Philippe Manoury beim Festival „Piano plus" 2007

Die Pianistin Catherine Vickers leitet eine facettenreiche Konzertreihe im ZKM Karlsruhe

Neben den zahlreichen Forschungs- und Lehreinrichtungen im audiovisuellen Bereich beherbergt das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe auch das  Institut für Musik und Akustik (IMA). Das 1991 gegründete, heute von Ludger Brümmer geleitete Institut widmet sich der musikalischen Forschung und Produktion an der Schnittstelle zu den neuen Medien. Auf diesem Feld hat es zahlreiche Initiativen entwickelt, angefangen von der Entwicklung neuer musikalischer Software über die Erteilung von Stipendien und Aufträgen für Kompositionen, die in den hauseigenen Studios realisiert werden, bis zu öffentlichen Veranstaltungen und zur Edition einer CD/DVD-Reihe gemeinsam mit dem Label Wergo. Zusammen mit dem SWR-Experimentalstudio Freiburg hat das IMA auch den Giga-Hertz-Preis für elektronische Musik ins Leben gerufen; erster Preisträger war 2007 der Engländer Jonathan Harvey.

Anders als beim Freiburger Schwesterninstitut, das dank seiner mobilen  Live-Elektronik bei Festivals in ganz Europa mitwirkt, spielen sich die Aktivitäten des IMA größtenteils inhouse ab. Das ist zwar weniger spektakulär, aber ebenso wegweisend und unverzichtbar wie die anders gelagerte Tätigkeit der Freiburger Kollegen. Die Veranstaltungen des IMA finden im Blauen Kubus statt, einem würfelförmigen Raum mit einer einzigartigen Beschallungstechnik – über die 47 ringsherum verteilten Lautsprecher kann jede Art von virtuellem Raumklang erzeugt werden.

Der Blaue Kubus ist jedes Jahr im Dezember auch Schausplatz des Festivals „Piano plus“, einer von der Pianistin Catherine Vickers programmierten Veranstaltungsreihe mit Kompositionen für Klavier mit Elektronik. Mit der Mischung von neuen und älteren Werken gibt das Programm einen informativen Überblick über die noch junge Geschichte des Genres.

Ein Klassiker der Live-Elektronik: Manourys "Pluton"

Im Zentrum des Festivals 2007, das vom 13.-15. Dezember stattfand, stand ein Klassiker des Genres: die fast einstündige Komposition „Pluton“ für Midi-Klavier und Computer des  heute in San Diego lehrenden Philippe Manoury. In dem 1989 uraufgeführten Stück kommt erstmals die heute weit verbreitete Software MAX zur Anwendung, die Miller Puckette damals in Zusammenarbeit mit Manoury am Ircam entwickelte und mit der Parameter wie Räumlichkeit, Tonhöhen und Klangstreuung gesteuert werden.

Der Komponist geht aber hier noch einen Schritt weiter und lässt die Elektronik in eine lebendige Interaktion mit dem Spieler treten: Indem der Computer die digitalisierte Notation abtastet und zugleich auf bestimmte Merkmale der Interpretation reagiert, beeinflusst er in Echtzeit die innere Struktur der Musik und damit den Prozess der Aufführung. Im Zusammenspiel von Christian Nagel am Klavier und Philippe Manoury an den Reglern entstand eine grandiose Klanglandschaft, die in ihrem Facettenreichtum ebenso beeindruckte wie in der souverän gestalteten Großform.

Manourys „Pluton“ besitzt alle Merkmale eines Prototyps des Genres, der nicht so leicht eingeholt werden kann. In der Komposition „I Kill by Proxy“ für Klavier, Schlagzeug und Computer nutzte Michael Edwards alle Schikanen der Raumklangakustik im Blauen Kubus, doch blieb er zu oft in der bloßen Darstellung der Möglichkeiten stecken und ließ es, anders als Manoury, an einer genuinen ästhetischen Botschaft fehlen.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgte dagegen Peter Ablinger in seiner Werkreihe „Voices and Piano“, indem er die Obertonspektren gesprochener Sätze analysiert und sie in pianistische Akkordfolgen umwandelt. Der an sich reizvolle Versuch, der von Catherine Vickers akkurat demonstriert wurde, leidet dann aber doch etwas an der Abbild-Mechanik – eine Beschränkung auf den Klavierklang, ohne vorheriges Zuspielen der Sprechsätze, wäre für die hörende Imagination anregender gewesen.

Catherine Vickers bildet zusammen mit Pi-hsien Chen ein fabelhaftes Klavierduo, das aber diesmal leider nur in der Uraufführung von „madu 0.8 pyong“ von Martin Bergande in Erscheinung trat; das Stück verrät konzeptionelle Fantasie und schafft klar von einander abgesetzte Klangräume. Demgegenüber lebt die bereits 1985 entstandene Komposition „Eisharmonie“ von Christoph Staude für  sechs Pianistinnen an zwei Klavieren von einem Überschuss an aufgestauter Energie, die sich in aggressiven Akkordballungen entädt.

Zukunftsmusik mit Instrumental-Elektronik?

In einem kommentierten Konzert präsentierte Siegfried Mauser mit Werken von Jan Müller-Wieland, Hans Jürgen von Bose, Georg Friedrich Haas, Olga Neuwirth und Gerd Kühr fünf völlig unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema „Klavier plus“. Die Vielfalt der Werke ließ erkennen, dass von einer ästhetischen Enge der Gattung nicht die Rede sein kann. Wie viel Potenzial die Kombination von Instrumentalklang und Elektronik überhaupt birgt, ging auch aus dem Videointerview hervor, das Ludger Brümmer 2004 mit Karlheinz Stockhausen im Zusammenhang mit dessen Arbeit an „Licht-Bilder“ am IMA führte und das nun zum Gedenken an den Komponisten wieder gezeigt wurde. Der Komponist ist darin ganz der alte Visionär, für den die Zukunft der Live-Elektronik gerade erst begonnen hat.

© Max Nyffeler 2008

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(Datum/2001)

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