Format Doppel-D

Mark-Anthony Turnages Oper "Anna Nicole"

turnage anna nicoleHauptrequisit ist von der fünften Szene an der mächtige Doppel-D-Busen der Protagonistin. Davor hatte sie an dieser Stelle ein Problem, doch nun ist es dank Silikon gelöst, sieht man von den haltungsbedingten Rückenschmerzen ab. Aus dem Provinzgirl wird der Medienstar und die Milliardärsgattin, rund um die Uhr scharf beobachtet von der Klatschpresse. Als der Greis ohne Testament stirbt, beginnt der Abstieg, und das Glamourgeschöpf endet, wo es begonnen hat: ganz unten. Der Zweiakter „Anna Nicole“ von Mark-Anthony Turnage zeichnet mit opernhafter Drastik, aber scharfem Blick für die Realität die mediale Existenz der Anna Nicole Smith nach, die gerne die Monroe gespielt hätte und 2007 an einer Medikamentenüberdosis starb. Ein stark revuehafter Zug prägt das Werk. Das Libretto von Richard Thomas gibt den Slang des Gossenmilieus eins zu eins wieder, was das Label zu einer Warnung auf dem DVD-Umschlag veranlasste; unkritisch sind die prallen Schilderungen aus dem falschen Leben jedoch keineswegs. Der 51-jährigen Turnage schuf für das zwielichtige Geschehen einmal mehr einen gekonnten Stilmix aus U und E, bei dem das Vorbild Henze nicht weit ist. Die grellbunte Inszenierung des personalaufwändigen Stücks bleibt stets hautnah am Stoff und ist von musicalhafter Perfektion, was dem Publikum im Royal Opera House offensichtlich gefällt.

© Max Nyffeler 2011

DVD: Mark-Anthony Turnage: Anna Nicole. Richard Jones (Regie), Miriam Buether (Bühne); Eva-Maria Westbroek, Gerald Finley, Alan Oke, Peter Hoare u.a., Chor und Orchester des Royal Opera House, Antonio Pappano (Leitung). Opus Arte OA 1054 D (1 DVD)

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