Walter Smetak - Der Klangbastler von Bahia

Auf den Spuren eines Abgetauchten
 

Auf der Homepage des weltbekannten brasilianischen Liedermachers Gilberto Gil findet man auf der Unterseite  http://www.gilbertogil.com.br/smetak/taktak1.htm die Abbildungen von ungewöhnlichen Klangerzeugern. Sie tragen Titel wie Colloquio (Gespräch), Amem (Amen), Disco voador (Fliegende Untertasse) und beeindrucken durch die Phantasie und Sorgfalt, mit der sie geschaffen wurden. Klangplastik von Walter SmetakEs sind 'Plasticas sonoras', Klangplastiken, gemacht zum Hören und zum Schauen: klingende Metall- und Holzkörper von schwebender Eleganz, Saiteninstrumente mit archaischen Resonatoren aus Kürbis- und Kokosschalen, Apparate mit einem Gewirr von Schläuchen, eine pittoreske Drehleier, eine Harfe in Form eines Fischs.

Ihr Schöpfer war Walter Smetak, Instrumentenbauer, Klangexperimentator und Tüftler mit Freude am spekulativen Denken. Er wurde 1913 in Zürich als Sohn tschechischer Eltern geboren, studierte Cello in Salzburg und hatte, so heißt es, Unterricht u. a. bei Pablo Casals. 1937 wanderte er nach Brasilien aus. 'Ich dachte, es wäre besser, mich auf das freiheitliche Durcheinander der Tropen einzulassen als mich dem von Hitler angezettelten europäischen Desaster auszuliefern', sagte er später. Nach Jahren des Herumziehens landete Smetak schließlich 1957 in Salvador, der Hauptstadt des Bundesstaates Bahia im Nordosten Brasiliens. Der ebenfalls 1937 emigierte Deutsche Hans-Joachim Koellreutter, Leiter der neugegründeten Musikabteilung an der Universität Bahia, hatte ihm eine Stelle angeboten. Salvador wurde Smetaks zweite Heimat.

In dieser Stadt, in der sich Ausläufer der europäischen und nordamerikanischen Kulturen, Reste indianischer Naturmystik und der omnipräsente Einfluss Afrikas zu einem Gemenge mit explosiv-vitalem Zukunftspotenzial verdichten, fand er das geistige Klima, das ihn inspirierte. Hier kam er zu seiner esoterischen Weltsicht, hier trieb er, stets auf der Suche nach dem Unbekannten, Ungesicherten, seine physikalisch-akustischen Studien und entwickelte sein Konzept einer aus den Fesseln der Tradition befreiten Musik. Das alles lässt ihn heute als entfernten Verwandten von Pionieren wie Julián Carrillo, Edgard Varèse und John Cage erscheinen, der im 'Durcheinander der Tropen', weitab der großen Zentren, seiner Experimentierlust frönte. In seinem Laboratorium im Kellergeschoss der Musikschule von Bahia schuf er im Lauf der Zeit rund 150 Klangerzeuger und gab Unterricht. Zu seinen Schülern gehörte Ende der sechziger Jahre auch Gilberto Gil, der ihm nun auf seiner Homepage ein Denkmal setzte.Klangplastik von Walter Smetak

Als Smetak am 30. Mai 1984 an einem Lungenemphysem starb, hinterliess er ein Kabinett voller phantastischer Instrumente und Geräte, stapelweise Manuskripte und wenige Veröffentlichungen. Die kaum greifbare Quintessenz aus alledem: ein ebenso sperriges wie genialisches Gedankengebäude - eine Mischung aus wissenschaftlichen Beobachtungen und metaphysischen Spekulationen, ästhetischen Postulaten und musikalischen Experimenten. Keine einfache Aufgabe für die inzwischen gegründete Smetak-Gesellschaft, die sich zum Ziel gesetzt hat, Smetaks Werk für die Nachwelt am Leben zu erhalten. Nicht einmal die Instrumente, der konkreteste Teil dieser Hinterlassenschaft, sind ohne weiteres zu verstehen. Ohne die Kenntnisse ihrer Tonstruktur und der Intentionen ihres Schöpfers bleiben es sphinxhafte Rätselskulpturen.

Was Smetak künstlerisch anstrebte, waren offene Prozesse mit improvisatorischem Charakter. Seine Partituren scheinen in ihrer Mehrzahl grafisch konzipierte Spielanweisungen zu sein; das zeichnerische Element hat oft einen Eigenwert und tendiert zur Kalligraphie. Er notierte in seinem Aufsatz  Como componho : ''Der Prozess [des Komponierens] kann sich im Schreiben der Symbole aufs Papier abspielen. Ich ziehe jedoch die Improvisation vor, die ich eventuell auch auf Tonband aufnehme, und setze sie hinterher in Geschriebenes um. Ich lasse mich lieber auf das Unvorhergesehene ein und analysiere dann beim 'Vorspielen' der Aufzeichnung die musikalischen Elemente.'' Das erinnert an den eigensinnigen Giacinto Scelsi. Die für die europäische Hochkultur konstitutive Auffassung von Musik als einer Kopfgeburt wird damit relativiert, die Arbeitsteilung in geistige und körperliche Tätigkeit, in Komposition und Interpretation, aufgehoben. Smetaks Vorstellungen sind beeinflusst von der afrobrasilianischen Musikpraxis, in der, ähnlich wie im Jazz, mündliche Tradition, Körpererfahrung und Improvisation eine zentrale Rolle spielen. Bei seinen Studien zur Mikrotonalität berief er sich auf den Mexikaner Julián Carrillo (1875-1965), mit dessen Untersuchungen er zumindest in den Grundzügen vertraut war (in seinem Buch  O retorno ao futuro (ao esperito) ).

