Roberto De Simone inszeniert Pergolesis Lo frate ’nnamorato

Musiktheater mit neapolitanischem Witz

Cover PergolesiEin fast dreistündiger Arienreigen, unterbrochen nur von Rezitativen und einigen wenigen Duetten und Ensembles: Giovanni Battista Pergolesis Commedia per musica Lo frate ’nnamorato verlangt dem heutigen Zuschauer einiges ab. Es bedurfte erst der kritischen Ausgabe von Francesco Degrada, dass sie dem Vergessen entrissen und in Mailand 1989 wieder aufgeführt wurde. Was damals auf der Bühne der Scala für die sprachlich nicht so gewandten Besucher eine zähe Angelegenheit werden konnte, erweist sich nun aber auf DVD als höchst vergnügliches Musiktheater. Man kann das stark neapolitanisch eingefärbte Libretto im Booklet nachlesen, und wo man daraus nicht schlau wird, helfen einem die englischen Untertitel weiter. Und dank der Fernbedienung kann man auch einmal eine Verschnaufpause im Arienmarathon einlegen.

Die Handlung des 1732 entstandenen Werks verbindet in stark formalisierter Weise Motive und Figuren der Commedia dell’arte-Tradition mit Elementen des Zeitgeschmacks: Zwei reiche Alte, der eine gichtig, der andere saudumm, wollen einander ihre Töchter respektive Nichten verkuppeln und mit einer dritten auch noch gleich den abartigen Sohn beglücken. Was die drei charmanten jungen Damen natürlich nicht mitmachen. Daraus entspinnt sich das übliche Intrigenspiel, das sich dadurch löst, dass sich der junge, umschmachtete Adoptivsohn – ein Vorläufer von Mozarts Cherubino – als echter und damit heiratsfähiger Sohn entpuppt.

Was diese Produktion unbedingt sehens- und hörenswert macht, ist zunächst die Regie von Roberto De Simone, einem intimen Kenner der neapolitanischen Kultur. Sprache, Gestik und Musik bilden eine vollendete Einheit. Sie verdichten sich besonders in den komischen Momenten zu raffinierter Symbolik, doch geht Stilisierung nie auf Kosten der Lebendigkeit. Sodann die Sängerbesetzung: Das gesamte Ensemble agiert stimmlich wie darstellerisch gleichermaßen auf hohem Niveau – ein Glücksfall.

Getragen wird das Ganze aber vor allem von Pergolesis unerhört facettenreicher Musik. Sie hat an Frische, Einfallsreichtum und Charakterisierungskunst bis heute nichts verloren. Da ist sogar Riccardo Mutis klassizistisches Klangideal, das einen absoluten Gegenpol zu den Manierismen mancher historischer Aufführungspraktiker bildet, auf Dauer zu ertragen.

© Max Nyffeler 2005

DVD: Giovanni Battista Pergolesi: Lo frate ’nnamorato / Solisten, Chor und Orchester der Scala, ML: Riccardo Muti, R: Roberto De Simone / Ital. mit engl. UT / Stereo / Bildformat nur NTSC / 172 min. / opus arte LS 3005 D

(Januar/2005)

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