Mozarts Entführung aus Aix-en-Provence

In der Produktion aus Südfrankreich dominiert der mediterrane Blick

DVD Entführung, AixEine ungewöhnliche Sicht auf Mozarts Entführung aus dem Serail ist im Mitschnitt vom Festival in Aix-en-Provence von 2004 zu sehen. Die Konfrontation der beiden Welten Abendland-Orient mit ihren unterschiedlichen Wertesystemen, die bei Mozart bei aller Aufklärungsemphase noch durchaus einige märchenhafte Züge besitzt, wird hier in der Inszenierung von Jérôme Deschamps und Macha Makeïeff aus der Gegenwart heraus neu beleuchtet. Dies geschieht zum Glück ohne platte Aktualisierung, und auch etwas von der naiven Sicht auf die „orientalische Wunderwelt“ bleibt erhalten. Die Janitscharen des Bassa Selim erscheinen den Westlern als komische und zugleich unberechenbare Trotteltruppe, sein unzugänglicher Palast ist ein unheimlicher Ort, wo Wände Ohren haben Unerklärliches vor sich geht.

Die Präsenz des Fremden ist aber auch durch die Besetzung gegeben. Das alte Wien und das deutsche Staatstheater sind weit weg. Die beiden europäischen Nebenfiguren, Blondchen und Pedrillo, sind Magali Léger und Loïc Félix, beides dunkelhäutige Franzosen und Glanzbesetzungen für ihre Rollen. Demgegenüber wird der Orientale Osmin vom Polen Wojtek Smilek gesungen. Einzig Matthias Klink als Belmonte kommt aus dem deutschen Kulturraum.

Die zweite zentrale Figur neben der von Malin Hartelius souverän verkörperten Konstanze ist nicht der etwas schwächlich wirkende Belmonte, sondern Bassa Selim. In ihm nimmt das Andere, Fremde, konkrete Gestalt an. Manche Inszenierungen haben diese Figur schon aufgewertet, indem sie hinter dem orientalischen Bilderbuchdespoten, der in einer plötzlichen humanen Aufwallung zum aufgeklärten Herrscher europäischen Zuschnitts mutiert, den Menschen und unglücklich Liebenden sichtbar machten. Hier wird das besonders glaubhaft vermittelt, denn mit Sharokh Moshkin-Ghalam, Ex-Mitglied des „Théâtre du soleil“ von Ariane Mnouchkine, steht kein geschminkter Mitteleuropäer als Bassa Selim auf der Bühne, sondern ein mediterraner Tänzer-Schauspieler, der vom verletzten Stolz bis zur feurigen Sehnsucht alle Nuancen der Rolle auszuspielen versteht. Als leidenschaftlich Liebender lebt er in einer Traumwelt, rezitiert persische Oden in der Originalsprache und zieht sich nach dem Abschied von Konstanze ganz auf sich selbst zurück, indem er sich zur Schlussmusik wie ein Derwisch in endlosen Kreiselbewegungen dreht.

Musikalisch ist die Aufführung mit Marc Minkowski und den Musiciens du Louvre in besten Händen. Befremdlich ist bloß, dass die Arie des Belmonte zu Beginn des dritten Akts, „Ich baue ganz auf deine Stärke“ entfällt und an ihre Stelle „Wenn der Freude Tränen fließen“ aus dem zweiten Akt gesetzt wird. Ob als dramaturgischen Straffung gedacht oder zur Schonung des Tenors – man wüsste es gerne, zumal auch das Inhaltsverzeichnis nicht angepasst wurde. Darüber lässt sich jedoch hinwegsehen angesichts der spannenden kulturellen Durchdringungen, die diese Inszenierung auszeichnen. In Aix, einem Jahrhunderte alten Schnittpunkt der südeuropäisch-mediterranen Kulturen, kommt das Wiener Singspiel von 1782 in anderer Gestalt daher. Es schadet ihm nicht, und Mozarts Geist demonstriert einmal mehr seine Universalität.

© Max Nyffeler 2008

DVD: Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail / Regie und Bühne: Jérôme Deschamps und Macha Makaïeff; Solisten, Les Musiciens du Louvre, Ltg. Marc Minkowksi / PCM Stereo, Dolby Digital, DTS Surround/ Bild 16:9, NTSC / 128 min. / BelAir BAC 028

(Januar/2008)

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