Rolf Urs Ringger. Ein nicht ganz stubenreines Denken

Erinnerungen an gemeinsame Studienjahre 

Was ihm an mir als erstes auffiel und offensichtlich imponierte, war, wie er später einmal sagte, meine Fliegerjacke mit dem Schafsfell. Das aus rohen braunen Lederteilen zusammengenähte Kleidungsstück hatte ich auf einem Pariser Flohmarkt erstanden. 1960 fiel man damit an der Zürcher Universität gehörig auf; nicht wenige Kommilitonen kamen damals noch mit Krawatte in die Vorlesung. Ohne diesen Anflug von Rocker-Outfit hätte ich als naiver Studienanfänger es also wohl verpasst, in engeren Kontakt zu treten mit jenem Rolf Urs Ringger, dem einige biedere Kommilitonen auch schon mal Snobismus nachsagten. Im extrem spießbürgerlichen Milieu der Musikwissenschaftsstudenten – Oberleutnant H. referierte im Seminar über Monteverdi, blassgesichtige Streber klärten über Mozarts Zauberflöte auf und die Achtundsechziger-Revolte war noch in weiter Ferne – wirkte der sechs Jahre Ältere auf mich wie ein Paradiesvogel, der mit leichtem Spott und der Geste des weltgewandten Lebenskünstlers sich über das muffige Klima zu erheben schien. 

Die Aura des Exterritorialen umgab ihn. Er habe in Neapel bei Henze studiert, wurde vielsagend über ihn gemunkelt. Was bei den Kennern der Mensuralnotation und der frühbarocken Figurenlehre abschätzige Bemerkungen provozierte. Für einen wie mich, der sich in den letzten Schuljahren als Pianist in Jazzkellern herumgetrieben hatte und sich beim Studienbeginn den Wiedereintritt in die gehobene Welt der Klassik mit hartem Czerny-Drill erkämpfen musste, bedeutete der Name Henze damals zwar auch nichts Besonderes. Doch wenn dieser Henze, dachte ich mir, in Verbindung mit meinem aufgeweckten Kollegen steht, muss es sich bestimmt um einen interessanten Komponisten handeln. Auch einen andern Namen hörte ich zum ersten Mal von Rolf: Theodor W. Adorno. In der Pause zwischen zwei Vorlesungen über Oratorium und Instrumentalformen der Frühklassik diskutierte er im Tonfall des Wissenden mit einigen anderen Höhersemestrigen über die provokanten Ideen dieses mir unbekannten Autors. Minima moralia, das müsse ich unbedingt lesen, schärfte er mir ein, als ich mich neugierig in die Runde mischte. Da stünden Dinge drin, die uns eine etwas andere Sicht auf die Musik lehrten, als man sie hier praktiziere. Und er wies locker in Richtung Hörsaal. 

Bildungserlebnisse am Rande des Studienbetriebs, erste Erfahrungen mit einem unter akademischen Gesichtspunkten nicht ganz stubenreinen Denken und mit einer Musik, die so gar nicht nach alten Codices und Denkmälern Deutscher Tonkunst roch, sondern irgend etwas mit dem heutigen Leben zu tun hatte. Dem musikwissenschaftlichen Ordinarius Kurt von Fischer, einem wackeren Liberalen, muss man zugute halten, dass er solche Widerreden gegen das herrschende konservative Musikverständnis nicht nur in den Vorlesungspausen duldete und oft auch als neugieriger Hörer mitverfolgte, sondern sie sogar zum Unterrichtsthema machte.

1961, ich war im dritten Semester und Rolf Ringger stand kurz vor dem Studienabschluss, führte von Fischer ein Seminar zur Musik des 20. Jahrhunderts durch, ein revolutionärer Schritt für damalige Verhältnisse. Ringger referierte über das Thema seiner Doktorarbeit, den Komponisten Anton Webern. Er führte Reihenstrukturen nicht als Abzählübung vor, sondern analysierte die Werke mit der Kompetenz und Sensibilität eines Praktikers, eben eines Komponisten. Webern war für ihn strukturierte Musik und nicht musikalische Struktur. Er erschien mir als ein künstlerischer Mensch, der sich zufällig in die Hörsäle verirrt hatte und stets von einem Hauch von Freiheit und frischer Luft umgeben war. Einer, der sich mit einer gewissen Nonchalance in den Kopf gesetzt hatte, möglichst rasch noch den Doktortitel zu machen und dann dem Akademismus Adieu zu sagen. Mit der für ihn charakteristischen Mischung von begrifflicher Leichtigkeit und kompositorischer Intelligenz gelang ihm das dann auch auf fast spielerische Weise. Worauf er sich den wichtigeren Dingen, dem Komponieren, zuwandte.

