Der visionäre Iannis Xenakis

Das New Yorker Label Mode Records mit einem Xenakis-Paket auf DVD

Cover Xenakis Electronic Music 2 Cover Xenakis Kraanerg Cover Jack Quartet Xenakis Das von Brian Brandt geleitete New Yorker Label Mode Records ist eine jener typischen Einmann-Initiativen, die sich dank des jahrelangen zähen Allround-Einsatzes ihrer Gründer zu Markenzeichen im Bereich von Produktion und Verbreitung neuer Musik entwickelt haben. Was die technischen Standards angeht, so hat das Label seine Nase stets vorn gehabt. Es veröffentlichte als erste Firma eine Surround-DVD mit neuer Musik – audiovisuelle Werke von Roger Reynolds – und brachte Morton Feldmans sechs Stunden dauerndes Zweites Streichquartett mit dem Flux Quartet erstmals zur unterbrechungsfreien Wiedergabe auf einer DVD-Audio heraus, in High Definition Standard mit einer Abtastrate von 48 kHz und 24 Bit. Neben vielen Veröffentlichungen mit Werken amerikanischer Komponisten hat sich Mode Records in jüngster Zeit vermehrt auch des europäischen Repertoires angenommen und dabei interessante Repertoirelücken entdeckt. Das Label meidet die breiten Pfade des avantgardistischen Mainstreams mit seinen routinierten Festivalkomponisten und befasst sich lieber mit wenig erschlossenen oder der Vergessenheit anheimgefallenen Gebieten. Es findet dabei auch Partner in Deutschland, so etwa die Redaktion Neue Musik des Westdeutschen Rundfunks, die neuerdings als Koproduzent mancher exponierter "Mode"-Veröffentlichungen in Erscheinung tritt.

Xenakis-Dokumente aus den sechziger und siebziger Jahren

Die mutige Repertoirepolitik zeigt sich zum Beispiel an der Xenakis-Edition, die inzwischen stattliche Dimensionen angenommen hat. Der Mode-Katalog listet sage und schreibe 47 Werktitel aus allen Schaffensphasen des 2001 verstorbenen Komponisten auf. Charakteristisch für die Veröffentlichungsstrategie des Labels: Die jüngsten Produktionen sind zugleich auf CD und auf DVD erschienen. Die Booklets sind für beide Medien identisch, und so kommt auch der DVD-Konsument zu ausführlichen begleitenden Kommentaren.

Musikalische Raumkonzepte spielten bei Xenakis stets eine wichtige Rolle, und seit den 1960er Jahren experimentierte er vermehrt auch mit audiovisuellen Formen. Seine Werkkonzepte waren meist eng auf die konkreten Gegebenheiten der Aufführungsräumlichkeiten abgestimmt und deshalb nur begrenzt reproduzier- und speicherbar.

Diese Schwierigkeiten sind zu berücksichtigen, wenn man sich die drei auf der DVD Xenakis – Electronic Music 2 versammelten Kompositionen anhört und ansieht. Polytope de Cluny, eine elektroakustische Komposition für achtkanaliges Tonband, entstand 1972-74 für das Festival d’Automne in Paris. Die räumlich-visuellen Komponente, zu der unter anderem der Einsatz von Laserstrahlen gehörte, wurde damals nicht aufgezeichnet, und so wird der technisch perfekt restaurierte Raumklang nun mit Informationsmaterialien von der damaligen Aufführung kontrapunktiert. Werkebene und historisch-dokumentarische Ebene werden, durchaus in Sinn der damaligen Aufführungsästhetik, zu einem neuen Ganzen kombiniert.

Während das zweite Stück, Hibiki Hana Ma, komponiert für eine mit 128 Lautsprechern beschallte Konzerthalle in Japan, eine rein elektroakustische Komposition darstellt und auf der DVD konsequenterweise mit schwarzem Bildschirm abgespielt wird, handelt es sich beim dritten, NEG-ALE, um die Ausgrabung einer Partitur, die Xenakis 1960 zu einem Film über Schwarzweiß-Bilder von Vasarély schrieb und später zurückzog. Originalsoundtrack und Film wurden nach qualitativ hochwertigen Standards neu gemastered und erscheinen hier zum ersten Mal im Handel. Auffällig ist, dass sich Xenakis nicht um Synchroneffekte zum Bild bemühte, sondern Klang und Bild in der Art von Cages Überlagerungsverfahren als voneinander unabhängige Ebenen betrachtete.

Der französisch-ungarische Op-Artist Victor Vasarely spielt auch eine Rolle in der Komposition Kraanerg, der eine ganze DVD gewidmet ist. Xenakis komponierte dieses Werk für 23 Instrumente und Tonband 1968-69 für eine Ballettaufführung in Montréal, zu der Vasarely die Dekoration schuf. Das von anarchischer Kraft nur so strotzende Stück stammt noch aus Xenakis’ Schaffensperiode der formalized music und muss auf die kanadischen Theaterbesucher damals einigermaßen befremdlich gewirkt haben. Die DVD kombiniert eine heutige Werkaufzeichnung mit einer Dokumentation über die historische Aufführung und einer aufschlussreichen Diskussion zwischen den Xenakis-Experten Gerard Pape und James Harley, ergänzt durch Erinnerungen von Françoise Xenakis und Veronica Tennant, der Primaballerina der Uraufführung. Man erlebt eine facettenreiche Begegnung mit dem in seiner Radikalität großartigen Werk, das hier mit allen extensiven Pausen und einem auf den neustem technischen Stand gebrachten Tonbandpart zu hören ist.

Gesamtaufnahme der Streichquartette mit dem JACK-Quartett

Die Gesamtaufnahme aller Streichquartettkompositionen ist schließlich auf der jüngsten Xenakis-Veröffentlichung von Mode Records zu hören. Das amerikanische JACK-Quartett, eine junge Formation, die auf dem besten Weg ist, den routinierten Ardittis das Wasser abzugraben, präsentiert sich darin als ideales Ensemble für Musik dieser schwierigen Sorte. Das visionärste von all diesen hochgradig eigensinnigen Werken ist noch immer das erste, aus der stochastischen Phase stammende Werk, ST-4/1, 080262. Es wird hier in strengem Schwarzweiß gefilmt. Die Bildregie zeigt nicht die üblichen Einstellungen eines gepflegten Streichquartettkonzerts, sondern versucht, die extrem sprunghafte, unvorhersehbare Zeitgestaltung in eine adäquate Bilddramaturgie umzusetzen. Ungewöhnliche Perspektivenwechsel und blitzschnelle Schnitte prägen das Bild, Auge und Ohr werden bei der Wahrnehmung gleichermaßen gefordert.

© Max Nyffeler, Dezember 2009

Iannis Xenakis, Electronic Music 2: Hibiki Hana Ma, Polytope de Cluny, NEG-ALE / Bild: NTSC 4:3, Ton: Dolby 5.1 Surround und Stereo PCM / 51 min. / Mode Records, mode 203
Iannis Xenakis: Kraanerg / The Callithumpian Consort, Ltg. Stephen Drury. Mit Documentary zur Uraufführung 1968 / Bild: NTSC 4:3, Ton: Dolby 5.0 Surround und DTS / 115 min. / Mode Records, mode 196
Iannis Xenakis, Complete String Quartets: Tetras, Tetora, ST-4/1,080262, Ergma / JACK Quartet / Bild: 16:9, Ton: Dolby 5.1 Surround und DTS 5.1 / 53 min. / Mode Records, mode 209

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