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Die Compositores da Bahia
Aspekte einer zeitgenössischen brasilianischen Musikkultur und ihrer Vermittlung
Von Ilza Nogueira
Zusammenfassung: Der Artikel
porträtiert...
1. Entstehungsgeschichte und Selbstverständnis der Compositores da Bahia
Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre war die Escola de Música da Universidade da Bahia (Musikabteilung der Staatlichen Universität Bahia) in Salvador Schauplatz einer der kraftvollsten Erneuerungsbewegungen in der zeitgenössischer Musik Brasiliens. Im Umfeld der Kompositionsklasse von Ernst Widmer entstand hier im April 1966 die Gruppe der Compositores da Bahia,
eine Komponistengruppe, deren Aktivitäten tiefgreifende und weitreichende
Folgen für die musikalische Kultur und Erziehung in Bahia hatte. Zu
den Merkmalen dieser Bewegung, deren Komponisten sich durch ein umfangreiches
Schaffen auszeichneten, gehörten eine originelle Klangsprache, die
Verbindung von Neuerung und Tradition, die Einbeziehung der bahianischen
Kultur und die Offenheit gegenüber jeder Art von kultureller Äußerung.
Der bestimmende Einfluß, den ihre Vertreter auf die Lehrpläne,
die Forschungsprojekte und die Musikvermittlung der Universität hatten,
fand seinen Niederschlag in einem steigenden öffentlichen Interesse
für das zeitgenössische künstlerische Schaffen, in einem
geschärften Bewusstsein für die Musik als Kulturgut und insbesondere
für die musikalischen Traditionen der verschiedenen bahianischen Ethnien,
sowie in neuen Überlegungen zur sozialen Funktion von Musik.
Die Gruppe sah ihren Arbeitschwerpunkt in der Produktion,
Interpretation und Analyse der zeitgenössischen Musik. Zu ihren Zielen
gehörte es, "die Entstehung von zeitgenössischen Werken durch
Austausch, Konzerte, Forschung, Musiktage, Festivals, Werkausgaben sowie
durch den Verleih von Bändern und Materialien anzuregen und zu fördern".
(Boletim Informativo do Grupo de Compositores da Bahia, Informationsblatt
der Komponistengruppe aus Bahia, Nr.1, 1967, S.5) Indem sich die Gruppe
beim Verfolgen dieser Ziele auf die verschiedenen festen Musikensembles
der Universität stützte, konnte sie Musiker aus unterschiedlichen
Tätigkeitsfeldern in ihre vielfältigen Aktivitäten einbeziehen.
Eine paradox anmutende Prämisse diente als
Devise: "Prinzipiell sind wir gegen jede Art von erklärtem Prinzip."
Widmer benutzte auch den Ausdruck 'scheinbar richtungslos', womit er den
Sachverhalt meinte, daß keine 'Schulen' oder bestimmte musikalische
Tendenzen bevorzugt werden sollten. Die Gruppe stellte ganz bewußt
die idiomatische Vielfalt ins Zentrum ihres Denkens und unterstrich damit
ihre Ablehnung dogmatischer Positionen; die Gefahr einer paralysierenden
Wirkung, die von bereits systematisierten Techniken und Stilen ausgehen,
sollte damit vermieden werden. (Widmer, 1985:69) Die extrem unterschiedlichen
kulturellen Hintergründe der Gruppenmitglieder spiegelten sich in
den individuellen Werken, die von Anfang an ein breites stilistisches Spektrum
abdeckten. Die künstlerische Entwicklung der einzelnen Komponisten
verlief in der Regel phasenverschoben und entsprach einer natürlichen
Zufälligkeit des geschichtlichen Prozesses. Die Zusammensetzung der
Gruppe veränderte sich fortlaufend und aus den unterschiedlichsten
Gründen: Wegzug in andere Bundesstaaten, Umorientierung mehr zur Popularmusik
hin, Beginn eines Auslandsstudiums, Todesfall und das Hinzukommen neuer
Komponisten.
