Komponieren im Kleinstaat Schweiz: Gehen hier die Uhren anders?

Beobachtungen eines Grenzgängers zur Musik in der Schweiz

Ein „Tonkünstlerfest“ in Berlin, Zwickau oder Bayreuth, mit Aufführungen ausschließlich deutscher Komponisten? Das passt wohl nicht mehr so richtig in die heutige Zeit. Eine „Fête des musiciens français“ in Paris, Cannes oder Besançon? Auch das nähme sich heute sonderbar aus, schon weil man mit dem Ausdruck „musicien français“ gleich den vor zweiundneunzig Jahren verstorbenen Claude Debussy assoziiert. Aber ein „Tonkünstlerfest“ beziehungsweise eine „Fête des musiciens“ der Schweizer Komponisten in Biel, Kreuzlingen oder Lausanne: Das passt. Warum? Vermutlich hat es etwas mit dem „Sonderfall Schweiz“ zu tun – damit, dass hier die im 19. Jahrhundert wurzelnde bürgerliche Vereinstradition nicht durch Krieg und Faschismus aufgerieben wurde, und dass auch der Schweizerische Tonkünstlerverein, der Veranstalter dieser Feste, trotz seinem Alter von inzwischen hundertzehn Jahren noch immer voll funktionstüchtig ist.

Das Festhalten an alten Traditionen ist aber auch eine Frage der Mentalität, und diese ist wiederum geprägt vom Leben im Kleinstaat und vielleicht noch von einem letzten Rest von republikanischem Bewusstsein, aus dem heraus er 1848 gegründet wurde und bis heute überlebt hat. Man nimmt seine Angelegenheiten in die eigene Hand, also organisiert man auch seine Tonkünstlerfeste selbst. Ist nun die Tatsache, dass das Tonkünstlerfest 2010 unter die Fittiche des Lucerne Festival schlüpfte, nun ein Zeichen für die schwindende Kraft des Selbstorganisationsprinzips? Das wäre ein voreiliger Schluss, denn es ließe sich ja auch von Synergieeffekt sprechen. Als reine Standesorganisation im Bereich der Kultur hat der Tonkünstlerverein zweifellos genügend Widerstandskraft, um dem Erosionsprozess zu entgehen, dem die traditionellen politischen Institutionen der Schweiz heute ausgesetzt sind. Solange die Subventionen fließen, die von diesen Institutionen gewährt werden. Und als reines Zweckbündnis von Individualisten ist er sicher auch weniger anfällig für die Identitätskrisen, die gegenwärtig in diesem Land die Runde machen.

Erosion, Identitätskrise? Solche Feststellungen mögen als abwegige Schwarzmalerei erscheinen. Es läuft doch alles prima, auch wenn sich die Politik zankt! Und für einen Komponisten sind sie wohl schlicht nebensächlich; im Zentrum seiner Überlegungen stehen zu Recht Fragen der künstlerischen Selbstverwirklichung, der Arbeitsorganisation und der Aufführbarkeit seiner Werke. Ein distanzierter Beobachter schaut über solche Dinge vielleicht allzu großzügig hinweg. Dafür fallen ihm auch Dinge auf, die aus der Nahperspektive eher übersehen werden.

Unbehagen im Kleinstaat? Selber schuld!

Er fragt also zum Beispiel: Was geht einen Komponisten die Tendenz zur politischen Selbstentmündigung des Kleinstaats Schweiz an, der sich immer enger an ein von Grund auf undemokratisches, sehnsüchtig auf neue Nettozahler wartendes Konstrukt namens EU kettet? Die Frage geht meist ins Leere, denn offensichtlich hat sie für einen Komponisten in der Schweiz keine existenzielle Bedeutung. Kann er doch alle Vorteile nutzen, die sein globalisiertes, weltoffenes und unerhört reiches Land zu bieten hat, und dazu gehören ein allgemein hoher Lebensstandard, vielfältige Fördermaßnahmen und eine lokale und regionale Veranstalterdichte, die auch den bescheidensten künstlerischen Erzeugnissen noch zu einem kurzen Leben verhilft. Wozu also noch das Festhalten an nationalen Kategorien, die sich in der täglichen Wirklichkeit als nutzlos erweisen? Der Komponist hat auch die Freiheit, die beschränkten Verhältnisse im Kleinstaat, die sich leider nicht wegdiskutieren lassen, zu kritisieren und ein anderes System herbeizusehnen, heiße das nun Sozialismus, Brüssel oder platonischer Intellektuellenstaat. Doch vermutlich fühlt er auch, dass die Mitgliedschaft im Tonkünstlerverein unter diesen Umständen einen leicht folkloristischen Touch bekommt – eine Form der Traditionspflege in Zeiten des Fortschritts nach irgendwo. Und er weiß, dass trotz der vielen Möglichkeiten in dieser kleinräumigen Kulturlandschaft der ganz große Wurf nicht zu machen ist.

