Rameaus Spätwerk Les paladins: Die digitalisierte OpernbühneJosé Montalvo auf neuen Wegen der Inszenierung
Der Clou an der Inszenierung ist, dass sie die Handlung in genau das Milieu verpflanzt, aus dem die Tänze stammen. Wenn die Hauptfigur, die schöne Argie, in ihrer Auftrittsarie singt: „Trostlose Stätte, eintönige Einsamkeit, wie ist mir dieser Ort verhasst“, dann wird die virtuelle Kulisse des Schlosses, in dem sie und ihre Begleiterin Nérine vom geilen alten Senator Anselme unter Verschluss gehalten werden, mit der trostlosen Skyline der inzwischen notorisch bekannten Pariser Banlieue überblendet. Bei ihren Auftritten entsteigen Chor und Ballett einer geräuschlos über die Bühne gleitenden Métro. Technische Perfektion und geschmackssichere Stilisierung verhindern indes das Abgleiten in Sozialkitsch und platte Aktualisierung. Vielmehr stellt sich jener typisch französische Haute-cuisine-Effekt ein, der auch schon für die Modetänze zu Rameaus Zeiten galt: Durch die Adaption in die obere Kultursphäre werden die unsublimierten populären Vorlagen ästhetisiert und veredelt. Auch musikalisch hat die Produktion mit William Christie und Les Arts Florissants hohes Niveau. Die jungen Akteure sind stimmlich in brillanter Verfassung und bewegen sich mit verblüffender Selbstverständlichkeit an der fragilen Grenze zwischen spielerischer Leichtigkeit und Empfindungstiefe, die den Reiz von Musik und Inszenierung ausmacht. Große Kunst und gegenwartsnahe Unterhaltung, erotisches Flair und technisch avancierte Mittel werden in dieser Produktion auf selten geglückte Weise zur Übereinstimmung gebracht. Sie eröffnet interessante Perspektiven auf eine zeitgemäße Inszenierungspraxis jenseits der verbissenen Diskussionen um das so genannte Regietheater. © Max Nyffeler, 2006
(März/2006)
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