Wolfgang Rihm auf der Couch

Wortlastige Dokumentation auf DVD und CD-ROM

Rihm, CoverDie neue Musik entdeckt das Medium DVD. Während in Klassik und Pop der neue Bildtonträger häufig nur der Aufführungsdokumentation, gelegentlich ergänzt durch Interviews und im besten Fall durch Probenmitschnitte, dient,  werden bei der nach wie vor erklärungsbedürftigen zeitgenössischen Musik seine Qualitäten als digitale versatile disc – vielseitig verwendbare Scheibe – auf zunehmend fantasievolle Weise genutzt. Mit der Möglichkeit, Musikaufnahmen, Probenarbeit, Komponistenkommentare, Partiturabbildungen und sonstiges Dokumentationsmaterial zu einem Informationspaket zu schnüren, lässt sich vieles auf anschauliche Art vermitteln, was mit reinem Text, selbst mit Rundfunksendungen, nicht ohne weiteres transportiert werden kann.

Während die von Peider A. Defilla seit einem Jahr unter dem Reihentitel Musica Viva – Forum der Gegenwartsmusik produzierten Werkmonographien sich strikt auf die dokumentarische Montage von Bild, Musik und gesprochenem Originalton von Komponisten und Interpreten beschränken, folgt eine nun bei Wergo erschienene DVD mit einem Komponistenporträt von Wolfgang Rihm einem etwas anderen Darstellungsprinzip. Es schließt auch verbale Elemente reflektierender und wertender Art ein, also Meinungen und Kommentare auf Autorenebene.

Kernstück der Dokumentation ist ein hundertminütiges Interview von Dieter Rexroth mit dem Komponisten, der auf alle Fragen zum künstlerischen Arbeitsprozess, zu seinem Werdegang und Kunstverständnis bereitwillig Auskunft gibt. Vieles davon kennt man im Wesentlichen bereits aus Rihms Aufsätzen. Wenn man den Ausführungen trotzdem mit großer Aufmerksamkeit folgt, dann wegen seiner einzigartigen Fähigkeit, die Gedanken aus der spontanen Sprechsituation heraus zu entwickeln und so den Zuhörer/Zuschauer auf seine Exkurse in das Gebiet der schöpferischen Reflexion gleichsam mitzunehmen. Die Kamera unterstreicht diese starke geistige Präsenz. Den aufrecht auf seinem Sofa sitzenden Komponisten zeigt sie zumeist frontal und von nahe, während der in seinem Sessel versinkende Interviewer seitab auf Distanz gehalten wird, was sich auch in einer unterschiedlichen Akustik niederschlägt.

Zum verbalen Teil gehören weiterhin längere Würdigungen des Komponisten durch Christoph Eschenbach, Siegfried Mauser, Christoph Prégardien und Jörg Widmann sowie ein vierzehnminütiges Rihm-Porträt von Rexroth. Das Verlesen des Manuskripts, eine filmisch eher ungewöhnliche Art der Wissensvermittlung, wird auf der visuellen Ebene überlagert durch eine Serie von Fotos aus allen Lebensphasen des Komponisten – ein wunderbar sympathischer, frischer Bilderbogen, der mit zum Lebendigsten auf der ganzen DVD gehört. Die Musik selbst kommt schließlich auch noch zum Zug. Aus den Gattungen Musiktheater, Orchester-, Kammer- und Klaviermusik sowie Lied werden charakteristische Werkausschnitte vorgestellt, wobei teilweise die Noten mitverfolgt werden können.

Neben dem DVD-Teil enthält diese mit über vier Stunden Dauer sehr umfangreiche Produktion noch einen CD-ROM-Teil, der nur auf dem Computer lesbar ist und weiteres Dokumentationsmaterial enthält – wegen des Copyrights leider nur zur Bildschirmlektüre: Eine Auswahl aus Rihms Texten, Partiturausschnitte, ein vollständiges Werkverzeichnis, eine Auswahlbibliographie sowie eine Diskographie mit Klangbeispielen im MP3-Format. Wer sich Informationen über Wolfgang Rihm beschaffen will, findet hier eine überreiche Materialsammlung zu seinem Werk  und Denken.

© Max Nyffeler

DVD: Wolfgang Rihm. Moment-Aufnahme – ein Porträt. Konzept, Regie, Redaktion: Dieter Rexroth, Susanne Lasswitz, Wolf Seesemann / kombinierte DVD/CD-ROM (CD-ROM-Teil abspielbar auf Windows XP oder Mac OS-X 10.3 und höher) / Stereo, Bild 4:3 und 16:9 / ca. 260 min. / Wergo MV 0803 5

(3/2006)

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