Die musikalischen Bildwelten von Salvatore Sciarrino

Es gibt nur wenige Komponisten, die sich selbst über Jahrzehnte hinweg so treu geblieben sind wie der 1947 in Palermo geborene Salvatore Sciarrino. Unbeeindruckt von Schulen, Ismen und aktuellen Trends hat er seit den sechziger Jahren seinen persönlichen Stil kontinuierlich geformt, ausgebaut und in feinsten Verästelungen ausdifferenziert. Dabei ist ein musikalischer Kontinent von gewaltigen Ausmaßen entstanden, mit einer Vielzahl von Gattungen, Verfahrensweisen, historischen und inhaltlichen Perspektiven. Das Ganze ist durch ein dichtes Netz von Querverbindungen verknüpft und durch einen wachen künstlerischen Instinkt in den Prozessen des realen Lebens verankert.

Im Laufe der Jahre hat sich Sciarrinos Musiksprache verknappt. Die früher luftig-schwebenden Texturen sind heute oft reduziert auf scharf konturierte, durch Pausen getrennte Figuren, deren variative Wiederholungen eine fast magische Wirkung auf den Hörer ausüben. Die in Donaueschingen im vergangenen Herbst von Christian Dierstein uraufgeführte Komposition „Il legno e la parola“ für Marimbaphon und Metallglocke demonstriert dies beispielhaft mit einem radikal auf zwei Grundelemente reduzierten Material. Eine ähnliche Konzentration zeigt sich im neuen Ensemblestück „Vento d’ombra“ mit der sparsam benutzten Klangfarbenpalette von 14 Instrumenten. Ausgangspunkt solcher minimalistischer Konzentrate ist der suggestive mezzavoce-Parlandostil der jüngeren Vokalwerke.

Die Feinheiten von Sciarrinos Musiksprache – die fragilen Texturen, flirrenden Flageoletts, subtilen Geräuschprozesse, das pausendurchsetzte Raunen der Stimmen – sind einerseits den kommunikativen Gesten des menschlichen Körpers nachgebildet, andererseits vibriert in ihnen etwas nach von der Atmosphäre seiner mediterranen Heimat: ferne Naturlaute, klare Tiefenperspektive, der Kontrast von mediterraner Lebensintensität und Kargheit des Terrains, die auserlesene Ausstattung der Innenräume.

Musikalische Charakteristik landschaftlich festzumachen mag heute etwas suspekt erscheinen, im Fall Sciarrinos bietet es sich aber an. „Diese nach Dunkelheit sich verzehrende Helligkeit und Melancholie, die in der unerträglich heißen Landschaft Siziliens ihren archaisch monomanen Grund hat, ist zeitlos wie die Natur, die sie archetypisch beschreibt“. So charakterisiert Hubert Stuppner die Musik Sciarrinos, und er rückt das von den Naturwissenschaften inspirierte Denken seines sizilianischen Kollegen, die Verbindung von empirischer Präzision und schöpferischer Imagination, in die Nähe der vorsokratischen Philosophen, die einst auf der Insel wirkten. Sind die unendlich differenziert gefärbten Luftgeräusche in Sciarrinos Bläserstücken nicht ein spätes Echo auf die genialisch-naiven Experimente des Empedokles, der vor fast zweieinhalb Jahrtausenden in Selinunt den Scirocco mit Eselsfellen zu regulieren versuchte und so den Beinamen „der Windbändiger“ erhielt?

Sciarrinos musikalische Welten sind von Göttern und Sagengestalten der alten mediterranen Kulturen bevölkert. Die Werktitel verweisen auf Faune, Nymphen, Zephir und den ägyptischen Sonnengott Aton, auf Perseus und Andromeda oder einfach nur die „numi“ – die Götter. Dass seine Musik einen solchen Reichtum an Bildwelten evoziert und sich nicht mit abstrakten Materialdispositionen begnügt, hängt zweifellos mit seinem entwickelten visuellen Sinn zusammen. Als künstlerische Doppelbegabung hat Sciarrino schon als Kind gemalt und komponiert, und erst nach und nach trat das Komponieren ganz in den Vordergrund. Zeichnen und malen hat er jedoch nie aufgegeben. Mehrere Ausstellungen zeugen davon, und viele Kompositionen verdanken sich Anregungen aus der bildenden Kunst.

Nicht weniger häufig als visuelle Referenzen sind die Verweise auf andere Musik. Was vom ausgehenden Mittelalter über Bach bis Liszt ganz selbstverständlich praktiziert wurde, setzt Sciarrino aus der Sicht des beginnenden 21. Jahrhunderts fort. Seine Vorlagen reichen von der Renaissance bis zur Filmmusik, die Verfahren der Anverwandlung sind vielfältig. Storie di altre storie“ nennt er  das jüngste dieser Werke für Akkordeon und großes Orchester, das im März 2005 in Köln uraufgeführt wurde und Musik von Mozart, Machaut und Scarlatti einer Relektüre unterwirft. Alte Geschichten werden begutachtet, zerlegt, neu erzählt, umgedeutet. Auch wenn Salvatore Sciarrinos Werken oft bescheinigt wird, ihnen liege eine nicht-narrative Dramaturgie zugrunde – voller Geschichten stecken sie trotzdem. Sie werden nur anders erzählt: in Bildern, als reines Klangdrama und vor allem mit unerschöpflicher Fantasie.

© Max Nyffeler 2005
Printversion: Takte 1/2005, Bärenreiter Verlag Kassel

Dossier Salvatore Sciarrino
Komponisten: Portraits, Dossiers

 

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