Jean-Pierre Ponnelle als Filmregisseur

Aufschlussreiche Produktionen aus dem Opernarchiv der Unitel

Die bei Universal erscheinende Serie der Opernaufzeichnungen aus Leo Kirchs Filmfirma Unitel wagte vor vier Jahrzehnten einige mutige Schritte in produktionsäthetisches Neuland. Perspektivenreich erscheinen vor allem die Versuche, die Bühnenoptik zu verlassen und unter freiem Himmel oder in Filmsets zu drehen. Neben Gelungenem steht dabei auch manches Problematische, doch interessant sind die Produktionen auf jeden Fall. 

So etwa die Gehversuche, die Jean-Pierre Ponnelle in den frühen siebziger Jahren auf dem Gebiet der Opernverfilmung unternommen hat. Ton- und Bildaufzeichnung erfolgten dabei strikt getrennt. Ponnelle experimentierte in diesen Produktionen unter anderem mit dem Mittel des inneren Monologs. Bei einigen Arien sind die Sänger nur mit geschlossenem Mund zu sehen; ihre Stimme erklingt aus dem Off, während die Kamera ihre Mimik beobachtet. Auch verfolgt die Kamera das Geschehen in der Regel aus ganz unterschiedlicher Perspektive und nimmt an der allgemeinen Bewegung teil. Gelegentlich wirft das Probleme mit dem Klangbild und der Tonsynchronisation auf.

Rossinis Barbier von Sevilla, gedreht 1972 in einem Salzburger Filmstudio, nimmt eine seltsame Zwitterstellung ein. Ponnelle verpflanzt einerseits das Werk in ein realistisch nachgebautes Bilderbuch-Spanien mit Altstadtgasse, Plätscherbrunnen und Friseurladen. Andererseits müffelt alles noch ziemlich stark nach Opernfundus, nicht nur in den Kostümen, sondern auch in der Personenregie, in der die typischen Opernsängerposen überleben. Der Figaro von Hermann Prey ist ein biederer Sunnyboy, der vor der Kamera Dauerfröhlichkeit mimt und vor allem eines im Sinn hat: Seine Stimme vorteilhaft zu präsentieren. Da helfen auch das Brio und die spritzigen Tempi nichts, die ein jugendfrischer Claudio Abbado mit dem Orchester der Scala hinlegt.

Besser gelang Ponnelle vier Jahre später die Aufzeichnung von Mozarts Le Nozze di Figaro. Zwar schlägt auch hier die Bühnenästhetik vor allem in der Personenführung noch stark durch, aber das Ganze wirkt freier und besser für die Kamera eingerichtet. Die musikalische Produktion steht unter der soliden Leitung von Karl Böhm, die Hauptrolle singt auch hier wieder Hermann Prey, als Graf Almaviva agiert steif Dietrich Fischer-Dieskau. Für Glanzpunkte sorgen hingegen die hinreißenden weiblichen Hauptdarstellerinnen: Mirella Freni als Susanna, Kiri te Kanawa als Gräfin und Maria Ewing als zauberhafter Cherubino.

Harry Kupfers Holländer aus Bayreuth

Ganz ohne filmspezifische Extras kommt wiederum die Bayreuther Unitel-Produktion des Fliegenden Holländer von 1985 aus. Bei der Aufführung mit Simon Estes in der Titelrolle und Lisbeth Balslev als Senta in der Regie von Harry Kupfer handelt es sich um eine konventionelle Bühnenverfilmung durch den Routinier Brian Large, doch kann sie auch aus zeitlicher Distanz problemlos bestehen. Bei den fließenden szenischen Übergängen im raffiniert ausgeleuchteten Halbdunkel (Bühnenbild: Peter Sykora) genügte es, einfach die Kameras draufzuhalten und hinterher die nötigen Schnitte zu machen. Den Rest besorgt die düstere Magie der Bayreuther Bühne.

© Max Nyffeler 2005

Gioacchino Rossini: Il barbiere di Siviglia. Prey, Berganza, Alva, Orchestra del Teatro alla Scala, Ltg. Claudio Abbado. Regie: Jean-Pierre Ponnelle / Bild 4:3  NTSC / DTS 5.1 und Stereo / 140 min. / DGG 0440 073 4039
Wolfgang Amadeus Mozart: Le nozze di Figaro. Prey, Freni, Te Kanawa, Ewing, Fischer-Dieskau, Wiener Philharmoniker, Ltg. Karl Böhm. Regie: Jean-Pierre Ponnelle / Bild 4:3  NTSC / DTS 5.1 und Stereo / 181 min. / DGG 0440 073 4034 (2 DVD)
Richard Wagner: Der fliegende Holländer. Estes, Balslev, Salminen, Orchester der Bayreuther Festspiele, Ltg. Woldemar Nelson. Regie: Harry Kupfer / Bild 4:3 NTSC / DTS 5.1 und Stereo / 135 min. / DGG 0440 073 4041

(9/2005)

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