Trotz der ständigen Fluktuation läßt
sich von einer gewissen Identität sprechen, was das Werk der Compositores
da Bahia seit der Gründung der Gruppe 1966 angeht. Für Ernst
Widmer basierte diese Identität auf einer Gruppenmentalität,
die eine "größere Freiheit bei der Suche nach einer eigenen
Sprache erlaubte". "Um unsere Identiät zu finden," sagte Widmer, "müssen
wir uns von Vorurteilen, Vorschriften, Strömungen, Bindungen und Schulen
befreien. Es genügt nicht, die Scheuklappen abzulegen, man muss sich
auch davor hüten, fremde Scheuklappen anzulegen (...) In diesem Sinn
ist die Bewegung eine Anti-Schule, unbeschränkt und paradox. (Sie)
ermöglicht mir (...) die Vermutung, dass aus 'dual' 'trial' wird,
aus dem Dilemma ein Trilemma, aus dem gefürchteten Stilschock ein
Eklektizismus. Eklektizismus als 'Stil' einer synkretistischen Epoche!"
(Widmer,1985:69-70).
2. Die Aktivitäten der Gruppe
Ernst Widmer und neun weitere Komponisten, Studenten und Lehrkräfte
der Escola de Música da Universidade Federal da Bahia, gründeten
im April 1966 die Komponistengruppe von Bahia. Nebst Widmer waren das Carmem
Mettig Rocha, Antônio José Santana Martins, Lindembergue Cardoso,
Nikolau Kokron, Milton Gomes, Fernando Cerqueira, Jamary Oliveira, Carlos
Rodrigues de Carvalho und Rinaldo Rossi. Unmittelbarer Anlass ihres Entstehens
war die Karwoche 1966, für die die Komponisten kleine Oratorien für
Chor, Bläser und Schlagzeug schrieben: Elegia von F. Cerqueira,
Exortação
Agônica von M. Gomes, Pilatus von N. Kokron, Nu
von J. Oliveira, Impropérios von A. J. Santana Martins, Do
Diálogo e Morte do Agoniado von R. Rossi und Diálogo
do Anjo com as três Mulheres von E. Widmer. Nach dem unerwarteten
Erfolg begannen sich die Komponisten wöchentlich zu treffen, um über
ihre Kompositionen und über allgemeine Fragen der Musik und Erziehung
zu diskutieren. Im gleichen Jahr stellten sie sich in weiteren sechzehn
Konzerten vor und brachten dabei noch siebzehn Uraufführungen zu Gehör,
Werke der Gruppenmitglieder und anderer Komponisten, die sich von der Gruppe
inspirieren ließen. Widmer zufolge "gab es auf einmal die Gruppe,
die nicht einmal Statuten oder ein Gründungsprotokoll, dafür
aber eine bemerkenswerte Werksammlung besaß." (Widmer, 1968:6)
Ab 1967 gaben die Compositores da Bahia zur
Dokumentation ihrer Aktivitäten die Boletins Informativos heraus,
ihr offizielles Kommunikationsmittel, das an interessierte Personen und
Institutionen verschickt wurde. Die Intensität der Bewegung regte
die Secretaria de Educação e Cultura do Governo da Bahia
(Kulturabteilung des Bundesstaates Bahia) dazu an, die jährliche Konzertreihe
Apresentações
de Jovens Compositores (Präsentation junger Komponisten) einzurichten.
Sie war verbunden mit einem Wettbewerb für neue, unveröffentlichte
Werke, bei dem eine Jury, bestehend aus Repräsentanten verschiedener
Bundesländer und einem Vertreter des Publikums, live entschied. Die
Besonderheit der ersten Apresentações im November
1967 war die Verbindung zweier Wettbewerbe, einer für E-Musik, der
andere für Popularmusik, womit erreicht wurde, dass die Liebhaber
von Popularmusik auch Werke der E-Musik hörten und umgekehrt. Ebenfalls
1967 stellte Anton Walter
Smetak, der kurz zuvor der Gruppe beigetreten war, bei der ersten Bienal
de Artes Plásticas in Bahia seine ersten "Plásticas sonoras"
(Klangplastiken) vor, für die er den Forschungpreis erhielt.
