Viva Zumbi!

Der brasilianische Freiheitskämpfer Zumbi als Theaterfigur

'Er ist nicht gestorben, er lebt  in jedem von uns', singt Graça Omaxilê mit der Musikgruppe Ilê Aiyê aus Salvador, der Hauptstadt von Bahia im Nordosten Brasiliens. Il AiyOlodum, die bekannteste unter den salvadorianischen Karnevalsgruppen, setzte auf eine 1995 erschienene CD groß den Slogan: '300 Jahre Zumbi', und die gleichnamige Theatergruppe aus Salvador machte Zumbi zum Helden eines sozialkritischen Bühnenstücks. Dazu Medienberichte, Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen in mehreren Städten. Das war 1995, dreihundert Jahre nach Zumbis Tod. Zumbi war damals das große Thema in der afrobrasilianischen Kultur Brasiliens. Aber bis heute ist der Mythos lebendig geblieben, auch ohne Gedenkjahr.

1995 war er bis nach Europa herübergeschwappt. Circulando, das muntere Kommunikationsorgan für Exil- und Wunschbrasilianer in Deutschland, schmückte sein Titelblatt mit einer knallbunten Revueszene: ein halbnackter schwarzer Adonis mit steil erhobenem Schwert in der Linken, umrahmt von einem Kranz knieender Verehrerinnen mit feuchten Lippen. Viel Medienpräsenz für einen Nobody.Il Aiy

Wer war Zumbi? Er war im 17. Jahrhundert der Anführer eines Quilombo mit Namen Palmares in der Nähe von Pernambuco im Nordosten Basiliens. Quilombo nannten die entflohenen schwarzen Sklaven ihre Siedlungen in unwegsamem Gelände, in denen sie eine Selbstverwaltung nach dem Muster ihrer angolanischen Vorfahren errichteten und die sie oft lange gegen die Angriffe der portugiesischen Kolonialtruppen verteidigten. Palmares konnte sich fast ein Jahrhundert lang behaupten. Die Siedlung wurde 1695 vernichtet, nachdem Zumbi, ihr letztes Oberhaupt, von einem Gefolgsmann an die Weißen verraten worden war. Dreihundert Jahre später wird Palmares von den geschichtsbewußten schwarzen Brasilianern nicht nur als Vorbild für ihren eigenen Kampf um Selbstbestimmung gefeiert, sondern als erste freie Republik auf brasilianischem Boden überhaupt.

Die historische Erscheinung Zumbis hat im kollektiven Gedächtnis längst mythologische Züge angenommen. Für das movimento negro, die schwarze Bürgerrechtsbewegung im modernen Brasilien, hat sie sich als öffentlichkeitswirksame Identifikationsfigur erwiesen, mit deren Hilfe die emanzipatorischen Losungen auch in die weniger gebildeten Unterschichten hineingetragen werden können. Knapp hundert Jahre nach der faktischen Abschaffung der Sklaverei in Brasilien ist Gleichberechtigung zwar auf dem Papier, aber noch längst nicht in der Realität vorhanden, und die Protagonisten des movimento negro wissen, daß der Kampf nicht nur auf der ökonomischen, sondern fast mehr noch auf der kulturellen Ebene geführt werden muß. Das neue Selbstbewußtsein der Schwarzen manifestiert sich in der Suche nach den afrikanischen Wurzeln ihrer Kultur. Es zeigt sich in den religiösen Riten, in Musik, Liedtexten und Theaterstücken ebenso wie in der Alltagskultur, etwa in Küche oder Bekleidung. Die nie ganz verschütteten Überlieferungen der alten Sklaven oder das, was heute, gefiltert durch die internationale Kulturindustrie, von Afrika neu über den Atlantik kommt, wird einem Akkulturationsprozeß unterworfen und in neue Lebensformen eingeschmolzen.

Die Millionenstadt Salvador ist seit Jahren ein Brennpunkt dieser Entwickung. Sie war früher Brasiliens wichtigster Einfuhrshafen für die afrikanischen Sklaven, und noch heute besteht ihre Bevölkerung überwiegend aus Schwarzen. Der kulturelle Synkretismus besitzt hier unübersehbar ein politisch-emanzipatorisches Moment. Die neue bahianische Popularmusik hat kaum noch etwas mit der Samba von Rio, dafür umso mehr mit Afrika und der Karibik zu tun - auch mit medialen Showelementen. Ein junger schwarzer Aktivist aus einer der vielen Selbsthilfegruppen, die den Slumkindern nicht nur Sambarhythmen, sondern auch Lesen, Schreiben und Hygiene beibringen, sagte im August 1995 in einem Seminar mit angehenden Musikerziehern an der Universität von Bahia über seine Kindergruppe: 'Ihre Vorbilder sind Zumbi und Bob Marley.'