Darauf kann er in unterschiedlicher Weise reagieren: Er gibt den äußeren Verhältnissen die Schuld und verlangt höhere Fördermittel; er zieht sich ganz auf sich selbst zurück und kommt nach langer, mühsamer Arbeit zu später Anerkennung; er bringt die nötige Beweglichkeit auf und vertauscht sein sicheres Leben zu Hause mit der Existenz in einem größeren Land, wo er die Karriereziele höher stecken kann, wo internationales Prestige und mediale Aufmerksamkeit winken und wo man Zugang zu den großen Produktionsorten und Veranstalter-Netzwerken findet. Oder er verbindet beides: Ein Leben in der Schweiz und die mobile Präsenz auf den ausländischen Märkten. Das erfordert zwar einigen Aufwand an Zeit und Kraft, ist aber bei den heutigen Kommunikationsmitteln keine Unmöglichkeit mehr. Das „Unbehagen im Kleinstaat“, das Karl Schmid 1963 mit kritischem Scharfsinn analysiert hat, lässt sich heute relativ leicht überwinden, wenn man denn will.

Die Moralfrage

Nicht nur für Exportfirmen, Börsenhändler und Facharbeiter, sondern auch für die Kulturschaffenden haben sich die Verhältnisse in den letzten zwei, drei Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Das zeigt sich etwa in der Leichtigkeit, mit der man heute Anschluss an die internationalen Entwicklungen findet, aber auch im erwähnten Wandel in der Haltung gegenüber den eigenen Traditionen. Die politisch-staatsbürgerlichen Überlegungen, die seit Gottfried Kellers Zeiten in der schweizerischen Kultur immer als Unterströmung vorhanden waren und in ihrer negativen Ausprägung als unfrohe Nörgelei noch in der von Max Frisch beeinflussten Generation zu finden sind, geraten aus dem Blickfeld. An die Stelle der früher hart geführten Diskussionen über die nationalen Befindlichkeiten sind hier wie überall in Westeuropa Aspekte der subnationalen Identitätsbildung getreten: Minderheitsfragen, regionale und soziale Gesichtspunkte, Genderthematik. Der Zeitgeist macht vor Ländergrenzen nicht mehr Halt. Damit wäre der „Sonderfall Schweiz“ auch kulturell erledigt – gäbe es da nicht noch die typisch eidgenössische Spezialität der moralischen Weltbetrachtung, ein altes Erbe calvinistischen Denkens. Man feiert unter Selbstbezichtigungen sein schlechtes Gewissen und engagiert sich zur Entlastung für die Kultur der Unterdrückten in nah und fern. Eine starke Marke, ähnlich wie Uhren, Matterhorn und Luxemburgerli.

Eine andere Frage, die sich dem außenstehenden Beobachter stellt, betrifft die Art und Weise, wie die Schweizer Musikschaffenden ihre Interessen gegenüber Subventionsgebern und Öffentlichkeit vertreten. Ein Vergleich mit dem nördlichen Nachbarn ist in diesem Zusammenhang hilfreich. Dort gibt es den schlagkräftigen Deutschen Musikrat, der seit Jahrzehnten eine äußert erfolgreiche Lobbyarbeit bei Politik, Wirtschaft und Medien betreibt. Anzumerken ist allerdings, dass er in jüngster Zeit zunehmend in die Nähe des Staats gerückt ist und – in der Schweiz undenkbar – heute klaglos akzeptiert, dass die Bundesregierung als Hauptgeldgeber bei allen finanziell wichtigen Entscheidungen ein Vetorecht hat. Der schweizerische Musikrat führt demgegenüber eine Schattenexistenz, bedingt vermutlich durch den starken Föderalismus und die historische Dominanz des Tonkünstlervereins, der sich qua Statut zur Vertretung der Interessen aller Musikschaffenden verpflichtet hat.

Der Kulturminister

Schaut man sich auf der Webseite der Tonkünstler etwas um, so findet man im Frühjahr 2010 neben vielen nützlichen Informationen auch die Schlagzeile „Die Schweiz hat einen neuen Kulturminister.“ Die als „Breaking News“ betitelte Nachricht ist datiert vom 22. September 2009. Hey, denkt sich der Besucher, da habe ich etwas verpasst. Seit wann gibt es in der streng föderalistischen Schweiz einen Kulturminister? Doch, es gibt ihn. Der Mann heißt Denis Beuret, ist Posaunist und erklärt: „Die gegenwärtige Finanzkrise hat leider negative Auswirkungen auf die Kulturfinanzierung. Deshalb scheint mir sehr wichtig, die finanziellen Interessen der Kulturschaffenden tatkräftig zu verteidigen.“ Es folgt eine To-Do-Liste, die von der Förderung der Kreativität durch Steuergelder über die Arbeitslosenversicherung für Künstler bis zur Vereinfachung der Gesuchsverfahren reicht. Das Rätsel – oder der Jux? – klärt sich auf, wenn man die Webseite kulturministerium.ch aufsucht. Hier erfährt man, dass es sich dabei um eine Einrichtung aus der Alternativkultur handelt, die mit solchen fantasievollen Vorstößen in der Öffentlichkeit etwas bewegen will. Ein virtuelles Kulturministerium, das die Handlungsmuster der einst realitätsnahen schweizerischen Basisdemokratie auf postmodern-ironische Weise parodiert.

