"Es gibt zwei Arten von Fantasie"

Aus einem Interview mit Salvatore Sciarrino

Max Nyffeler: Sie sprachen einmal davon, künstlerische Fantasie zu entwickeln sei anstrengend.

Salvatore Sciarrino: Es gibt zwei Arten von Fantasie: Die eine ist angenehm, weil sie im Grunde genommen eine Flucht bedeutet. Und es gibt eine Fantasie, die kreativ ist und deswegen äußerst unbequem sein kann. Denn man muss etwas ans Licht holen, was noch nicht am Licht ist, und das kostet Kraft. Darin liegt übrigens ein weibliches Element, das von uns meist zensuriert wird. Wir tun so, als ob das eine männliche Fähigkeit sei, doch das stimmt nicht. Männlich daran ist nur der rationale Teil, die ganze Organisation. Aber etwas zum Leben erwecken, und nichts anderes iist Kreativität, ist genuin weiblich. Als Mann schämt man sich dessen meist. Ich schämte mich früher auch, heute tue ich das jedoch nicht mehr. Der schöpferische Akt ist zwar heute eine Angelegenheit beider Geschlechter, aber im Ursprung weiblich. Gott ist eine Frau...

Das wird heute auch von den Feministinnen propagiert.

Die haben einiges nachzuholen. Was mir missfällt: dass sie so spät damit beginnen, Gott zu entdecken – wo ich doch gerade versuche, ihn ein wenig zu vergessen.

Die Doppelgeschlechtlichkeit der Erfindung und des Empfindens lässt sich sehr gut bei einem Komponisten wie Robert Schumann beobachten.

Das Weibliche ist bei ihm nicht zensuriert, und das macht ihn zu etwas Besonderem. Die Ausdruckswerte, die er erschlossen hat, kann man mit der männlichen Vernunft nicht entdecken. Es ist eine andere Lebenswahrnehmung. Ich frage mich auch, was es mit der Intuition auf sich hat, die für meine Musik sehr wichtig ist. Ich denke, auch sie ist weiblich; das männliche Bewusstsein entscheidet in der Regel rational, nicht intuitiv. Doch die Intuition ist eine direktere Form des Bewusstseins, sie ist stärker und emotionaler.

Seit wann sind Sie dieser Überzeugung?

Eigentlich schon immer, auch wenn es mir erst im Laufe der Jahre richtig zum Bewusstsein gekommen ist. Ich merke, dass ich als Person ständig in Entwicklung begriffen bin und doch immer derselbe bleibe – eine wundervolle Sache. Und das gilt auch für meine Musik.

Sie unterliegt gewissermaßen einer ständigen Metamorphose.

Ja. Es scheint immer die gleichen Konfigurationen zu geben, manchmal auch die gleichen Noten. Trotzdem sind sie immer anders. Das ist, als ob man dieselbe Sache bei unterschiedlichem Licht oder in einer anderen Umgebung betrachten würde. Eine Person wird in verschiedenen Räumen völlig unterschiedlich wahrgenommen. Ich erinnere mich, dass vor vielen Jahren einmal ein berühmter Kritiker sagte: Die Kantaten von Bach klingen alle gleich. Moment mal, antwortete ich, nur aus großer Distanz sind sie alle gleich, aber aus der Nähe betrachtet sind sie völlig verschieden! Es stimmt zwar, dass Bach immer dasselbe Problem mit immer ähnlichen Mitteln behandelt. Aber dank einer vielfältigen Kombinatorik kommt er zu vielfältigen Lösungen. Die Notwendigkeit zur Variation hat ihren Grund oft in der Überproduktion, das vergisst man leicht. Das kann man auch bei Mozart beobachten, der Variationsmöglichkeiten manchmal nur in der Instrumentierung sucht. Das macht die Dichte und den Reichtum seines Orchesterstils aus.

Das Prinzip der kontinuierlichen Variation zeigt sich auch in Ihrer Behandlung der Gesangsstimme, etwa in Vanitas, dem „Stillleben in einem Akt“ von 1981, oder in der Oper Luci mie traditrici.

Vanitas war eine Art Punkt Null in meiner Entwicklung, an dem ich das, was ich in den Jahren davor gemacht hatte – die Gestik der absteigenden Linien –, auf wenige Elemente reduzierte, die sich aber ständig veränderten. Das habe ich dann weiterentwickelt, und im Lauf der Zeit bin ich immer freier damit umgegangen. Dieses Prinzip der variierenden Wiederholung einzelner klar definierter Elemente gibt es auch in der Natur. Die Tage zum Beispiel sind sich alle gleich und doch ist jeder anders, und das gilt auch für die Lebewesen oder die einzelnen Zellen: Sie sind gleich und doch verschieden. Darin liegt für mich die Idee der Kreativität, überhaupt der Schöpfung. Das ist vielleicht auch die Achse, um die sich mein ganzes Werk dreht, und wohl auch der Grund, dass meine Stücke manchmal auch so schwierig aufzuführen sind. Es ist nicht eine technische Schwierigkeit; vom virtuosismo, der mir früher oft vorgeworfen wurde, halte ich nichts. Die Schwierigkeit liegt vielmehr darin, die lebendige Logik dieser kleinen, kontinuierlichen Veränderungen zu verstehen und interpretatorisch deutlich zu machen. Das erreicht man nicht einfach durch das Auswendiglernen des Notentextes. Man lernt es nur durch die Beobachtung des realen Lebens. Denn die Wirklichkeit ist immer gleich und ändert sich doch fortlaufend. Sie ist nie virtuos.

© 2008 Max Nyffeler

Der vollständige Text des Interviews ist abgedruckt in: Kontinent Sciarrino, Programmbuch der Salzburger Festspiele 2008, S. 19-23. Das Gespräch fand am 17. April 2008 in Mailand statt.

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