Cooler Horror

Schönbergs "Pierrot lunaire" und "Dichterliebe" von Schumann als Filmversion mit Christine Schäfer

DVD Cover Christine SchäferDie Sopranistin Christine Schäfer entspricht ganz und gar nicht dem Typus der traditionellen Konzert- und Opernsängerin. Ihr Einstieg in den Beruf war wesentlich durch ihr Interesse an der zeitgenössischen Musik bestimmt, und auch sonst zeigt sie keinerlei Berührungsängste, wenn es um Abstecher ins leichte Genre geht. Ihre Überzeugungen weiß sie mit Intelligenz und Charme zu vertreten. Das kann man einem Interview im Zugabe-Track der DVD entnehmen, die mit "Pierrot lunaire" von Arnold Schönberg und "Dichterliebe" von Robert Schumann einen interessanten Brückenschlag zwischen E und U versucht. Bei den Vokalzyklen handelt es sich um filmische Inszenierungen, die 1999 und 2000 unter der Regie von Oliver Herrmann für das Fernsehen entstanden sind. Die musikalische Interpretation ist auf hohem Niveau angesiedelt – bei Schönberg ist es die Aufnahme der Deutschen Grammophon mit dem Ensemble Intercontemporain unter der Leitung von Pierre Boulez. Doch die Filmregie stellt die Werke in eine vollkommen neue Umgebung, was sie inhaltlich entscheidend umfärbt.

Bei "Pierrot lunaire" wird die kränkelnde Bilderwelt von Text und Musik in digitalen Gegenwartshorror transformiert, der sich vorwiegend in nächtlichen Kunstlichtszenen breit macht; die Filmversion ist denn auch betitelt mit "One Night. One Life." Mit versteinertem Gesicht wandelt die Hauptdarstellerin zu Beginn deklamierend durch die Korridorfluchten leer stehender Bürogebäude, sie beobachtet teilnahmslos die in einem Waschbecken krabbelnden Kakerlaken ("Colombine"), erscheint als Medienfiktion auf dem Großbildschirm am Times Square ("Der kranke Mond") und in der Peep Show vor einem einbalsamierten Leninkopf ("Eine blasse Wäscherin"). In "Der Dandy" trägt sie ihren Sprechgesang hinter baumelnden Schweinehälften im Tiefkühlraum vor. Virtuos montierte Sequenzen von surrealistischer Erfindungskraft, aber manchmal etwas zu viel des Guten. Über den Zuschauer brechen Bilderfluten herein, neben denen Schönbergs Musik über weite Strecken beziehungslos herläuft. Selten ergibt sich eine suggestive Verbindung von Bild und Ton wie etwa beim Text "Finstre, schwarze Riesenfalter", wo die Sängerin als überdimensionierte Erscheinung nachts vor dem Fenster eines erschreckten Jungen auftaucht.

Schumanns Dichterliebe als Großstadt-Story

Auch bei der zweiten Produktion mit Schumanns "Dichterliebe" hat das Bild eine starke Eigendynamik. Sie zeigt sich hier aber anders, als ein ständiger Wechsel der Realitäts- und Spielebenen. Die konzertanten Sequenzen werden verschachtelt mit einer fiktiven Story von der Filmherstellung und einem ebenso fiktiven Einblick in das Leben der Interpretin. Wenn zu Beginn im großstädtischen Loft, in dem sie wohnt und arbeitet, Produzent und Regisseur mit ihr vor dem Monitor ihre Auftritte diskutieren, erscheint die Sängerin-Darstellerin gleich in dreifacher Rolle: einmal als – erfundene – Privatperson, die um 8 Uhr 56 vom Wecker aus dem Schlaf gerissen wird und in deren Leben sich gerade eine ähnliche Story abspielt wie die, von der sie singt, dann als Künstlerin, die an ihrer Rolle arbeitet, und schließlich als Interpretin im Moment der Aufführung. Der Liederzyklus von Heine und Schumann wird so zum Katalysator einer mehrschichtigen Filmerzählung, die den Versuch unternimmt, den Tonfall romantischer Verzweiflung in die Kälte der Gegenwart zu übersetzen. Die soziale Kulisse für das Geschehen wird durch eine Ansammlung cooler Szenetypen skizziert, die rauchend und mit aufgesetztem Kennerblick den Liedervortrag verfolgen. Die "Bühne" ist ein zwischen Klubraum, U-Bahnstation und verlassenen Zimmern changierender Nicht-Ort. Ein Setting, das ein waches Gespür für den Zeitgeist verrät, bei den musikalischen Inhalten aber nur an der Oberfläche kratzt.

Mit souveräner Gelassenheit stellt sich Christine Schäfer den an sie gestellten Anforderungen. In manchen Dialogpassagen verschwimmt die Grenze zwischen Fiktion und Realität. Dann scheint in den ironischen Antworten der inszenierten Sängerin die wirkliche Christine Schäfer zum Vorschein zu kommen, die sich über die unbeholfenen Fragen der filmproduzierenden Musikbanausen lustig macht. Immerhin ist es beiden Produktionen gelungen, die Fähigkeiten der Interpretin ins beste Licht zu rücken: ihre kühl timbrierte, aber stets ausdruckssichere Stimme und ihr überlegtes Agieren als Schauspielerin. Ihre Ausstrahlung hilft über manche Schwächen einer Produktion hinweg, die zwar interessante neue Wege in der Vermittlung von E-Musik erkundet, der Gefahr konzeptioneller Überfrachtung aber nicht immer entgeht.

© Max Nyffeler 2002

Arnold Schönberg: Pierrot lunaire; Robert Schumann: Dichterliebe. Christine Schäfer, Sopran; Natascha Osterkorn, Klavier; Ensemble Intercontemporain, Ltg. Pierre Boulez. Filmregie: Oliver Herrmann. Mit einem Interview mit Christine Schäfer / Arthaus 100330 / Stereo / Regionalcode 0 / 126 min.

(November/2002)

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