Lang Lang, das Klavierphänomen

Der fulminante Klavierabend von 2003 in der Carnegie Hall auf DVD

DVD-Cover Lang LangÜber den chinesischen Wunderknaben Lang Lang hat Klaus Umbach im Spiegel kürzlich den Stab gebrochen. Seine Faxen am Klavier hätten ein unerträgliches Maß erreicht und machten sein Spiel unglaubwürdig. Er zitiert dabei auch Kollegen internationaler Blätter; sie hätten den 1982 geborenen Pianisten vor einigen Jahren noch hochgejubelt und schrieben heute vom "zügellosen Exhibitionismus" und dass ihm sein Erfolg zu Kopf gestiegen sei.

Der mediale Rummel, der im Fall von Lang Lang schon beinahe hysterische Züge angenommen hat, kann einen Zwanzigjährigen zweifellos aus den Bahnen werfen. Umso neugieriger ist man, den Pianisten vor dem angeblichen medialen Sündenfall kennenzulernen. Die Gelegenheit dazu bietet sich mit dem Mitschnitt des Konzerts in der Carnegie Hall von 2003, den die Deutsche Grammophon als DVD veröffentlicht hat.

Man erlebt einen empfindsamen jungen Mann, der seine Gefühle vor der Kamera graziös auszustellen versteht und mit herzzerreißendem Blick in die Wolken schaut. Ein begnadeter Virtuose und Klavierpoet, bei dem erfülltes Musizieren und schauspielerische Performance pikanterweise zur harmonischen Einheit verschmelzen. Einer, dem alles gelingt, der sich darüber freut und das auch zeigt, der trotz der fünf Kameras, die ihn belauern, sein Publikum mit einem unvergleichlichen natürlichen Charme in den Sack steckt. Sein Spiel begleitet er mit einem irritierenden chinesischen Dauerlächeln. So sind sie halt, die Chinesen, denkt man dabei: Sie überholen uns nicht nur in der Wirtschaft, sondern verstehen es auch, unsere Kulturtradition auf höchstem Niveau zu adaptieren und zugleich mit dem letzten medialen Dreh des kapitalistischen Fortschritts zu verbinden.

Videoaufzeichnungen von Konzerten sind oft langweilig, weil sie die Musik mit stereotypen Bildern zuschütten. Diese Produktion ist jedoch absolut erhellend, nicht nur was das Phänomen Lang Lang angeht, sondern auch weil sie zeigt, wie sich heute in der medial vermittelten Kultur Inhalt und Verpackung zu einem neuen Ganzen summieren können. Orthodoxen Adorniten und Verfechtern eines konservativen Kulturbegriffs mag das ein Greuel sein. Aber man kann das Bild ja auch einfach abschalten und die Musik allein hören. Denn auch die reine Hörerfahrung ist rundum überzeugend. In den Werken von Haydn über Schubert, Schumann, Liszt und Chopin bis zu einigen netten Kleinigkeiten von Tan Dun zeigt Lang Lang eine enorme Stilsicherheit. Sein Musizieren besitzt eine seltene technische Brillanz, die sich nie verselbständigt und die musikalischen Inhalte nie mit leerer Virtuosität übertüncht. Die suggestive Flexibilität seines manuellen Spiels überträgt sich unmittelbar in emotionale Qualitäten, die Musik gewinnt unter seinen Händen eine enorme gestische Plastizität.

Das Booklet lässt erraten, was der Betrieb von Lang Lang erwartet. Es preist den Künstler als kostbares Investitionsobjekt an und rattert Absätze lang die Erfolgsstationen des Jünglings herunter, vom Beginn seines Klavierspiels mit drei Jahren über sein erstes Rezital mit fünf bis zu seiner Ankunft auf den Gipfeln des Musikbetriebs in London, New York und anderswo.

Klar, dass für die Konzertaufzeichnung mit einer solchen Ausnahmeerscheinung nur das Teuerste gut genug sein konnte. Die Münchner Loft-Produktion arbeitete mit fünf High-Definition-Kameras, dem technologischen Standard der Zukunft, Aufnahme und Postproduktion sind auf allerhöchstem Niveau angesiedelt. Als Tonspur wurde die Aufzeichnung verwendet, die Christian Gansch, einer der profiliertesten Klassik-Producer, für die Deutsche Grammophon machte.

© Max Nyffeler 2005

DVD: Lang Lang live at Carnegie Hall / Regie: Benedict Mirow / DTS 5.1, Dolby 5.1, PCM Stereo / Bildformat: nur NTSC 16:9 / 103 min. plus  39 min. Bonusmaterial / Deutsche Grammophon 00440 073 0989

(3/2005)

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