In den Gesprächen mit Rolf Ringger, ob zu zweit oder in einer grösseren Runde, hatte ich manche musikalischen Aha-Erlebnisse. Die geistige Atmosphäre, in der sie sich abspielten, war geprägt durch Freude am Argumentieren, einen lebhaften Wissensaustausch und selbstbewusste Ironie, garniert mit kleinen privaten Witzeleien und Anspielungen, die aber nie in Bösartigkeit oder Intrige abglitten. Man redete über alles in flottem Wechsel. Vom genüsslich formulierten Einverständnis mit Adornos Kritik des Musikanten konnte er einen plötzlichen Schwenk zu den schönen Beinen der Klavierstudentin Noëlle S. machen, die ihm neulich aufgefallen waren. Dazu kam die Begeisterung für musikalische Hörabenteuer von Wagners Tristan über Debussys Iberia und Mahlers Zweite bis zu den Orchestervariationen von Schönberg und Weberns Kantaten. Dem Jazz gegenüber verhielt er sich ambivalent. Einerseits bewunderte er den Rhythmus und die Kraft dieser Musik, andererseits erschien ihm, dem an Debussy, Webern und Henze geschulten Ästheten, der unsublimierte Ausdruck etwas ungemütlich, die Form war ihm zu schematisch und das Ganze nicht raffiniert genug.

Zum Schauplatz der Gespräche wurde mehr und mehr das Café Odeon, wo sich nach den Vorlesungen, oft bis weit in den Abend hinein, um Rolf eine kleine Runde Gleichgesinnter versammelte, die ihre neusten Erkenntnisse in Sachen Musik, Literatur und Kunst zum besten gaben, sich über den langweiligen Universitätsbetrieb mokierten und nebenbei die ganz grossen Lebensperspektiven entwarfen. Erich S. sagte Profundes über die Form des letzten Satzes von Mahlers Neunter, Hansueli J. wusste über Kafka besonders gut Bescheid, und ein Neuer in der Runde, ein Gemanistikstudent, eroberte sich schnell den Respekt aller mit seinen detaillierten Auskünften über Thomas Manns Doktor Faustus, über den er seine Doktorarbeit schrieb. Die zusammenfassenden Worte sprach oft Rolf. Er war eine Art heimliche Autorität, die aber gern akzeptiert wurde, da er sie nicht eigennützig ausspielte. Frauen war in der Runde kaum je zugegen. Es waren Männerthemen, die auf dem Tapet standen, und diskutiert wurden sie nach Männerart, mit dem Gestus der geistigen Überlegenheit und im Bewusstsein der intellektuellen "Verfügbarkeit des Materials", wie der adornitische Ausdruck lautete, dessen Gebrauch damals als Ausweis eines kritisch-avancierten Musikverständnisses galt.

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre löste sich dieser Intellektuellenstammtisch langsam auf, die Teilnehmer entschwanden in alle Himmelsrichtungen, und die Zeit war nicht mehr nach Debatten über Partituren und Romantheorien. Zur Pflichtlektüre gehörten neben Adorno jetzt auch Marx und Marcuse, und die besonders Politischen hörten Popmusik. Diesen Weg ist Rolf Ringger nicht gegangen, obwohl er sich später immer wieder neugierig nach den Hintergründen, Motiven und Zielen der "Achtundsechziger" erkundigt hat. An seinem ästhetischen Bewusstsein sind deren Postulate letztlich abgeprallt. Er spürte von Anfang an intuitiv, was wir andern erst später merkten: dass den politischen Losungen, so "lustvoll" sie auch eine neue Einheit von Kunst und Leben propagierten, ein eminent unkünstlerischer Impuls innewohnte.

In seiner konsequenten Haltung als Einzelgänger, der keinem Trend nachläuft, blieb sich Rolf Ringger durch all die turbulenten Zeiten hindurch stets treu. Wenn er dann in seinem selbstironischen Tonfall anmerkte: "Ich bin doch schon immer links gewesen", so konnte man das fast glauben. Zumindest relativierte er damit auf eine belustigende Art die Dampfhammerideologien, die sich hinter dem Kampf der Begriffe versteckten. Von ihnen hat er sich stets fern gehalten.

@2005 Max Nyffeler

Dieser Text ist erschienen im Buch "Vorrei volare! Ein Buch über, mit und von Rolf Urs Ringger", hrsg. von Matthias von Orelli, Kranich-Verlag, Zollikon/Zürich 2005.

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