Revolutionärer Monteverdi

Das Vierte Madrigalbuch in einer wagemutigen Verfilmung

DVD I FagioliniWie inszeniert man ein Madrigalbuch von Claudio Monteverdi? Die Vokalwerke des Komponisten markieren die Schwelle zum „stile concitato“, dem dramatischen Stil des beginnenden Barockzeitalters, doch sind es in sich musikalisch geschlossene Einzelwerke, die keine durchgehende Handlung verbindet. Das 1603 veröffentlichte vierte Madrigalbuch besitzt in der gemeinsamen Thematik allerdings einen roten Faden: Die Stücke drehen sich alle um das Thema Liebesschmerz, und dies in einer für das heutige Empfinden unfassbaren Ausdrucksintensität. Schon in den Texten wird hemmungslos das Innerste nach Außen gekehrt, und diese Selbstpreisgabe des Subjekts vor dem angesprochenen Gegenüber wird durch die Direktheit der musikalischen Sprache noch verstärkt. Es sind Dokumente einer Revolution nicht nur der Musik, sondern des Menschenbilds überhaupt. In der Radikalität ihrer Aussage, auch der künstlerischen Verfahren, sind Monteverdi und seine Textdichter in der ganzen Operngeschichte nicht mehr eingeholt worden.

Das englische Vokalensemble „I Fagiolini“, das sich in der Musik des ausgehenden 16. Jahrhunderts bestens auskennt, hat nun zusammen mit dem Regisseur John La Bourchadière das Wagnis  unternommen, diese Klang- und Gefühlswelt auch szenisch darzustellen. Der Struktur des Madrigalbuchs entsprechend wird der Strom der Erzählung in einzelne Handlungsmomente aufgelöst, die bruchlos aufeinander folgen und sich gegenseitig durchdringen. Dabei wird äußere Dramatik vermieden. Das Drama spielt sich im Inneren der Figuren ab und teilt sich nur in den vokalen Äußerungen, in verhaltener Mimik und Gestik mit. Die Dialoge und Monologe werden in den heutigen Alltag verlegt: Szenen im großstädtischen Café, im Reihenhaus, auf der Straße. Die sechs Sängerinnen und Sänger werden durch stumme Schauspieler gedoubelt, so dass jede „Person“ doppelt in Erscheinung tritt. Dem zunächst befremdlich wirkenden, dichten Geflecht der durch die Musik gesteuerten emotionalen Interaktionen folgt man auf Dauer immer bereitwilliger. Dem Film gelingt der heikle Versuch, ein Stück großer Menschendarstellung aus einer vergangenen Epoche in unsere verarmte Gegenwart hinüberzuretten und das transzendente Moment von Liebe noch einmal gegen seine banale Reduktion auf pures Begehren zu verteidigen.

© Max Nyffeler 2008

DVD: The Full Monteverdi. Das vierte Madrigalbuch, verfilmt von John La Bouchardière / I Fagiolini / Texte in Ital. u. Engl. / Dolby Digital, DTS Surround / Bild 16:9 NTSC / 60 min. / Naxos 2.110224

(Januar/2008)

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