Hans Pfitzner, der Unverdauliche

Ein genauer Blick auf das Werk ist nötig. Eine Münchner Diskussionsrunde

Hans Pfitzner (*1869 Moskau, +1949 Salzburg) ist die Gräte im Hals des deutschen Musikbetriebs. Mit schöner Regelmäßigkeit  beginnt ein öffentliches Räuspern, das sich zum Husten und Würgen ausweiten kann, wenn wieder irgendwo ein Werk von ihm gespielt wird. Denn wie soll man mit einem Komponisten umgehen, der zweifellos einige außergewöhnliche Werke schrieb und zugleich ein verbohrter Nazimitläufer und Antisemit war?

Am Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober 2007, hatte Ingo Metzmachers seine Orchesterkantate „Von deutscher Seele“ in Berlin aufgeführt und prompt eine heftige Debatte entfacht: Darf man, wenn überhaupt, an einem solchen „nationalen Tag“ Pfitzner spielen, der sich gerne "den deutschesten aller deutschen Komponisten" nannte? Natürlich darf man. Vor allem, wenn es wie hier nicht um Politik, sondern schlicht und einfach um einen erfolgreichen PR-Coup in eigener Sache geht. Denn der Erfolg gibt immer recht.

Zu einem kleinen Problemfall wurde dagegen das Ende Oktober im Jüdischen Gemeindehaus in München angesetzte, ursprünglich für woanders geplante Konzert der Philharmonischen Kammersolisten, bei dem unter anderem Pfitzners Sextett op. 55 aus dem Jahr 1945 gespielt werden sollte. Aufgescheucht durch wilde Pressekommentare im Vorfeld des Konzerts entschlossen sich Musiker und Veranstalter, das Werk aus dem Programm zu  nehmen. Hinterher war keiner so recht glücklich über die Entscheidung.

In der Hoffnung, etwas mehr Sicherheit in den pannenreichen Umgang mit Pfitzners Musik zu bringen, luden nun Anfang Dezember die Münchner Philharmoniker und das städtische Kulturreferat zur Diskussion. Das Thema lautete: „Kann man Weltanschauung komponieren?“ Damit lag der Akzent der von Oswald Beaujean moderierten Dreierrunde – der Vierte, der in Sachen Pfitzner erfahrene Dirigent Christian Thielemann, hatte aus gesundheitlichen Gründen abgesagt – auf einer ästhetischen Fragestellung, und das Herumrühren in der braunen Suppe von Pfitzners politischen Überzeugungen, die inzwischen hinlänglich bekannt sind, hielt sich in Grenzen.

Man war sich einig: Bei allen unappetitlichen Handlungen dieses politischen Irrläufers, angefangen von der Beteiligung am Münchner Kesseltreiben gegen Thomas Mann 1933 - der ihm übrigens bis dahin stets wohlgesinnt war – bis zur Solidaritätsadresse von 1946 an den in Nürnberg bereits zum Tode verurteilten Hans Frank, den „Schlächter von Polen“, hinterließ Pfitzner ein musikalisches Werk, das einer differenzierten Auseinandersetzung dringend bedarf.

Man müsse wegkommen von den ohnehin hoffnungslosen politischen Rechtfertigungsversuchen und Pfitzners Werke dem ästhetischen Wettbewerb mit seinen Zeitgenossen aussetzen, forderte Gerhard R. Koch. Nur so seien ihre Qualitäten und Widersprüche klar zu erkennen. Als Problemkomplexe nannte er Pfitzners nationalistisch verengten Romantikbegriff, seinen affirmativen Umgang mit dem Wort, der weit hinter der Qualität seiner Instrumentalpartien zurückbleibe, und die verschwiemelte Idee des „musikalischen Einfalls“, die Pfitzner nicht als musikalisch-technischen Kategorie, sondern als metaphysische Eingebung verstanden haben wollte.

Lauter Ambivalenzen sieht auch der Komponist und Kulturmanager Peter Ruzicka, der schon in den achtziger Jahren in Berlin bei einer damals noch mangelhaften Informationslage eine Pfitzner-Retrospektive versuchte. In manchen Werken erblickt er weiterhin unerschlossenes Potenzial. In seiner bei allen politischen Vorbehalten positiven Bewertung – „eine Musik, die selbstreflexiv fortschreitet“ – weiß er sich einig mit unverdächtigen Zeitgenossen wie Dieter Schnebel, Wolfgang Rihm und Hans Zender. Der erste Aktschluss aus der Oper „Palestrina“, bekannte Ruzicka, gehöre für ihn zur großen Musikliteratur. Pfitzner bleibe aber eine Wunde, die sich nicht schließe.

Der Münchner Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer zählt das Werk gar  zu den Gipfelwerken der Operngeschichte, glaubt aber nicht an eine grundlegende Pfitzner-Renaissance; die heutige Rezeption sei primär die Angelegenheit zweier Dirigenten, Thielemann und Metzmacher.

Über seinen „Palestrina“ hatte Pfitzner 1917 als Motto noch einen Ausspruch von Schopenhauer gesetzt: ". . . und neben der Weltgeschichte geht schuldlos und nicht blutbefleckt die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaft und der Kunst." Neunzig Jahre und zwei Totalitarismen später weiß man es besser. Damit eröffnet sich vielleicht auch ein neuer Zugang zu Pfitzners Werk, jenseits der sterilen Alternative von exkulpierender Verdrängung und Ächtung. Musik und Ideologie müssen in ihrer Wechselwirkung betrachtet, die Werke auf ihre Beschädigungen und möglichen Widerstandskräfte hin untersucht werden. Weghören geht nicht mehr.

Dass der Fall Pfitzner offensiv und ohne Beschönigung angegangen werden müsse, darüber herrschte bei der Münchner Diskussionsrunde Einvernehmen. Und auch der unerwartet große Publikumsandrang bestätigte: Es besteht Aufklärungsbedarf in Sachen Pfitzner und seiner Musik.

© 2007 Max Nyffeler
Eine Printfassung dieses Texts ist erschienen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 4.12.2007

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