Das Detail ist symptomatisch für den Mentalitätsunterschied in kulturpolitischen Dingen: Während die Deutschen, wie es ihre Art ist, systematisch und zielgerichtet arbeiten und damit Schönbergs Wunschvorstellung von der hundertjährigen Vorherrschaft der deutschen Musik bedrohlich nahe kommen, wird in der Schweiz noch bis in die offiziellen Kreise hinein gern ein bisschen das Fähnlein der fröhlichen Anarchie geschwenkt, und auch die verträumte Utopie findet noch ihr Plätzchen. Doch im alltäglichen Verteilungskampf geht es dann meist pragmatisch und kompromissbereit zu, und am Schluss bekommt jeder seinen angemessenen, aber natürlich immer zu klein empfundenen Anteil am Kuchen.

Kunst zwischen Markt und Widerstand

Undenkbar wäre unter solchen Voraussetzungen jedoch eine konzertierte Aktion, wie sie kürzlich von Deutschland aus mit weltweitem Radius durchgeführt wurde: Das Ensemble Modern gab an sechzehn Komponistinnen und Komponisten den Auftrag, sich in einer Metropole oder Region von China über den Nahen Osten bis Südafrika einige Wochen lang umzusehen und umzuhören, und brachte die Werke, die daraus entstanden, anschließend auf internationalen Tourneen zur Aufführung. Als Partner holte das Ensemble die Siemens-Stiftung als Geldgeber und als Logistikunternehmen das Goethe-Institut mit ins Boot. Man kann an dem Projekt manches kritisieren, etwa den Geruch des exotischen Kulturtourismus, der ihm anhaftet, doch sein hoher Wirkungsgrad lässt sich nicht leugnen.

Vermutlich gäbe es in der Schweiz auch tragfähige Strukturen und global tätige Unternehmen, die für so ein Projekt zu gewinnen wären.  Doch komprehensives Denken in dieser Form ist in einem föderalistischen Land vermutlich nicht so populär. Dafür wird hier das Recht auf ästhetische Provokation noch bis weit in die Gesellschaft hinein anerkannt, und gelegentlich kann man verwundert beobachten, dass entsprechende Aktionen von einer Förderinstitution wie Pro Helvetia auch noch dann unterstützt werden, wenn sie geschmacklich grenzwertig sind und es in der Folge zu negativen Schlagzeilen oder gar zu Konflikten mit den staatlichen Geldgebern kommt.

Kunst und Politik, beziehungsweise ihre Förderung durch die Politik: Ein Paradox, das in der Schweiz, wo die Skepsis gegenüber dem Staat eine alte Tradition hat, deutlicher als anderswo zutage tritt. Einerseits der „fortschrittliche“ Ruf nach einer Art Staatslohn für die Künstler, andererseits das alte „Recht auf Dagegensein“. Bei dem auf effizientes Funktionieren ausgerichteten Deutschen Musikrat scheint das Nachdenken über dieses Paradox in den Hintergrund zu treten, ebenso bei dem an der Leine des Deutschen Auswärtigen Amts geführten Goethe-Instituts. Marktförderung und politische Opportunität gehen vor. In der Schweiz hat man sich in diesem Punkt offenbar noch mehr Sensibilität bewahrt. Die Uhren gehen hier eben immer noch anders und auf ihre eigene Art präziser.

Das macht es auch möglich, dass Initiativen wie die des selbsternannten Kulturministeriums, die aus der Sicht des Auslands einen dadaistischen Touch haben, hier noch durchaus ernst genommen werden. Appellieren sie doch an die tief verwurzelten oppositionellen Gelüste des Eidgenossen, ob in der Kultur oder anderswo. Seine unterschwellige Renitenz gegenüber „denen da oben in Bern“ ist noch immer der Zwillingsbruder jenes utopischen Freiheitsgefühls, das sich erst ab zweitausend Metern über Meer einzustellen beginnt und das auch in Mahlers Kuhglocken noch einen fernen Nachhall findet.

Den Schweizer Söldnern in früheren Jahrhunderten wird nachgesagt, dass sie durch Jodeltöne zum Desertieren verleitet wurden, weshalb ihnen das Singen verboten wurde. Nichts wäre deshalb heute gefährlicher als ein Alphornkonzert in der Zürcher Bahnhofstrasse – es könnte womöglich revolutionäre Gedanken wecken.

© 2010 Max Nyffeler
Eine leicht gekürzte Version dieses Texts ist im Programmheft des Lucerne Festivals 2010 zu den Konzerten mit Werken von Schweizer Komponisten erschienen.

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