Basel seine begeistert applaudierte Premiere hatte, lässt
es fraglich erscheinen, ob wir es überhaupt je schaffen werden, das
Menschsein über die Milleniumsschwelle zu retten.
Anders
als sich vom Titel her vermuten ließe, geht es hier nicht nur um
Vergangenheits-, sondern ebensosehr um Zukunftsbewältigung. Was uns
die Beiden nämlich fragen, ist dies: Mit welchen Erwartungen im Gepäck
wir uns eigentlich auf die lange Reise wagen. Eine Antwort liefern sie
gleich mit, indem sie zeigen, welch ungeheurer Widerspruch sich auftut
zwischen jenen geheimen Wünschen, Sehnsüchten und Utopien, die
wir - wie lange schon? - noch immer mit uns schleppen und zwischen dem,
was sich in den vergangen Jahren als bedrückende Gegenwart entwickelt
hat.
Das Ende der Evolution
"Ein Intérieur" nennt
sich der neue Abend, den Marthaler/Henneberger im Anschluss an ihr Opernprojekt
The
Unanswered Question konzipierten. Und wieder, stärker noch als
dort, ist es der Raum, der das Ganze dominiert, ein Raum, den es in dieser
Art tatsächlich gibt. Für ihr Bühnenbild hat Anna Viebrock
nicht zufällig einen Saal des Basler Naturhistorischen Museums genommen.
Denn was sich zwischen den leeren, staubgrauen Wänden, an denen die
einstmals ausgestellten Objekte nur noch als hellere Flecke zu erkennen
sind, in den nun folgenden zwei Stunden entwickeln wird, ist das grausliche
Panoptikum einer Spezies, die an ihrem Ende angekommen scheint.
Sind
es überhaupt noch Menschen, die hier zwischen ratlos faszinierter
Betrachtung, Suche nach den entschwundenen Inhalten und absurder Aktion
changieren?
Ein smarter
Brite (Graham Valentine) betritt als erster den leeren Raum, schlendert
herein, singt, scheinbar vergnügt, mit seltsamer Kopfstimme jenen
"Blues", der dem Projekt zu seinem Namen verholfen hat: Noel Coward, der
ihn 1929 komponierte, personally himself? Mit seiner Smartheit ist's nicht
weit her, alsbald wird er rettungslos hineingezogen ins Treiben jener Gruppe
- zwei weitere Männer (Thomas Stache, Markus Wolff) und eine Frau
(Altea Garrido) -, die ihr wahnwitziges Tanztheater absolviert. Was sie
mit unglaublicher Präzision und Lust an Akrobatik vollführen,
erinnert mit seinen abrupten Wechseln zwischen Apathie und Hyperaktivität
an die ritualisierten Bewegungsmuster von Tieren in Käfighaltung.
Rammeln sie, machen sie Liebe oder erleiden sie epileptische Anfälle?
Sinnlose Ticks, plötzliche Entladungen aufgestauter Aggression, verquere
Liebesspiele - die Demarkationslinie zwischen Zärtlichkeit und Gewalt
ist nicht mehr auszumachen. Zunehmend erscheinen sie verstümmelt und
amputiert, Sex wird, mit den Fingern als Attrappen, nurmehr gemimt. Sogar
der Exhibitionist erweist sich schließlich als kastriert, ein geschlechtsloser
Mutant. Da helfen ihnen auch die Andeutungen meditativer Übungen,
die kurzen Aufbrüche in kollektive Aktionen nichts: Sie bleiben zum
Schluss, nach ein paar allerletzten, hilflosen Ausbruchsversuchen, reglos
auf dem Boden liegen.
Zwei Ebenen
Wo aber wären in diesem
Szenario die geheimen Wünsche, Sehnsüchte, Utopien geblieben?
Viel konsequenter noch als in The Unanswered Question, wo mindestens
im ersten Teil zwischen den Gesangs-, den Musikstücken und dem Szenischen
eine Interaktion stattfindet, etablieren Marthaler/Henneberger im 20th
Century Blues das Musikalische auf einer zweiten Ebene, hinter der
sich der weite Horizont uneingelöster Erwartungen eröffnet. Die
Ausschnitte aus Werken von Gustav Mahler, Alban Berg, Dmitri Schostakowitsch,
Igor Strawinsky, Olivier Messiaen strömen, vom Übrigen losgelöst
und von den Akteuren kaum wahrgenommen, scheinbar nur für sich selbst
dahin.