Die zweite Apresentação de Jovens Compositores
von 1968 wurden bereits auf nationaler Ebene durchgeführt, wobei zweiundzwanzig
Werke von dreizehn Komponisten aus vier Bundesstaaten eigereicht wurden.
Ein Jahr darauf wurde die Reihe Festivais e Cursos
de Música Nova (Festivals und Kurse für neue Musik) eingerichtet,
die seitdem im Juli jeden Jahres stattfanden und Lehrer und Studenten verschiedener
Staaten zu einem intensiven Austausch über die zeitgenössische
Musik zusammenführte. Die Teilnahme der Gruppe am ersten Festival
de Música da Guanabara, einem Musikfestival auf nationaler Ebene,
war erfolgreich, was Preise und Kritik betrifft. Alle fünf eingereichten
Werke kamen in die vorletzte Runde, und drei davon waren unter den fünf
Erstplazierten: Procissão das Carpideiras von L. Cardoso
(3. Preis), Heterofonia do Tempo von F. Cerqueira (4. Preis) und
Primevos
e Postrídio von M. Gomes (5. Preis).
Dasselbe wiederholte sich 1970 beim zweiten Festival
de Música da Guanabara, doch diesmal mit internationaler Resonanz,
da der Kompositionswettbewerb für den ganzen amerikanischen Kontinent
ausgeschrieben war. Die prämierten Werke der Gruppe waren Sinopse
von Ernst Widmer (1. Preis), Espectros von Lindembergue Cardoso
(3. Preis) und Decantação von Fernando Cerqueira (Publikumspreis).
Noch im selben Jahr wurden Werke von Milton Gomes (A Montanha Sagrada)
und Fernando Cerqueira (Contração) nebst denen anderer
brasilianischer Komponisten als Beitrag Brasiliens für die Tribune
Internationale des Compositeurs der UNESCO in Paris ausgewählt. Zugleich
begann die Gruppe auch mit der Publikation ihrer Werke; im Printbereich
entstand die Editionsreihe mit dem Titel Compositores da Bahia,
auf Langspielplatte erschienen Aufnahmen der bei den Apresentações
de Jovens Compositores prämierten Werke.
Die Boletins Informativos registrierten im
Jahr 1971 161 Aufführungen, 55 davon als Uraufführungen. Fünf
Jahre nach der Gründung der Gruppe wurden Werke der Komponisten schon
im Ausland verlegt (Spanien, Schweiz und England), und ihre Mitglieder
hielten zahlreiche Vorträge in verschiedenen Abteilungen der Universität
und auf Einladung von Organisationen für kulturellen Austausch.
Im Jahre 1972 startete die Gruppe ein Projekt mit
dem Titel ENTROncamentos SONoros (etwa: klangliche Abzweigungen).
Diese Gemeinschaftsarbeit hatte zum Ziel, "die eigentümliche Verbindung
zwischen dem 'Stamm' der Kunstgattung Musik und seinen Verzweigungen in
der Welt des Hörens bewußt zu machen, mit der Perspektive, sie
wieder zusammenzuführen". (Widmer, 1972:17) Die erste Arbeit im Rahmen
dieses Projekts war Ernst Widmers Werk Rumos (Richtungen), bei dem
das Publikums angeregt wird, an bestimmten Stellen durch alltägliche
Handlungen Geräusche zu produzieren (Schlüsselrasseln, Pfeifen,
Händeklatschen, Buhrufe, Gelächter, Getuschel). Das Ziel des
Projekts war es, das Publikum für die zeitgenössische E-Musik
zu gewinnen, die Wahrnehmung zu sensibilisieren und die Zuhörer mit
der neuen Musiksprache vertraut zu machen.
Unter der Leitung von Piero Bastianelli und Ernst
Widmer wurde 1973 der Conjunto Música Nova (Ensemble für
Neue Musik) gegründet. Die kompositorische Tätigkeit der Gruppe
erhielt dadurch kräftige Impulse. Die internationale Konzerttournee,
die das Ensemble noch im Gründungsjahr durchführte, präsentierte
Werke der Gruppenmitglieder in Südbrasilien, Paraguay und Uruguay.
