Im Horrordreieck des Hasses

La Juive (Die Jüdin) von Halévy mit Neil Shicoff auf DVD

DVD Cover Halévy, La JuiveJacques Fromental Halévys 1835 uraufgeführte Grand Opéra La Juive – „Die Jüdin“ – verschwand mit Beginn der Nazizeit von den internationalen Bühnen und wurde in voller Länge erstmals wieder 1999 von der Wiener Staatsoper in der Regie von Günter Krämer auf die Bühne gebracht. Die Begegnung mit der Wiener Produktion, die die Deutsche Grammophon nun in einer sorgfältig edierten Doppel-DVD herausgebracht hat, ist lohnenswert.

Musikalisch reicht das Werk nicht an die düstere Größe von Meyerbeers Opern heran, doch das Libretto von Eugène Scribe ist von gleich hoher Qualität. Es zeigt die fatalen Machtverhältnisse mit scharfem Blick und leuchtet tief in die seelischen Abgründe hinab. Zum Personal der im 15. Jahrhundert spielenden Handlung gehören ein mächtiger Kardinal voll menschlicher Schwächen, ein bei einer Jüdin heimlich fremdgehender Reichsfürst und eine  opportunistische Volksmenge, die blitzschnell von frommer Huldigung auf Pogromstimmung umschaltet; mit Seitenblick auf aktuelle politische Gemütslagen in Österreich hatten die Ausstatter Gottfried Pilz und Isabel Ines Glathar die lose Idee, das Volk in feschen Dirndls, Lederhosen und Gamsbarthüten aufmarschieren zu lassen. Die Gegenwelt sind der jüdische Goldschmied Eléazar und seine Tochter Rachel, die gar nicht seine Tochter ist, sondern – das ist die schockierende Schlusspointe – die des Kardinals, die Eléazar einst aus einem brennenden Haus gerettet und adoptiert hat.

Scribe teilt die Welt nicht in Gut und Böse ein. Der Riss geht mitten durch die Figuren. Eléazar ist Opfer und unversöhnlichen Rächer zugleich, der als Glaubensfanatiker lieber die Ziehtochter dem Henker ausliefert als seine Prinzipien aufgibt. Sie ist das wahre Opfer; im Horrordreieck von Hass, Fundamentalismus und opportunistischer Außenwelt hat ihre Liebe zu einem Christen keine Chance.

Die Aktualität des 170 Jahre alten Werks ist mit Händen zu greifen. Dieser Überzeugung ist auch Neil Shicoff, der überragende Darsteller des Eléazar, der in sich in einer brillant gemachten einstündigen Dokumentation auf bemerkenswert differenzierte Weise über seine Rolle, das Stück und die Thematik äußert. (Zur kitschigen Extra-Verfilmung der Arie Rachel, quand du Seigneur durch den Regisseur Sidney Lumet hätte er sich allerdings besser nicht hergegeben.) Mit Krassimira Stoyanova als Rachel, Jianyi Zhang als Reichfürst Leopold und Walter Fink als Kardinal sind auch die weiteren Hauptrollen angemessen besetzt.

© Max Nyffeler 2005

DVD: Jacques Fromental Halévy: La Juive / Wiener Staatsoper 2003, R: Günter Krämer, ML: Vjekoslav Sutej / PCM Stereo, DTS und Dolby 5.0 / Bildformat: 4:3 NTSC / 176 min. plus 68 min. Dok. / DGG 00440 073 4001 (2 DVD)

(3/2005)

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