Der unvergleichliche Carlos Kleiber

Universal veröffentlicht Konzert- und Opernaufnahmen des großen Dirigenten

Carlos Kleiberf Cover1Am Schlussakkord kann man sie erkennen. Er bildet die Nahtstelle zwischen Kunstsphäre und Realität, mit seinem Verklingen landet ein Musiker wieder auf dem Boden des Alltags. Es gibt Dirigenten, die den Schlussakkord zum monumentalen Ereignis stilisieren, als wollten sie den Zugang zum Bezirk ihres übermenschlichen Wirkens mit einer schweren Eisentür verbarrikadieren; ihre Botschaft ans Publikum lautet: Herrscher in diesem Reich bin ich, und hier kommt keiner rein! Andere zelebrieren ihn nach Hohepriesterart, wohl wissend, dass beim Publikum der letzte Eindruck der stärkste ist. Und manche wollen die Musik möglichst lange im Inneren nachklingen lassen und versuchen deshalb die Zeit einen Moment lang anzuhalten, bevor der Applaus einsetzt.

Bei Carlos Kleiber ist es anders. Die Schlussakkorde dirigiert er fast beiläufig, und noch während der Klang im Raum steht, scheint er sich innerlich vom Stück schon abgelöst zu  haben. Ein Schlussakord ist für ihn eine Art akustischer Doppelstrich, ein sachliches Zeichen, das signalisiert: Alles Wichtige ist schon gesagt, und hier ist Schluss. Kleiber ist jedes Pathos fremd. Mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht bedankt er sich beim Orchester und verlässt dann schnell das Podium. Schöner, bescheidener, kann man den Respekt vor der Unantastbarkeit des Kunstwerks nicht ausdrücken. Musik als flüchtige Kunst, die bestenfalls in der Erinnerung weiterklingt. Nichts zum Aufplustern und Klebenbleiben.

Bei Universal Classics ist nun eine DVD-Serie mit Konzert- und Opernaufnahmen des 2004 verstorbenen Dirigenten erschienen. Abgefilmte Konzerte sind oft überflüssig und lenken vom musikalischen Geschehen ab. Doch im Falle dieses außergewöhnlichen Dirigenten, der den Routinebetrieb verabscheute und im Lauf der Jahre immer seltener öffentlich auftrat, sind diese Dokumente ein Gewinn. Sie ermöglichen es, seine unverwechselbare Dirigiertechnik und die von wacher Intuition gesteuerte Kommunikation mit den Orchestermusikern aus deren Perspektive zu beobachten.

Übereinstimmung von Klang und Geste

Die Übereinstimmung von Klang und Geste ist beispiellos. Kleibers Geschmeidigkeit hat etwas Katzenhaftes; sie dient nicht der Selbstinszenierung, sondern ausschließlich der Darstellung von musikalischem Sinn. Er macht Bewegungen, die in keinem Lehrbuch stehen, oft schlägt er nicht einmal den Takt. Seine aus der Körpermitte kommenden Gesten modellieren den musikalischen Verlauf. Sie wirken zusammenfassend und haben eine Tendenz zum Allabreve. Häufig benutzt er nur die Rechte, manchmal tut er auch gar nichts und hört nur zu – die Kommunikation erfolgt über den Blick. Das Überraschende bei dieser Dirigierweise ist, dass die Musik nicht in „schöne Stellen“ zerfällt, sondern ein unwiderstehlicher Sog zur formalen Geschlossenheit entsteht. Struktur und äußere Gestalt eines Werks werden zwingend zur Evidenz gebracht.

Da verwundert es nicht, dass gerade auch Dirigenten der neuen Musik von Kleiber nur mit größter Achtung sprechen. Michael Gielen glaubt, dass Kleiber eigentlich gar keine Partiturenanalyse brauche, weil sein intuitives Musikverständnis so unfehlbar sei. Und für Peter Eötvös, der ihn einmal im Konzert erlebte, war es schlicht unfassbar, was er mit einer Beethoven-Sinfonie anstellte. „Man saß da und war einfach weg.“ Voraussetzung dieser schlechthin perfekten Aufführungspraxis waren allerdings ausgedehnte Probenzeiten – Bedingungen, die heute selten geworden sind, was Kleiber zunehmend vom Podium fernhielt.