1974 nahm die Serie Festival*Bahia ihren Anfang, die von Ernst Widmer koordiniert wurde und bis ins Jahr 1982 fortbestand; ihr Zwecke war, die Lücken des Kulturlebens aufzuspüren und zu füllen. Unveröffentlichte Werke hatten dabei den Vorrang, wodurch das Bewußtsein sensibilisiert und der Wahrnehmungshorizont erweitert werden sollte. Der Schwerpunkt lag nicht auf dem bereits international bekannten Repertoire, sondern auf der Aufführung und dem Studium der zeitgenössischen Musik. So erhielt das Festival den Beinamen 'allumfassendes Festival' (festival mutirão), im Gegensatz zu 'abgesegnetes Festival' (festival consagração). Gleichzeitig nahm die internationale Verbreitung der Werke der Compositores da Bahia zu, und einige ihrer
Werke wurden erstmals in Deutschland verlegt: Rondomobile für
Klavier von Ernst Widmer, Oito peças para piano (Acht Stücke
für Klavier) von Jamary Oliveira und Reflexões II von
Lindembergue Cardoso bei Gerig (Köln), das Streichquartett Síndrome
und Quantas von Fernando Cerqueiras bei Tonos (Darmstadt). In der
Schweiz und in Österreich gab es Uraufführungen von Widmer und
Cardoso, und die Namen von Gruppenmitgliedern wurden in einschlägige,
im Ausland veröffentlichten Publikationen zur Musik des 20. Jahrhunderts
aufgenommen. (Vinton, John: Dictionary of Twentieth-Century Music. London:
Thames and Hudson, 1974)
Fernando Cerqueira zufolge veränderten sich von diesem Jahr an die Debatten und die musikalischen Gemeinsamkeiten der Gruppe, da zwei Mitglieder verstorben waren (Nikolau Kokron 1971, Milton Gomes 1973) und andere zu Studienzwecken Bahia verließen. Dennoch wurde die gemeinsame Arbeit fortgesetzt. Zum verbliebenen Kern stießen Heimkehrer und Komponisten, die an der Universität neu waren und in die Gruppe hineinwuchsen. Dazu gehören Agnaldo Ribeiro, Marco Antônio Guimarães und später Paulo Lima. (Cerqueira, 1992)
Der innere Zusammenhalt der Gruppe erfuhr durch
die Mitwirkung der neuen Komponisten eine Konsolidierung, die Arbeit wurde
auf den bestehenden geistigen Grundlagen weitergeführt. Die neu Hinzugekommenen
hatten ihr Studium bei ehemaligen Schülern von Ernst Widmer absolviert
und bildeten nun bereits die zweite Generation der Komponisten an der Universidade
Federal da Bahia. Die Semanas de Música Contemporânea
(Wochen für zeitgenössische Musik) zum Beispiel, die Paulo Lima
seit 1986 organisiert, setzen die Tradition der bis 1982 bestehenden Festivals
Arte*Bahia
fort.
In den neunziger Jahren wurde das Acervo de Compositores
da Bahia (Werkarchiv der bahianischen Komponisten) aufgebaut. Mit seinem
umfangreichen Fundus an Partituren und Dokumenten aller Art steht es all
jenen zur Verfügung, die die inzwischen dreieinhalb Jahrzehnte umfassende
Periode einer außergewöhnlichen musikalischen Kreativität
erforschen wollen.
3. Geistige Grundlagen
In seinem Essay Probleme der Kulturvermittlung (Widmer, 1979)
spricht Ernst Widmer von den Wechselwirkungen zwischen den bahianischen
Komponisten und ihrem Publikum. Diese Wechselwirkungen waren eine Art "Nahrung"
einerseits für die Komponisten, indem sie ihnen neue Erkenntnisse
über die komplizierten Prozesse zwischen Musik, Werk und Gesellschaft
vermittelten. Andererseits waren sie aber auch "Nahrung" für eine
hinsichtlich der gesellschaftlichen Klassenzugehörigkeit, der kulturellen
Traditionen und des Bildungsniveaus extrem heterogene Bevölkerung,
die damit Zugang zu völlig neuen künstlerischen Erfahrungen erhielt.