Doch das Resultat seiner jahrzehntelangen Experimente war etwas Unverwechselbares und Eigenes. Die kollektive Erfahrung war für ihn äußerst wichtig. Was er sich theoretisch ausdachte und als Instrumentenbauer ausprobierte, suchte er im Diskurs des Unterrichts und der Gruppenimprovisation zu verifizieren. Plattenaufnahmen und Fotos verraten etwas von der Atmosphäre einer spiritistischen Seance. Eine in lockerem Kreis angeordnete Gruppe von Verschworenen, die sich von der Welt abwenden und sich ganz auf das, was zwischen ihnen passiert, konzentrieren - Kammermusik mit esoterischem Einschlag. Es handelt sich um eine fein gearbeitete, lebhafte und introvertierte Musik mit einer komplexen Textur. Ihre Kraft liegt nicht in der großen Geste, sondern in der unendlichen Vielfalt der Farben und Schattierungen, im geheimnisvollen Irisieren der mikrotonalen Klänge.

Als ein Neopythagoräer, der in seinen Klangskulpturen ein fernes Echo der Sphärenklänge hörte, schuf sich Smetak eine Privatmythologie von erstaunlichen Dimensionen. Klang und Stille waren für ihn, ähnlich wie für John Cage, zwei Dimensionen ein und derselben Sache: Scheingegensätze, die in einer höheren Einheit aufgehoben sind. Chinesisches Horoskop und Tonartensymbolik, Vorsokratiker und Relativitätstheorie, Kabbala und Mikroton gebören zu den Ingredienzien seines synkretistischen Weltbildes. Und über allem thront Madame Blavatsky, die russische Theosophin aus der Epoche des untergehenden Zarenreichs. Eine Tabelle aus ihrer 1888 erschienenen Geheimlehre, in der sie die zehn Planeten des ptolemäischen Weltbildes den Wochentagen, Metallen, Körperteilen und Farben zuordnet, gibt ihm den Schlüssel für eine Tonsymbolik in die Hand, die die Musik im Kosmos und im Innern des Menschen verankern soll.

Walter Smetak ist bis heute eine brasilianische Erscheinung geblieben. Die professionellen Entdecker aus dem europäischen Musikbetrieb, die sonst alle fünf Erdteile nach 'Neuem' durchkämmen, haben ihn bislang schlicht übersehen. Einmal tauchte er zwar überraschend in Europa auf, bei dem Lateinamerika gewidmeten 2. Festival der Weltkulturen (Horizonte '82) in Berlin; doch sein Workshop wurde praktisch nicht zur Kenntnis genommen. In der Ersten Welt existiert Smetak nicht. Kein mediengewandter europäischer Kollege, der ihm, wie es Ligeti mit Nancarrow tat, bei den deutschen Rundfunkanstalten den roten Teppich ausgelegt hätte. Aus einem Dritte-Welt-Armenhaus wie Bahia kommt einer nicht so schnell heraus. Aber vielleicht ist Smetaks Platz doch in diesem kulturellen melting pot am Rand des Südatlantiks. Hier ist der ideale Nährboden für solche Visionen, denn entgegen der Begriffsstutzigkeit mancher europäischer Hinterweltler hat hier die Zukunft tatsächlich schon irgendwie begonnen.

© 1999 by Max Nyffeler

Erstveröffentlichung in: Neue Zeitschrift für Musik 2/1999, Mainz. Weiterverwertung (auch in Auszügen) nur mit Genehmigung des Autors.
Die Abbildungen stammen aus der Homepage Gilberto Gil.

Anmerkungen

Walter Smetak: Como componho ('Wie ich komponiere'), verfasst 1979, in: Katalog zur Ausstellung der Smetak-Instrumente, 5.4.-4.5.1989, Teatro Gregorio de Mattos, Salvador ( nach oben)
Walter Smetak: O retorno ao futuro (ao esperito) -'Die Rückkehr in die Zukunft (zum Geist)' -, hg. Associaçao dos Amigos de Walter Smetak, Salvador, o.J., S. 187 f. ( nach oben)
Langspielplatten: Smetaks Musik wurde auf zwei LPs veröffentlicht (beide vergriffen): Smetak. Philips 6349 110, Brasilien 1974, und Interregno, Walter Smetak und sein Mikrotonensemble. Discos Maraus Pereira, Sao Paulo 1979.

Walter Smetak

 

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