Rameaus Spätwerk Les paladins: Die digitalisierte Opernbühne

José Montalvo auf neuen Wegen der Inszenierung

Rameau, Les paladinsDass sich die barocke Oper vorzüglich für unkonventionelle, witzige und auch respektlos-kritische Aktualisierungen eignet, haben seit den neunziger Jahren zahlreiche Inszenierungen nicht zuletzt der Werke Händels gezeigt. Nun hat das Châtelet-Theater in Paris mit einer spektakulären Produktion von Jean-Philippe Rameaus Spätwerk Les Paladins („Die Paladine“) noch eins draufgesetzt. José Montalvo, Bühnen- und Videoregisseur, Bühnenbildner und Mit-Choreograph in einer Person, macht aus der dreiaktigen Comédie-ballet ein vituoses Multimediaspektakel, indem er das Geschehen mit ebenso raffiniert wie witzig gestalteten Projektionen auf dem Bühnenhintergrund ergänzt und konterkariert. Es ist oft schwer auszumachen, wo die Bühnenrealität in virtuelle Realität umschlägt; beide sind virtuos miteinander verzahnt. Eine herausragende Bedeutung erhält der Tanz, der vollkommen in die Handlung integriert ist. Auch hier ließ sich Montalvo von einem stupenden Einfall leiten: Sein Ballett besteht aus Hip-Hoppern, Breakdancern und Akrobaten, die ihre Künste mit elektrisierender Vitalität und spielerischer Leichtigkeit vorführen. Viele  von ihnen sind Immigranten.

Der Clou an der Inszenierung ist, dass sie die Handlung in genau das Milieu verpflanzt, aus dem die Tänze stammen. Wenn die Hauptfigur, die schöne Argie, in ihrer Auftrittsarie singt: „Trostlose Stätte, eintönige Einsamkeit, wie ist mir dieser Ort verhasst“, dann wird die virtuelle Kulisse des Schlosses, in dem sie und ihre Begleiterin Nérine vom geilen alten Senator Anselme unter Verschluss gehalten werden, mit der trostlosen Skyline der inzwischen notorisch bekannten Pariser Banlieue überblendet. Bei ihren Auftritten entsteigen Chor und Ballett einer geräuschlos über die Bühne gleitenden Métro. Technische Perfektion und geschmackssichere Stilisierung verhindern indes das Abgleiten in Sozialkitsch und platte Aktualisierung. Vielmehr stellt sich jener typisch französische Haute-cuisine-Effekt ein, der auch schon für die Modetänze zu Rameaus Zeiten galt: Durch die Adaption in die obere Kultursphäre werden die unsublimierten populären Vorlagen ästhetisiert und veredelt.

Auch musikalisch hat die Produktion mit William Christie und Les Arts Florissants hohes Niveau. Die jungen Akteure sind stimmlich in brillanter Verfassung und bewegen sich mit verblüffender Selbstverständlichkeit an der fragilen Grenze zwischen spielerischer Leichtigkeit und Empfindungstiefe, die den Reiz von Musik und Inszenierung ausmacht. Große Kunst und gegenwartsnahe Unterhaltung, erotisches Flair und technisch avancierte Mittel werden in dieser Produktion auf selten geglückte Weise zur Übereinstimmung gebracht. Sie eröffnet interessante Perspektiven auf eine zeitgemäße Inszenierungspraxis jenseits der verbissenen Diskussionen um das so genannte Regietheater.

© Max Nyffeler, 2006

DVD: Jean-Philippe Rameau: Les paladins / Théâtre du Châtelet, Paris 2004 / Topi Lahtipuu, Stéphanie d’Oustrac u.a., Les Arts Florissants, Ltg. William Christie / DTS Surround und Stereo / Bild 16:9 NTSC / 204 min. / Opus Arte OA 0938 (2 DVD)

(März/2006)

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