Damit erfüllten die Compositores da Bahia eine der edelsten
Aufgaben der Kunst - zu provozieren, aufzurütteln und ein Bewusstsein
zu schaffen für die kulturellen Werte, der Grundlage für die
geschichtliche Identität eines Volks.
In der Einleitung zu seinem Essay lädt Widmer
die Leser dazu ein, Werte, Meinungen und Verhaltensweisen in Bezug auf
Kultur im allgemeinen und auf Kunst im besonderen zu überdenken. Mit
der Hellsichtigkeit und Klarheit des großen Lehrers und Kunstförderers
fordert Widmer zur beständigen kritischen Denken auf, auch zum Nachdenken
über die Notwendigkeit einer Verpflichtung der öffentlichen Hand
gegenüber Kunst und Kultur. Nach Widmer wird in den Regierungsprogrammen
die Kultur noch stets als "Anhängsel" behandelt. In Wirklichkeit sei
Kultur jedoch ein "fundamentaler Baustein unseres Lebens", der "direkt
verantwortlich für die Ausgeglichenheit der Völker und der Individuen"
sei und "alles auszeichnet, was wir tun, denken oder erträumen, unsere
Verhaltensweisen und Gefühle (...) Sie ist Wurzel, Antenne,
eine Art von Plazenta oder Biosphäre, die jeder von uns mit sich bringt,
die man sich in langen Lehrjahren angeeignet hat und aufrechterhalten muss.
(...) Kunst, die von den Institutionen, welche sie eigentlich fördern
müssten, als Luxus und unwichtig aufgefasst wird, ist in Wirklichkeit
der höchste Ausdruck des Lebens, Katalysator und Essenz mit Doppelfunktion:
die eine unmittelbar, ein bewusstes Anpassen der vielen Faktoren des persönlichen
und gesellschaftlichen Lebens an die verschiedenen Ausbildungsformen; die
andere mittelbar, der geschichtliche Bezug. Nicht umsonst identifizieren
wir Völker durch ihre Kunst, durch das, was Kulturgut genannt wird;
ein Gut, das genau genommen allen gehört." (Widmer, 1979:17-18)
Die Universität, als "Quelle der Kultur und
des Wissens", müsste "die kulturelle Leitungfunktion des Milieus übernehmen.
Liegt es doch an ihr, Mittel zu finden, damit sich das kulturelle Leben
frei entwickeln und von Stockungen befreien kann." (a.a.O.:19-20)
Im Sinne dieses Verantwortungsbewusstseins waren
die Aktivitäten der Compositores da Bahia stets darauf gerichtet,
in erster Linie ihrem Publikum, aber auch den kulturellen Institutionen
- der Universität, der Secretaria de Educação do Governo
Estadual (Kulturabteilung der bundesstaatlichen Regierung), der Secretaria
de Turismo do Município de Salvador (Tourismusabteilung der Sadt
Salvador), dem Goethe-Institut und anderen - eine neue Sichtweise von Kunst
und zeitgenössischer Musik zu vermitteln. Mit dem Ziel, die kulturelle
Welt des Komponisten und die des Publikums einander anzunähern, entwickelte
die Gruppe eine Arbeitsweise, die auf der Interaktivität zwischen
Künstler und Gesellschaft basiert. Geprägt war diese Wechselwirkung
durch den Respekt vor der kulturellen Vielfalt und die Berücksichtigung
der unterschiedlichen kulturellen Artikulationsformen des Publikums, verbunden
mit der Haltung eines vorsichtigen "Abhorchens", um Ethnozentrismen zu
vermeiden. Das Publikum, das sich mit dieser Linie identifizierte, schätzte
die Arbeit der Gruppe als eine Bewegung von authetischer Kraft ein und
nahm aktiv an ihr teil. Mit der Ausdehnung der Aktivitäten konnte
die Gruppe auch mit einer zunehmenden Unterstützung durch offizielle
Stellen rechnen.
Die Apresentações de Jovens Compositores
stützten sich auf die drei Säulen Unterricht, Konzert und Austausch.
