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Dezember 2004

Humankapital

Mit der Entscheidung der Ministerpräsidenten der Länder, die Erhöhung der Rundfunkgebühren nicht in der von der KEF vorgeschlagenen Höhe zu genehmigen, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einen Argumentationsnotstand geraten. Er muss einerseits begründen, warum die rund 350 Millionen Mehreinnahmen nicht genügen, und warum er andererseits ausgerechnet beim Kulturauftrag, der ihn ja von den kommerziellen Sendern unterscheidet, nun den Rotstift ansetzt und sich von Klangkörpern, Konzertreihen und Minderheitensendungen trennen will.

Wohin werden die Mehreinnahmen fließen? In die Personalausgaben und Honorare sicherlich nicht, denn wie überall in der Wirtschaft wird hier auch beim Rundfunk tüchtig abgebaut. Wahrscheinlicher ist, dass ein Teil des Geldes vom ständigen Wettlauf um technische Neuerungen verschlungen wird. Und noch wahrscheinlicher ist, dass noch mehr in den Wettbewerb mit den Privaten auf dem Feld der Quotensendungen fließt.

Vermutlich wird ein weiterer Teil auch in jenem schwarzen Loch versacken, das wie ein Krebsgeschwür jeden ausschließlich nach ökonomischen Gesichtspunkten betriebenen Umbau von Großunternehmen begleitet: in den externen Beraterverträgen, im internen Verwaltungsmehraufwand, in läppischem Werbeglamour. Und nicht zuletzt in den massiven Abschreibungen auf das sogenannte Humankapital, bedingt durch eine Demotivierung der Mitarbeiter, die sich in kommunikativen Reibungsverlusten und schlechteren Produkten ausdrückt. Solche "Nebenkosten" können sich zu einer fatalen Hypothek mit Außenwirkung summieren. Nichts kann bekanntlich das Image eines ganzen Konzerns so nachhaltig beschädigen wie ein Montagsauto.

In den Bilanzen tauchen diese Nebenkosten nicht auf, weil sie sich einer buchhalterischen Bewertung entziehen. Wie soll sich die Frustration eines Mitarbeiters über "die Hierarchen" in Euro berechnen lassen? Wie schlägt die Häme auf der Medienseite einer Tageszeitung zu Buche?

Bei den internationalen Multis ist die Lösung dieses Problems einfach. Öffentlichkeit lässt sich notfalls auch kaufen, und wenn's nicht mehr läuft wie geplant, macht man einfach den Laden dicht und eröffnet ihn in einem andern Land neu. Das Personal wird kollektiv abgestraft, indem ihm die Existenzbasis genommen wird. Diese Logik funktioniert nach dem altbekannten Prinzip der Zerstörung der Ressourcen. Sind sie erschöpft, sucht man nach neuem Rohstoff, und dann geht das Spiel von vorne los.

Solche Strategien kann sich ein großes Wirtschaftsunternehmen leisten, dessen einziger Wert die Bilanzen sind. Ein kulturindustrielles Unternehmen wie der öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat hingegen eine ökonomisch-kulturelle Doppelexistenz. Seine Entscheidungen kann es deshalb nicht treffen ohne Rücksicht auf die sozialen und kulturellen Normen der Gesellschaft, in der es verwurzelt ist.

Das macht die Lage der Öffentlich-Rechtlichen so unbequem. Einerseits müssen sie – gezwungen durch den Druck der Politiker, die sich ihrerseits wiederum der Wirtschaftslogik beugen – sich den ökonomischen Zwängen fügen und unternehmerische Entscheidungen treffen, die kulturell gesehen sinnlos oder sogar destruktiv sind. Aus Quotengründen machen sie sich zum Verkäufer von dummen Seifenserien, endlosem Talkshow-Gequatsche, Klassikgedudel und irrwitzig teuren Sportevents – selbst wenn diese das Gesamtbudget ruinieren. Andererseits müssen sie sich als Vertreter kultureller Interessen profilieren, soll ihr Anspruch auf Gebührenfinanzierung überhaupt noch legitim erscheinen.

Es gibt in der ARD zum Glück noch Verantwortliche, die diese Problematik erkennen und sich nicht mit der kulturellen Blindheit eines effizienzgeilen Managers über die in fünf Jahrzehnten sorgsam aufgebauten kulturellen Vermögenswerte des öffentlichen Rundfunks hermachen, als wären es schrottreife Ladenhüter aus einer vormodernen Epoche.

Andererseits sind auf allen Ebenen der Hierarchie vermehrt die aggressiven Töne zu vernehmen, die man aus Politik und Wirtschaft kennt. Sie stammen von denjenigen, die sich im Einklang mit dem Fortschritt und der Quote wähnen und Andersdenkende als Störenfriede und als Deppen von gestern betrachten. Wenn Redakteure, die den neuen Plaudermodus nicht begeistert unterstützen, in die Isolation gedrängt werden, wenn Kritiker von außen, die sich für die Beibehaltung von langen Sendestrecken einsetzen und zu diesem Zweck eine Initiative "Das GANZE Werk" gründen, von Rundfunkverantwortlichen als "selbsternannte Kultur-Ajatollahs" apostrophiert werden, wie in einem Medienmagazin neulich berichtet wurde, so sind das keine guten Signale. 

Dass mit Kommandowirtschaft auf Dauer nichts zu erreichen ist, hat man in der DDR gesehen, und dass bunte Werbespots die Wirklichkeit nicht zurechtlügen können, weiß man seit der jüngsten Börsenblase. Selbst ein Bundeskanzler musste lernen: Nur mit Dialog und überzeugenden Argumenten lassen sich nötige Reformschritte dauerhaft in den Köpfen verankern.

Das gilt auch für den Rundfunk, und zwar nach innen und außen. Wenn es den Öffentlich-Rechtlichen in Zukunft nicht gelingt, die qualifizierte Minderheit der kulturell bewussten Meinungsträger für ihre Sache zu mobilisieren, sind sie dem Dauerbeschuss der Privaten und ihrer publizistischen Hilfstruppen schutzlos ausgeliefert. Der neulich wieder in Donaueschingen vernehmbare Appell an die "Kollegen von der Presse", sich doch mehr für die Belange des Rundfunks stark zu machen, verdankt sich vermutlich dieser Einsicht. 

Die Kollegen von der Presse werden das sicher gerne tun. Doch zuvor muss ihnen glaubhaft vermittelt werden, dass man ihre Äußerungen nicht als ungebetene Einmischung in ein abgekartetes Spiel betrachtet, sondern dass man sie als Dialogpartner ernst nimmt. Das sollte eigentlich umso leichter fallen, als viele von ihnen auch als freie Mitarbeiter für den Rundfunk arbeiten. Der Dialog wäre für beide Seiten nützlich, denn es geht ums Überleben des öffentlichen Rundfunks.

© 2004 Max Nyffeler. Der Text darf ohne Erlaubnis des Autors nicht weiter verwertet werden.

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