Igor StrawinskyJahrhundertgestalt Strawinsky

Der 83-jährige Komponist als Dirigent seiner Feuervogel-Suite

"Classic Archive" heißt eine Editionsreihe der EMI, in der in Kooperation mit der BBC alte Tonfilme mit berühmten Dirigenten und Solisten ohne viel Aufwand auf DVD gebrannt und auf den Markt geworfen werden. Der technische aufbereitete Ton hat eine sehr akzeptable Monoqualität, doch vom Handling her sind sie teilweise problematisch. Einige bringen, wenn man sie im Computerlaufwerk abspielen will, den Computer zum Absturz. Seitens der Firma hüllt man sich dazu trotz mehrfacher Anfrage in Schweigen.

Aber wer sich für historische Dokumente interessiert, wird hier allemal fündig. Es gibt einige Perlen in dieser Kollektion. Zum Beispiel auf der DVD mit Aufnahmen von Igor Markevitch, der mit aristokratischer Zurückhaltung, aber doch ungemein präzis und sprechend Orchesterwerke von Wagner, Schostakowitsch und Strawinsky dirigiert. Hier versteckt sich, als Bonus-Track getarnt, ein absolut faszinierendes Dokument: die Aufzeichnung von Strawinskys Feuervogel-Suite in der Fassung von 1945 unter der Leitung des Komponisten. Die Aufnahme mit dem New Philharmonia Orchestra entstand 1965, als Strawinsky 83 Jahre alt war.

Der kleine, gebrechlich wirkende Komponist mit der rabenhaften Silhouette erscheint als Jahrhundertgestalt von unangreifbarer Autorität, die den Saal von der ersten Sekunde an in Bann schlägt. Die Musik bringt er mit hellwacher Konzentration zum Klingen. Er macht sparsame, exakte Bewegungen und richtet die ganze Aufmerksamkeit nach Innen – ein Dirigieren gleichsam mit den Ohren, das sich auf die Musiker spürbar überträgt. Leicht komisch wirkt, dass er beim Umblättern jedes Mal den Zeigefinger mit der Zunge benetzt. Den Höllentanz des Zauberers dirigiert er locker aus dem Handgelenk und gibt den Orchestergruppen ihre Einsätze nur mit einem scharfen Blick und einer Kopfbewegung; mitten im russisch breiten Finale geht einmal ein Lächeln über sein sonst unbewegliches Gesicht.

Das Gelingen dieser Persönlichkeitsstudie eines großen Komponisten verdankt sich vor allem den Kameraleuten der BBC, die mit ihren Teleobjektiven oft minutenlang auf Strawinskys Gestalt und Gesichtszügen verharren und auf diese Weise seine inneren Reaktionen als gedachte Musik der real gespielten gegenüberstellen. Der seltene Fall einer Aufzeichnung, die die vollkommene Einheit von Komponist und Werk im Moment der Aufführung festzuhalten vermag.

© Max Nyffeler 2003

DVD: Igor Strawinsky dirigiert die Feuervogel-Suite (1965); Igor Markevitch dirigiert Wagner, Schostakowitsch und Strawinsky (1963-68) / PCM Mono / 112 Min. / EMI DVB 4901109

(September/2003)

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