Der einfache Mann aus dem Kaukasus: Aram Khatschaturjan

Protrait eines unglücklichen Vorzeigekomponisten

khachaturianAls Modellfall einer künstlerischen Existenz unter diktatorischen Verhältnissen dient gemeinhin der Fall Schostakowitsch. Der italienische Komponist Luca Lombardi hat daraus vor zwölf Jahren sogar eine Oper gemacht. Doch ein Leben in der Lüge mussten noch viele andere ertragen, und je höher sie standen, desto schmerzhafter war es auch für sie, wenn sie im Lügenkäfig, in den sie eingesperrt waren, ins Straucheln gerieten.

Das gilt auch für Aram Khatschaturjan. Sein Säbeltanz aus dem Ballett Gayaneh ist zum weltweiten Hit geworden, vergleichbar Carl Orffs „O Fortuna“. Doch den Komponisten dahinter kennt man kaum. Ein Filmporträt des New Yorker Produzenten Peter Rosen zeichnet nun seinen Lebensweg zwischen künstlerischem Freiheitsverlangen, Bedrohung und Anpassung in atemberaubender Direktheit nach und präsentiert dazu eine imposanten Fülle an Originalmaterial aus sechs Jahrzehnten, das Resultat langwieriger Recherchen in den ehemals sowjetischen Archiven. Den roten Faden dieser Lebensgeschichte bilden die persönlichen Erinnerungen des Komponisten. Indem sie auf Englisch gelesen werden, wird eine kühle Distanz zum Geschehen geschaffen. Die Bilder, Filmausschnitte und Zeugnisse von Zeitgenossen wirken umso nachhaltiger, als die Autoren des Skripts – Bill van Horn, Solomon Volkov und  Aaron Kuhn – auf jedes vorschnelle Pro und Kontra verzichten und das endgültige Urteil über Khatschaturjan Lavieren zwischen Partei und Kunst dem Zuschauer überlassen.

Geboren 1903 im armenischen Viertel in Tbilissi, kam Khachaturian als Achtzehnjähriger nach Moskau und ließ sich von der Revolutionsbegeisterung mitreißen. Als loyaler, etwas naiver Parteigänger des Systems machte er Karriere. Er war der einfache Mann aus dem Kaukasus – der Komponist, der alle seine Ideen aus der armenischen Volksmusik schöpfte und mit seiner umprätentiösen, ehrlichen Musik die Herzen der Menschen erreichte. Die Säuberungswelle 1936-38 ging an ihm vorbei, sein Ballett Gayaneh wurde 1942 von der Bevölkerung als Fanal des Widerstands gegen Hitler verstanden. Einmal fragt er sich verwundert, warum Stalin, den er insgeheim verachtete, ihn eigentlich so mochte: „Vielleicht weil wir beide aus dem Kaukasus stammten? Oder weil ich anders als meine gebildeten Kollegen war?“

Doch 1948, als Schdanow in Stalins Auftrag zum großen Angriff auf die westlich infizierten „Formalisten“ blies, wurde Khatchaturian zusammen mit Schostakowitsch und Prokofieff als Volksfeind denunziert, und die Welt brach für ihn zusammen. Die traurigste Rolle spielte damals Tichon Chrennikow, den Khatschaturjan bis dahin als einen Freund betrachtet hatte: Er trug die öffentliche Anklage vor. 2004 erklärte Chrennikow vor der Kamera: „Mein Gewissen ist rein. Ich war damals politisch und als öffentliche Person unerfahren.“ Manche machten es sich hinterher leicht, indem sie sich nach dem Muster, das man aus dem Nachkriegsdeutschland kennt, den Umständen die Schuld gaben. Chrennikow war Marionette und Aussätziger zugleich. Das zersetzende Gift des stalinistisch-sozialistischen Systems hinterließ Opfer der unterschiedlichsten Art.

Mit dem Ballett Spartakus konnte sich Khatschaturjan in den fünfziger Jahren „rehabilitieren“. Vladimir Vasiliev, der damalige Solotänzer und Chef des Bolschoi-Balletts, sagt dazu im Film, in der tragisch scheiternden Hauptfigur offenbare sich der wahre Charakter des Komponisten: „Das Ballett Spartakus ist Khatschaturjans Requiem geworden.“

© Max Nyffeler, 11/2011

Khachaturian. Eine Dokumentation von Peter Rosen / russ. und engl. mit dt. UT / 83 min. plus 50 min. Zusatztracks / EuroArts 2058278

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