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April 2008

Quoten und Inhalte

Die Logik der Einschaltquoten, Pferdefuß der heutigen Massenmedien, ist ein Dauerärgernis, das man als Mediennutzer manchmal nur noch achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Zu übermächtig ist der kommerzielle Druck, der dahinter steht. Doch manchmal wird dieses üble populistische Geschäftsprinzip unverhofft ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerückt wird, was für die so genannt Verantwortlichen, die sich für nichts als den Profit verantwortlich fühlen, dann äußerst unangenehm ist.

So geschehen nun vor Ostern, als führende Vertreter beider christlicher Konfessionen die Feiertagsprogramme des Privatfernsehens scharf kritisierten. Die mit Blick auf hohe Einschaltquoten eingesetzten Brutal- und Horrorfilme betrachteten sie als zynische Begleitmusik zum Osterfest und als Ausdruck eines Todeskults, der dem Sinn von Ostern als Fest des Lebens diametral widerspricht. Pointiert wurde festgestellt: „Die CDU hat das Privatfernsehen doch gefördert und glaubte, die TV-Qualität werde sich bessern. Ich war da immer schon skeptisch. Nicht immer sorgt der freie Markt für Qualität.“ Das sagte Reinhard (nicht Karl) Marx, der neue Erzbischof von München.

Unbequeme Wahrheiten, die umso schwerer wiegen, als man ihnen nicht vorwerfen kann, sie kämen von der ewigen Nörglertruppe der bösen linksliberalen Besserwisser. Entkräftet werden sie auch nicht durch die Widerreden seitens der Angegriffenen und ihrer publizistischen Helfer etwa in „SZ Online“, wo die Proteste in gut neoliberaler Manier als Meinung von vorgestrigen Medienbanausen abgetan und in eine rechte parteipolitische Ecke abgeschoben wurden.

Verräterisch war die Argumentation der SAT1-Sprecherin im Hinblick auf einen als besonders anstößig empfundenen Karfreitagsfilm: „’Stirb langsam’ ist ein beliebter Filmklassiker, was die Zuschauerquote am Karfreitag auch gezeigt hat. Insofern ist er ein angemessener Feiertagsfilm." Auch um diesen Klartext darf man dankbar sein: Angemessen ist, was Quoten bringt, Inhalte spielen keine Rolle. Die Aussage ist in höchstem Grad zitierfähig.

Und nun – um dem Verdacht entgegenzuwirken, hier würden wieder einmal die kostbaren NMZ-Spalten für sachfremde Reflexionen missbraucht – die Gretchenfrage: Was hat das alles mit Musik zu tun? Sehr viel, gerade wenn man die Bemühungen um eine bessere Medienpräsenz der zeitgenössischen Musik betrachtet. Auch hier gilt die Quote als unschlagbares Argument. Doch der Vergleiche ist auch etwas windschief; es gibt zu viele Unterschiede, inhaltlich und argumentativ.

Eine klare, allgemein akzeptierte Wertebasis, auf die sich die Kirchen bei ihrer Argumentation abstützen können, fehlt bekanntlich der zeitgenössischen Musik. Da reicht etwa der formale Hinweis auf den Minderheitenstatus nicht. Er reicht bei gesellschaftlichen Minderheiten, die sich bei ihrem Bemühen um Anerkennung auf die Menschenrechte berufen können. Doch bei der neuen Musik geht es nicht um solche existenziellen Fragen, sondern um kulturelle Optionen. Hier läuft die Forderung nach Minderheitenschutz ins Leere, und erst recht das kuriose Einklagen eines subventionierten Rechts auf „experimentelles Scheitern“, wie es gelegentlich zu hören ist. Diese Mentalität, ein schwaches Abfallprodukt der philosophisch gut begründeten negativen Ästhetik der Nachkriegszeit, erhebt künstlerisches Versagen zur Tugend. Wer will dafür schon etwas zahlen?

Glaubhafte Legitimationsstrategien bedürfen glaubhafter Inhalte, und hier tut sich leider vielerorts ein großes Loch auf. Es geht nicht um Kirchenkantaten und Staatssinfonien, sondern um die Reflexion grundlegender Fragen im Werk selbst. Diese laufen letztlich auf die alles entscheidende Frage hinaus: Wozu schreibe ich eigentlich Musik? Die Stücke, denen solche inneren Auseinandersetzungen anzuhören sind, finden unwillkürlich mehr Resonanz als jene, die bloß wegen der besseren Präsenz am Markt geschrieben wurden. Das Publikum spürt den Unterschied. Nur so kann, um einen alten Begriff auszugraben, „gesellschaftliche Relevanz“ entstehen. Und nur so gibt es auch mehr Rückhalt in der Öffentlichkeit, wenn wieder einmal um bessere Sendeplätze und Konzertprogramme gestritten wird.

© 2008 Max Nyffeler. Der Text darf ohne Erlaubnis des Autors nicht weiter verwertet werden.

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