Mit zwei
Ausnahmen: Obschon es hier nicht mehr um die Oper geht, gibt es im 20th
Century Blues lange gesungene Passagen.
Dazu braucht es Sänger, Sängerinnen. Der erste, Christoph Homberger,
taucht gleich am Anfang, den Parkettboden des Museums durchbrechend, aus
der Tiefe auf, um sogleich mit dem Trinklied aus Mahlers Lied von der
Erde einzusetzen. Doch derlei Trunkene sind hier unerwünscht,
gleich sucht ihm einer den Mund, dem der beschwörende Wohllaut entströmt,
mit Klebeband zuzupflastern. Vergeblich zwar, doch wird der Sänger
nach wiederholtem Anlauf, seine gesungene Botschaft unter die Leute zu
bringen, zusehends ratloser, müder. Einen letzten Ausbruch versucht
er noch, eine flatternde, schwirrende Motte, dann ergibt er sich und richtet
sich schliesslich in der Kuhle, aus der er emporgekommen war, zu langem
Vergessensschlaf ein.
Die zweite,
die gegen eine sinnlos gewordene Welt ansingen darf, ist Rosemary Hardy.
Als einzige hatte sie in The Unanswered Question schließlich
bis zum Ende ihre Stimme bewahrt. Nun tritt sie wieder auf als eine Art
Wärterin, in unaufhörlichem Selbstgespräch anscheinend,
aus dem heraus sie bruchlos zu berückenden Kantilenen ansetzt. Ihr
ist, mit dem "Abschied" aus dem Lied von der Erde das letzte, lange
Wort des Abends anvertraut. Nachdem sie die Harmonika, die sie aus The
Unanswered Question hinüberretten konnte, in einem Anflug von
Resignation und Zorn in Stücke gerissen hat, bleibt ihr nur noch das
Singen. Währenddessen hat sich die Bühne längst mit neuem
Personal gefüllt. Lautlos, zunächst fast unbemerkt sind immer
mehr Paare von Klonen hereingeströmt, Männlein und Weiblein,
Riesen und Winzlinge, die den nicht mehr aufzuhaltenden Anbruch der Schönen
Neuen Welt verkünden.
Mahlers Musik als Schlüssel
Als eine Übung in dialektischer
Synästhesie ließe sich somit bezeichnen, was uns der Theatermann
und der Musiker hier zumuten: Wir müssen die beiden Ebenen gleichzeitig
verfolgen und, wider allen Anschein, fortwährend zueinander in Beziehung
setzen. Erstaunlich dabei, dass trotz der überdrehten szenischen Aktion
so viel Raum bleibt für die Wahrnehmung der Musik, die Jürg Henneberger
mit dem Basler Sinfonieorchester konzertreif gestaltet - auch das freilich
nicht völlig ungefährdet. Einmal verstummt das Orchester für
ein paar Schrecksekunden, nachdem sein Dirigent, der auf die Bühne
wollte, im morsch gewordenen Boden des Museumssaales eingebrochen ist.
Kein
Zufall, dass am Anfang und am Ende des utopischen Musikstromes Das Lied
von der Erde zu vernehmen ist. Mit seiner Musik scheint Gustav Mahler
jene Spannung zwischen Erinnerung und Erwartung, aus der sich das 20th
Century Blues-Projekt entwickelt hat, am intensivsten auszudrücken.
Mahler in einer ganz bestimmten Lesart übrigens: Was Theodor W. Adorno
um 1960 in seiner Mahler-Monographie über den "langen Blick" des Komponisten
geschrieben hat, kommt der Atmosphäre des neuen Marthaler-Henneberger-Abends
verblüffend nahe. Manche Sätze aus Adornos Text lesen sich schon
beinahe wie Regieanweisungen.
Weitere Aufführungen im Theater
Basel:
11.4., 13.4., 17.4., 26.4.
und 11.5., je 20 Uhr
7.5., 21.5. und 28.5., je
19 Uhr
Text: © Konrad Rudolf
Lienert
Bild Rosemary Hardy: ©
Sebastian Hoppe
(10.4.2000)