Schade deshalb, dass die von Universal veröffentlichten Aufnahmen keine Probenmitschnitte enthalten. Wer ihn beim Proben sehen will, muss auf den von TDK veröffentlichten Mono-Mitschnitt mit dem SDR-Orchester von 1970 zurückgreifen. Ansonsten wartet die Kleiber-Serie aber mit einigen hochkarätigen Mitschnitten auf.

Beispielhafte Konzert-Aufführungen

Carlos Kleiber Cover2Von 1983 stammt eine Aufnahme mit dem Concertgebouw Orchester mit der Vierten und Siebten von Beethoven, letztere mit elektrisierendem Impuls und kontrolliert bis ins kleinste Detail; die Klangfarbenmelodie zum Schluss des zügig musizierten Allegretto ist selten so stringent zu hören. Es ist einer der Momente, in denen man den Eindruck hat: Kleiber erfindet die Musik neu. Mit den Wiener Philharmonikern nahm er 1991 die Linzer-Sinfonie von Mozart und die frei atmende, mit leuchtenden Bläserfarben musizierte Zweite von Brahms auf.

Reduktion der Gestik und zugleich höchste Intensität zeichnen den Konzertmitschnitt von 1996 mit dem Bayerischen Staatsorchester aus. Die dramatische Wucht der Anfangsakkorde in Beethovens Coriolan-Ouvertüre erzeugt er nur mit dem rechten Arm. Die Sinfonie in B-Dur KV 319 von Mozart ist von leichter, schwebender Gestalt, in der die Gewichte fein austariert sind – ein schönes Beispiel für Kleibers Alla breve-Zeitgefühl, das trotz weiter formaler Bögen die Klarheit des Details stets im Auge behält. Maßstäbe setzt seine Interpretation der Vierten von Brahms; die komplexe Architektur des letzten Satzes bringt er souverän und mit atemberaubender Logik zur Darstellung.

Die Aufzeichnung der Fledermaus von Johann Strauß aus der Münchner Staatsoper von 1987 wartet mit musikalischer Brillanz und spritzigen Tempi auf, doch hält die Bühne, vor allem bei den großen Tuttiszenen, nicht immer mühelos mit. Regisseur Otto Schenk und Ausstatter Günter Schneider-Siemssen beschweren das Werk mit alterprobtem Staatstheater-Humor und repräsentativem Pomp. Dem Münchner Publikum von damals schien es zu gefallen. Aus heutiger Perspektive ist aber der reine Audio-Mitschnitt auf CD zu empfehlen, der die Hörerfantasie freihält von visuellen Klischees.

Wem die Wiener Heiterkeit liegt, der kann sie pur und in musikalisch erlesener Qualität im Mitschnitt des Neujahrkonzerts der Wiener Philharmoniker von 1989 erleben, den obligaten Radetzky-Klatschmarsch inbegriffen.

© Max Nyffeler 2005

DVDs:
Beethoven, Sinfonien Nr. 4 und 7 / Concertgebouw Orchester / 72 min. / Philips 070 100-9
Mozart, Sinfonie KV 425 („Linz“); Brahms, 2. Sinfonie / Wiener Philharmoniker / 72 min. / Philips 070 161-9
Beethoven: Ouvertüre zu Coriolan; Mozart, Sinfonie KV 319; Brahms, Sinfonie Nr. 4 / Bayerisches Staatsorchester / 76 min. / DGG 00440 073 4017
Strauss: Die Fledermaus / Staatsoper München 1987 / 155 min. / DGG 00440 073 4015
Neujahrskonzert in Wien / Wiener Philharmoniker / 95 min. / DGG 00440 073 4014
Alle Aufnahmen: PCM Stereo, auch DTS 5.1 oder Dolby 5.1 / Bild: 4:3, NTSC (nur für Dual-Standard-Ferseher)

(5/2005)

DVD-Rezensionen: Liste

 

Home