NMZ Logo

November 2004

Der Kampf um die Orchester

Dass sich die Sinfonieorchester, wie es so schön heißt, heute am Markt positionieren müssen, um ihre Daseinsberechtigung nachzuweisen, ist nicht mehr neu. Neu und beunruhigend ist aber, dass dieser Wettlauf um die öffentliche Aufmerksamkeit sich inzwischen verschärft hat zu einem Kampf um die bessere Position bei einer drohenden Abwicklung. Nur so lassen sich die jüngsten Initiativen aus dem Umfeld des SWR Sinfonieorchesters deuten, mit denen nun bei den Donaueschinger Musiktagen die Öffentlichkeit aufgerüttelt wurde.

Am Horizont braut sich etwas zusammen. Der kulturell aufgeschlossene Hörfunkdirektor des SWR, Bernhard Hermann, warnte in seiner Rede zur Verleihung des Karl Szuka Hörspielpreises in Donaueschingen, dass wegen der viel zu gering ausfallenden Gebührenerhöhung die Substanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nun in Gefahr sei. Mit den Reformen der vergangenen Jahre sei das Sparpotenzial bei Strukturen und Personalkosten weitgehend ausgeschöpft worden, und mit den jetzt erforderlichen, weiteren Einsparungen gehe es ans Eingemachte: „Alles kommt auf den Prüfstand.“ Und dazu gehört laut Hermann nicht nur der international renommierte Szuka-Preis, der im nächsten Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feiert. Auch die Klangkörper des SWR gehören dazu.

Das SWR Vokalensemble Stuttgart, einer der führenden Profi-Chöre der Bundesrepublik, soll dem Vernehmen nach intern schon abgeschrieben sein. Und es scheint Überlegungen zu geben, über kurz oder lang auch eines der beiden rundfunkeigenen Sinfonieorchester in Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg aufzulösen. Der in Donaueschingen erfolgte vielstimmige Appell an die Öffentlichkeit – mit Unterschriftensammlungen und Presseinfos, verstärkt durch engagierte Reden von Wolfgang Rihm und Gerhard Baum vor versammeltem Konzertpublikum, eine in dieser Form einmalige Aktion – macht den Ernst der Situation deutlich.

Zum Glück wurde diesmal nicht gewartet, bis man vor vollendeten Tatsachen steht, sondern der Protest wurde schon im Vorfeld formuliert. Schade nur, dass das Stuttgarter Orchester nicht schon jetzt in die Aktion eingebunden war. Das ist zwar verständlich, gehört Donaueschingen doch zur Domäne von Baden-Baden. Aber allen dürfte klar sein: Es kann nicht darum gehen, dass sich der eine Klangkörper auf Kosten des anderen rettet. Beide Orchester müssen bleiben.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte und dieser Kulturabbau von den politisch Verantwortlichen und ihren Verwaltungsbeamten ernsthaft in Betracht gezogen wird, ist beschämend. Nicht nur für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, der dem kulturellen Auftrag, zu dem ihn die Rundfunkgesetze verpflichtet haben, jahrzehntelang bereitwillig und zum Nutzen der ganzen Gesellschaft nachgekommen ist. Es ist auch beschämend für die ganze Schicht von Entscheidungsträgern und Meinungsführern, die heute in der Öffentlichkeit den Ton angeben und offenbar nicht mehr wissen, wozu Kultur taugt und welche grundlegende Bedeutung sie für den Einzelnen und für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft hat. Unter dem Druck zum Sparen lassen sie am schnellsten jene Einrichtungen fallen, denen der diskriminierende Stempel der Minderheitenkultur aufgedrückt wird. Und dazu gehört nun einmal die E-Musik.

Zu den altgedienten Zynikern der Macht stoßen nun auch langsam die Angehörigen der mit Fernseher und Computer aufgewachsenen, von den achtundsechziger Pädagogen grausam verschaukelten Generation. Für sie beginnt Musikgeschichte mit den Beatles. Kein Wunder, dass sie sich nicht aufregen, wenn ein Sinfonieorchester dicht gemacht wird. Es ist ja nur Kultur, Fun für eine spinnerte Minderheit, und kostet sowieso zu viel. Also weg damit.

Doch bevor es dieser neuen Koalition der Kulturfeinde gelingt, die Bevölkerung zu reinen Bildschirmdeppen herunterzumendeln, wird sich garantiert noch heftiger Widerstand regen. Was sozialpolitisch bei Karstadt und Opel geschieht, kann sich auch kulturpolitisch ereignen. Nicht mit Streiks und Straßenaktionen, aber mit Protesten vieler Einzelner, die sich letztlich zur äußerst unbequemen Masse addieren. Es geht darum, die Verantwortlichen in diesem Spiel, die sich so gerne hinter ihrer Anonymität verschanzen, öffentlich und privat zur Rede zu stellen und Netzwerke der Solidarität zu bilden. Diese Lobbyarbeit ist zu leisten, und Ansätze dazu sind gemacht.

Die Chancen für die Rundfunkorchester stehen nicht schlecht, stellen sie doch ihre Notwendigkeit täglich unter Beweis. Veränderungen sind aber unumgänglich. So sind etwa neue Organisationsformen zu überlegen. Und in einer Zeit, da alle außer den einschlägigen Wirtschaftsgaunern Federn lassen müssen, darf man auch von den Orchestermusikern verlangen, dass sie von ihren in den satten Jahren errungenen Privilegien etwas heruntersteigen. Nun können sie zeigen, dass es ihnen bei ihren anspruchsvollen Aufgaben auch um die Musik geht und nicht nur um außertarifliche Zulagen.

Nicht nur bei Opel, auch in den Konzertsälen wird sich noch einiges bewegen müssen.

Max Nyffeler

© 2004 Max Nyffeler. Der Text darf ohne Erlaubnis des Autors nicht weiter verwertet werden.

Zur Themenliste

 

Home Neue Musikzeitung NMZ