Musica rediviva

Die neue Blütezeit der Münchner musica viva unter Udo Zimmermann

Die Erwartung war groß, als 1997 mit der Übergabe der Leitung an Udo Zimmermann eine neue Ära der musica viva begann. Nicht nur, weil damit nach dem Gründer Karl Amadeus Hartmann und dessen Nachfolger Wolfgang Fortner erstmals wieder ein Komponist zum Zuge kam, sondern auch, weil die Konzertreihe zu ihrem fünfzigjährigen Bestehen an einem kritischen Punkt angelangt war. Die Fortschritts- und Materialgläubigkeit, auf die sich der wie auch immer prekäre Wertekanon der Avantgarde in den ersten Nachkriegsjahrzehnten gestützt hatte, war zu Ende, und die um sich greifende Orientierungslosigkeit schlug auch auf die Festivals und Konzertreihen durch.

Man befand sich, wie Ulrich Dibelius 1997 in einer Standortbestimmung zum Auftakt der Ära Zimmermann feststellte, am Ende eines Jahrhunderts,

"dessen Fin-de-siècle-Phase eher durch kumulative Überfrachtung gelähmt als durch Aufbruchsstimmung vorangetrieben"

erschien, in der alle Einflüsse durcheinander liefen und sich auf dem Bazar der neuen Medien eine muntere Vielfalt der Erscheinungen bemerkbar machte. Dibelius resümierte:

"Nur eines gab es und gibt es in diesem postmodernen Labyrinth nicht mehr: den einheitlichen Weg zum selben Ausgang." (1)

Diesen Weg hat Udo Zimmermann in bisher sechs von ihm verantworteten Spielzeiten natürlich auch nicht gefunden – wer wagte in unserer multiperspektivistischen Welt noch den Wegweiser zum einzig gültigen Pfad der Wahrheit aufzustellen? Doch unter seiner Leitung ist es der musica viva innerhalb kürzester Zeit gelungen, ein Netz von Orientierungspunkten zu schaffen, durch das sich in der wuselnden Vielfalt der Gegenwartsmusik so etwas wie eine Logik des Chaos etablieren konnte. Schwerpunkte, Gravitationsfelder, Entwicklungslinien wurden sichtbar gemacht, historische Bezugspunkte und Zukunftsperspektiven aufgezeigt.

Eine unerwartete, heftige Dynamik nach innen und außen war die Folge. Schon in der ersten Spielzeit war der Publikumszuspruch enorm, und nach zwei Jahren konnte Albert Scharf, der Intendant des Bayerischen Rundfunks, entgegen der Skepsis, die sich in den Jahren zuvor angesammelt hatte, bilanzieren:

"Die Säle sind voll und die Abonnentenzahlen steigen sprunghaft – wir stehen an einem ähnlichen Punkt wie seinerzeit Karl Amadeus Hartmann, der nach mühevollen Jahren des Aufbaus den wachsenden Besucherstrom zunächst skeptisch betrachtete und die Hoffnung äußerte, dass es sich bei dem wieder erwachten Interesse für zeitgenössische Musik nicht etwa um ein Strohfeuer handle." (2)

Heute weiß man: Es ist so wenig ein Strohfeuer wie zu Hartmanns Zeiten. Auch noch sieben Jahre nach dem fulminanten Neuanfang muss der Andrang der Abonnenten gebremst werden, damit genügend Karten für den freien Verkauf bleiben.

Wie kommt dieses weit herum einmalige Phänomen zustande, dass – in einer Zeit, da allerorten über das angeblich erlahmende Interesse an klassischer Musik lamentiert wird – eine Konzertreihe mit alles andere als leicht verdaulicher Kost einen so andauernden Erfolg hat?

Das hat sicher einerseits mit dem Münchner Publikum zu tun, das, oft als konservativ gescholten, immer wieder zu unerwarteten Liebesbezeugungen an die Moderne fähig ist; eine ähnliche Identifikationsbereitschaft hat sich auch schon bei Hans Werner Henzes Musiktheater-Biennale gezeigt. Dann ist es aber vor allem das Verdienst Udo Zimmermanns. Er erkannte instinktiv die charakteristische Mischung aus Traditionsbewusstsein und Aufbruchsbereitschaft, die die Institution und ihr angestammtes Publikum kennzeichnet, und reagierte darauf mit einem Konzept, das sich in den Grundzügen an den Gründer der musica viva anlehnte.