Mitten drin in dieser bahianischen Szene, in der untere und obere Kultursphäre, lokale, nationale und internationale Einflüsse sich in aufregender Weise vermischen, sitzt die Banda de Teatro Olodum, die Theatergruppe Olodum, die den künstlerisch faszinierendesten Beitrag zum Zumbi-Gedenken lieferte. Sie existiert seit 1990 und ist im Teatro Vila Velha beheimatet, das während der Militärdiktatur in den siebziger Jahren ein Zentrum der kulturellen Opposition darstellte. Ihr Leiter, der Regisseur und Theaterdirektor Marcio Mereilles, kann auf eine stolze Reihe von Bühnenproduktionen zurückblicken. Ihr Markenzeichen ist die Verbindung von experimentellem Ansatz und sozialkritischer Thematik. In der Regel arbeitet Mereilles mit Laien oder halbprofessionellen Darstellern, die er in jährlichen Workshops aussucht. Seine Inszenierungen sind meist das Resultat eines langen kollektiven Entwicklungsprozesses, wodurch die Mitwirkenden einen Teil ihrer eigenen Lebenswirklichkeit in das Stück einbringen können und so zu hundertprozentiger Identifikation mit ihrer Rolle bereit sind.

Mit der Trilogie Die Leute vom Pelourinho über die schwarzen Anwohner des barocken Altstadtviertels von Salvador, brachte die Truppe in den frühen neunziger Jahren einen Teil der eigenen Erlebniswelt und zugleich ein Stück Lokalgeschichte auf die Bühne. (Der Pelourinho, wo früher die Skaven verkauft und öffentlich bestraft wurden, war lange ein Brennpunkt schwarzen Lebens und schwarzer Kultur; durch Sanierungsmaßnahmen ist sein Slum-Charakter so gut wie verschwunden, Touristen und Spekulanten machen sich breit.) Bedeutende Projekte kamen mit Unterstützung des lokalen Goethe-Instituts zustande, etwa ein authentischer 'schwarzer' Woyzeck oder ein Workshop, in dem die Truppe in Zusammenarbeit mit Heiner Müller und Heiner Goebbels eine bahianische Version von Medeamaterial erarbeitete.

Die Zumbi- Produktion des Theaters Olodum, die das Inszenierungsteam um Marcio Mereilles im Sommer 1995 auch als Gastinszenierung mit der Black Theatre Co-operative in London (mit anschließender UK-Tournee) auf die Bühne brachte, war eine revuehafte Folge von Dialogen, Songs, Tänzen mit Musikeinlagen und Tonband. Die in siebzehn Bildern erzählte Geschichte von Zumbi wird verknüpft mit historischen Reminiszenzen an die Sklaverei und aktuellen Szenen aus dem täglichen Leben in der Favela, Momentaufnahmen voller Aggression und Haß, aber von Solidarität und Liebe. Die 'Handlung' setzt sich zusammen aus den individuellen Einfällen der einzelnen Darsteller, die vom Regisseur ineinander verwoben und zu einem Theaterabend von sinnlich-explosiver Aussagekraft montiert wurden. Schneidend aggressive Dialoge wechseln ab mit akrobatischen Tanzeinlagen, präzis choreographierte Massenszenen mit nüchternen Berichten vom Tonband über die Methoden der Sklavenausbeutung und dröhnenden Trommelrhythmen, die direkt in den Unterleib fahren.

Das Inszenierungsteam mit Marcio Mereilles, Cícero Antônio (Musik) und Zebrinha (Choreographie) hatte ein leichtes Spiel. Jeder Schauspieler, jede Schauspielerin ein szenisch-musikalisch-tänzerisches Multitalent, keine Spur von Laienunwesen, wie es in solchen Fällen hierzulande üblich ist, sondern überschäumende Vitalität gepaart mit Bühnengewandtheit und Intelligenz.

Ein Theater ohne Dauersubventionen, mit extrem launischen Sponsoren und geringen Honoraren, die Zukunft permanent unklar. Das einzige gesicherte Kapital einer solchen Truppe  ist die spürbare Lust jedes einzelnen, mit seinem Körper mitzuteilen, was ihn innerlich bewegt. Der europäische Zuschauer schaut und hört sich das alles sprachlos an, schluckt dreimal leer und zieht einen Vergleich mit dem deutschsprachigen Subventionstheater.

© 1999 by Max Nyffeler

Bildnachweis: Ausschnitt aus dem Titelbild einer CD von Ilê-Ayê und Max Nyffeler

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