Sie bildeten den Nährboden für die kulturelle Ausstrahlung der
Gruppe und bezogen Studenten aus weiten Teilen des Landes, ortsansässige
Lehrer, Gäste und Teile der Bevölkerung mit ein. Dieses offene
und bewegliche Modell, das schon den Festivals Arte*Bahia zugrundelag
und heute noch in den Semanas de Música Contemporânea
weiterlebt, ermöglicht die Begegnung mit dem musikalisch Neuen in
einer Weise, daß Vorurteile über Herkunft, Stil, Gattung und
anderes abgebaut werden.
Die Komponistengruppe von Bahia begründete
durch ihre Unternehmungen ein wirksames Modell der informellen Musikvermittlung.
Sie bezog eine Gegenposition zum bestehenden konsumorientierten Monopol
der Kulturproduktion und -verbreitung, legte Wert auf Inhalte und regte
zur aktiven Teilnahme am kreativen Prozeß an. Auf der anderen Seite
schufen die Aktivitäten der Gruppe innerhalb der universitären
Lehrpläne eine Art Laboratoriumsituation, was für die Kompositionstudenten
Ansporn und Wohltat zugleich bedeutete. Zu einer Zeit, in der die meisten
Komponisten am Syndrom des Unveröffentlichtseins litten - bis heute
hat sich nicht viel daran geändert - hatten die Gruppenmitglieder
das Privileg, alle ihre Werke aufgeführt zu sehen. Schon 1970 gab
es einige von ihnen, die kein einziges nicht uraufgeführtes Werk besaßen.
(Widmer, 1970:5)
Widmer zufolge wurde dieses Phänomen ermöglicht
durch die "Konstellation Schöpfer-Interpret, oder Lehre-Vermittlung,
mit den unerlässlichen Ensembles." (a.a.O.) Diese Modellkonstellation
sorgte für eine enge Verbindung von Kompositionspraxis und Aufführungspraxis,
auch von einer in den Universitätbetrieb eingebundenen zeitgenössischen
Musik und dem Publikum. Hier liegt vielleicht eine Antwort auf die Fragestellung
des brasilianischen Musikwissenschaftlers Enio Squeff, der sich in seinem
Artikel A música contemporânea brasileira e o Brasil
(Die brasilianische zeitgenössische Musik und Brasilien) fragte, warum
von einem bestimmten Moment an der Kern der bahianischen Komponisten sich
von der brasilianischen Gemeinschaft isolierte. (in: Art, Revista
da Escola de Música da Universidade Federal da Bahia, Nr. 13, 1985,
S. 73-83)
Da die Gruppe sich stets um die Dokumentation ihrer
künstlerischen Aktivitäten bemühte, hinterließ sie
eine bemerkenswerte Fülle von Material (die Boletins Informativos,
die Serie Compositores da Bahia), das zukünftigen Forschern
eine kritische Einschätzung ihrer kulturellen und erzieherischen Aktivitäten
in der Metropole Salvador ermöglicht.
© 2001 Ilza Nogueira
(übersetzt aus dem Portugiesischen von Ariane Petri)
Quellen
- Boletim Informativo do Grupo de Compositores da Bahia. Salvador:
Seminários de Música da UFBA, n. 1, 1967, 14p.
- Cerqueira, Fernando: A composição musical contemporânea
na Bahia de 1962 a 1992. In: O renascimento baiano revisitado, seminário
realizado na Academia de Letras da Bahia (Salvador, 4-6/6/1992, Original
Typoskript)
- Widmer, Ernst: O Grupo de Compositores da Bahia e as Apresentações
de Jóvens Compositores. In: Boletim Informativo do Grupo de Compositores
da Bahia, n. 3, Salvador: Seminários de Música da UFBA, 1968,
22p.
- ders.: Introdução ao Boletim Informativo do Grupo de
Compositores da Bahia, n. 4, Salvador: Seminários de Música
da UFBA, 1970, 18p.
- ders.: Ensaio a uma didática da música contemporânea.
Original Typoskript, 1972. Cadernos de difusão cultural da UFBA
05, Salvador: Gráfica Universitária, 1979, 76p.
- ders.: Travos e Favos. In: Art 13, Revista da Escola de Música
da UFBA. Salvador: Editora Universitária, 1985, 63-71.
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