"Es war Karl Amadeus Hartmann, der vor mehr als fünfzig Jahren bei der Namensgebung seiner Konzertreihe das Lebendige höher bewertete als das Neue",

rief er in Erinnerung. (3) Das wirklich Lebendige, so Zimmermann, suche nach Zwischentönen im Chaos der gegenwärtigen Erscheinungen, nach einer neuen Originalität und artikulierten Zeit. Das Neue als solches und die bloße Ereignishaftigkeit des Klangs reichten nicht aus, um das Denken und Fühlen in Widersprüchen, das unsere Gegenwart kennzeichne, wiederzugeben. Zimmermanns Forderung an die Musik und das Hören lautete:

"Wir benötigen ein wach registrierendes Bewusstsein, das Wirklichkeit nicht verdrängt, sondern sie auszuhalten vermag, vielleicht auch, um ihr eine Perspektive zu verleihen oder auch nur, um Widerspruch zu artikulieren gegen ihre Hoffnungslosigkeit. In diesem Sinne versteht sich die musica viva als Forum, das Impulse aufnimmt und abgibt, als Freiraum, der Neuorientierung ermöglicht und nicht Anpassung sucht."

Zur praktischen Realisierung dieser Grundsätze schuf Zimmermann eine Stelle mit den Aufgabenbereichen Dramaturgie und Künstlerische Produktion; sie war zuerst von Winrich Hopp besetzt, dem 2001 Achim Heidenreich nachfolgte. Die Programmdramaturgie verfolgt im wesentlichen drei thematisch-historische Hauptlinien, die mit folgenden Stichworten umschrieben werden können: Klassiker der Avantgarde, Wiederentdeckung vergessener Komponisten aus dem zeitlichen Umfeld des Zweiten Weltkriegs, Nachkriegs-Avantgarde und Gegenwartsschaffen. Den wichtigsten Programmteil nimmt natürlich das Gegenwartsschaffen ein. Rund siebzig Uraufführungen nennt die Übersicht über die ersten sieben Jahre. Die Liste zeigt eine beeindruckende stilistische, inhaltliche und geografische Breite.

Dazu kommt eine noch größere Anzahl von Werken der letzten Jahrzehnte, die richtungweisend waren oder sogar Musikgeschichte gemacht haben. Viele davon erklangen zum ersten Mal in München, so etwa das abendfüllende szenische Ritual "Inori" von Karlheinz Stockhausen, das einen Schwerpunkt gleich in der ersten Saison setzte, der konzertant gespielte Operneinakter "Neither" von Morton Feldman oder "Rituel – in memoriam Bruno Maderna" für acht Orchestergruppen von Pierre Boulez. Eingebettet sind solche herausragenden Produktionen in ein Umfeld von wenig gespielten, aber signifikanten Werken der letzten fünfzig Jahre. Die unerhörte Vielfalt der Gegenwartsmusik wird durch Programmschwerpunkte und thematische Reihen übersichtlicher gestaltet. So werden etwa Komponisten als Dirigenten eigener Werke eingeladen, was zu viel beachteten Komponistenportraits u.a. von Boulez, Kagel, Berio und Stockhausen geführt hat.

Experimentelle Tendenzen kommen zum Zug in den zwei Sonderveranstaltungen und zwei Studiokonzerten. Letztere tragen die unverwechselbare Handschrift von Josef Anton Riedl – eine fruchtbare, vom Publikum gern wahrgenommene Ergänzung zu den sechs Orchesterkonzerten. Sie sind Schauplatz von Projekten an der Grenze zu Klanginstallation und Performance und öffnen sich zur Medienkunst und Lautpoesie. Aber auch zwei szenische Produktionen von Heiner Goebbels, "Eislermaterial" (zum 100. Geburtstag von Hanns Eisler) und "...Même soir.–" / "... am selben Abend.–" mit den Percussions de Strasbourg oder ein Frank-Zappa-Projekt mit dem Ensemble Modern fanden in den Sonderveranstaltungen ihren Platz.

