Elsas erlesene Träume

Das Monodram Lohengrin von Salvatore Sciarrino an der Piccola Scala in Mailand (1983)

Es ist wohl Zufall, dass die Uraufführung dieses Lohengrin an der Piccola Scala in Mailand mit dem derzeit dräuenden Wagner-Jubiläum zusammenfiel. Denn der Komponist, der Sizilianer Salvatore Sciarrino, knüpft bei seinem Melodram in zwei Teilen an eine ganz andere Überlieferung des Lohengrin-Stoffes an. Es ist nicht die germanisch-wagnerische, sondern die des französischen Ästhetizismus des späten 19. Jahrhunderts.

Sciarrinos Vorlage stammt von Jules Laforgue, der 1887 mit siebenundzwanzig Jahren starb. Eine kurze literarische Karriere führte ihn unter anderem nach Baden-Baden, wo er als Vorleser der deutschen Kaiserin Augusta wirkte. Seine Lohengrin-Version, ein Prosatext, trägt symbolistische Züge, die durch eine melancholische Ironie gebrochen sind. So flieht der hehre Ritter Elsa nicht wegen des übertretenen Frageverbots, sondern weil er ihre sinnliche Nähe nicht ertragen, kann. Dabei verwandelt sich das Kissen des Ehebetts in den Schwan, auf dem er sich in die "Höhen der metaphysischen Liebe" erhebt und entschwindet.

Mit dieser Szene beginnen Sciarrino und sein Ausstatter und Regisseur Pier'alli ihr Melodram. Die Ironie lassen sie aber bald beiseite. Als zentraler Inszenierungsgedanke schält sich der Aspekt des Traumhaften, Irrealen heraus. Elsas Affäre mit Lohengrin wird nämlich als ihre Traumprojektion gezeigt. Der junge Florentiner Pier'alli, der schon 1979 bei der Biennale Venedig durch eine ungewöhnliche Musiktheaterarbeit aufgefallen war und vor einem Jahr bereits Sciarrinos Einakter Vanitas inszeniert hat, lässt seiner stupenden Imaginationskraft freien Lauf, um die mondsüchtigen Phantasmagorien in Bilder umzusetzen.

Die Bühne ist zweigeteilt. Vorne an der Rampe liegt Elsa im Brautbett und träumt ihre Geschichte von Lohengrin, die als fließende Szenenfolge im Bühnenraum dahinter sichtbar wird. Es sind Träume von erlesenster Beschaffenheit. Spiegelkabinette, wundersame Perspektiven durch Korridore und mehrfach verschachtelte Räume, raffinierte Lichteinfälle, Weichzeichnereffekte und künstlich erstarrte Tableaus von Figuren und Requisiten lösen sich in gemessenem, manchmal allzu gleichförmigem Tempo ab: Eine Augenweide für Liebhaber schöner Arrangements und zugleich ein Beispiel für die feinsinnige, leicht geschmäcklerische Variante von experimentellem Musiktheater, wie sie südlich der Alpen häufiger anzutreffen ist.

Das Melodram scheint direkt auf seine szenische Realisierung hin entworfen. Musikalisch passiert weniger. Alle Klänge kommen aus dem Lautsprecher, auch die Gesangs- und Sprachpartikel von der Bühne. Der Instrumentalklang besteht, wie oft bei Sciarrino, aus huschenden Flageolettscharen, Bläsersätzen von gläserner Durchsichtigkeit und kargen, geräuschhaften Tupfern.

Eine überragende Leistung bot Gabriella Bartolomei als (geträumte) Elsa. Nicht nur als schöne Erscheinung, sondern auch als sprechende, flüsternde, vereinzelt singende und vielfältig lauterzeugende Protagonistin war sie allgegenwärtig.

© Max Nyffeler 2005
Printversion: Tages-Anzeiger Zürich, 12. 2. 1983

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