Parallel zu dieser Ausweitung der stilistischen, geografischen und gattungsmäßigen Grenzen hat sich seit 1997 eine Erweiterung der Spielorte vollzogen. Der Herkulessaal, seit Hartmanns Zeiten die Heimat der musica viva, ist längst nicht mehr der einzige Konzertort. Nach und nach sind die Muffathalle, der Carl-Orff-Saal im Gasteig, das Prinzregententheater, die Kammerspiele und neuerdings auch die Lukaskirche dazugekommen.

Darin manifestiert sich eine Dynamik, die das ganze Unternehmen musica viva charakterisiert und ihren Motor in der Programmdramaturgie selbst hat. Ihr Generalnenner heißt Öffnung: Öffnung in neue städtische Räume, hin zu neuen Veranstaltungsformen und Publikumssegmenten, zu andern Medien, Institutionen und Veranstaltern.

Gleich von Anfang an wurde in Zusammenarbeit mit der Firma BMW ein Kompositionspreis ausgeschrieben, mit dem Ziel, junge Komponisten und Komponistinnen zum Schreiben von Orchesterstücken für die musica viva zu ermuntern. Der renommierte Wettbewerb wurde 2002 bereits zum dritten Mal durchgeführt. Im Jahr 2000 startete sodann beim Label col legno eine CD-Reihe mit herausragenden Aufnahmen der musica viva, die bis Herbst 2003 auf sieben Titel angewachsen ist.

Innerhalb des Bayerischen Rundfunks sind die Veranstaltungen heute noch besser integriert. Neben den traditionellen Live-Übertragungen der Sinfoniekonzerte – die Studioveranstaltungen werden meist zeitversetzt gesendet – bringt der Rundfunk jeweils am Dienstag vor den Konzert unter dem Titel "Vorzeichen" eine Einführungssendung, und der Bildungskanal Alpha des Bayerischen Fernsehens zeigt Sonntag abends viertelstündige Ausschnitte aus Konzerten und Proben, ergänzt durch Interviews mit den Komponisten und Interpreten.

Eine unverwechselbare Grafik, die aus Programmheften und Plakaten einen Blickfang macht, sorgt für eine Corporate Identity auch auf der optischen Ebene. Bei der zunehmenden Diversifizierung der Produkte, die die Bezeichnung "musica viva" tragen, ist somit eine gute Erkennbarkeit in der visuellen Kommunikation gewährleistet. Die früher institutionell eher verschlossene, auf ein Stammpublikum eingestellte Konzertreihe hat sich für alle sichtbar zu einem Markenprodukt gewandelt, das in einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird und Teil eines weit geknüpften Netzes von Kooperationspartnern ist. Dieses Netz soll in absehbarer Zeit durch Kooperationsprojekte über die Grenzen hinweg auch international erweitert werden.

Dreh- und Angelpunkt des ganzen Unternehmens ist aber immer noch das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Es war schon bei Karl Amadeus Hartmann die tragende Säule und bleibt es trotz aller Zusatzprogramme auch heute. Seine ständige Mitwirkung verleiht der Konzertreihe ihren einmaligen Charakter. Es gibt weit und breit keine zweite Einrichtung für neue Musik, bei der ein Orchester von internationalem Spitzenrang auf so kontinuierliche und intensive Weise am Entstehungsprozess neuer Werke teilnimmt wie das in München geschieht.

Ohne diese nunmehr rund fünf Jahrzehnte umspannende Aktivität des Orchesters sähe die Geschichte der Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anders aus. Die Chancen stehen zur Zeit gut, dass diese singuläre Konstellation auch unter den schwierigeren kulturellen Rahmenbedingungen des beginnenden 21. Jahrhunderts fortdauern kann.

Anmerkungen

1. U. Dibelius: Ansichten – Aussichten, in: Programmvorschau der Saison 1997/98
2. A. Scharf: Editorial zur Programmvorschau der Saison 1999/2000
3. U. Zimmermann: Editorial zur Programmvorschau der Saison 1998/99

© 2003 Max Nyffeler

Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung eines Beitrag zum Programmheft der "musica viva" vom 7.11.2003 in München (Hrsg. Bayerischer Rundfunk)

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