Hans Werner Henze erinnert sich

Ein Porträt zum 75. Geburtstag des Komponisten

Ein leicht elegischer Ton durchzieht das Porträt, das der englische Regisseur Barrie Gavin zum 75. Geburtstag von Hans Werner Henze gedreht hat. Unter dem Titel Memoiren eines Außenseiters lässt er den Komponisten im Gartenstuhl vor seiner Villa in der Nähe von Rom über sein Leben und seine Musik sinnieren. Zu Henzes bedächtigen, von langen Pausen durchsetzten Äußerungen öffnen sich Perspektiven auf den wie ein ästhetisches Kleinod gepflegten südlichen Garten, auf das ebenso hergerichtete Arbeitszimmer und die umgebende Natur. Eine Ästhetik der Entschleunigung und reflexiven Selbstvergewisserung, die das heutige Lebensgefühl des Komponisten durchaus trifft und der man auch in seiner neuen, in Salzburg uraufgeführten Oper L'Upupa begegnet.

Die kontemplativen Momente werden aufgebrochen durch Gespräche mit Freunden und Kollegen, mit Archivaufnahmen und längeren Strecken mit Musik – u.a. mit dem Ensemble Modern, dem City of Birmingham Symphony Orchestra – sowie mit Ausschnitten aus Bühnenwerken. Die Jugend in der Nazizeit, die Flucht des jungen Komponisten aus dem deutschen Nachkriegsmief nach Italien, seine weltweiten Erfolge, seine Auseinandersetzungen mit der deutschen Avantgarde und seine Existenz zwischen zwei Kulturen werden knapp, aber treffend dokumentiert. So entsteht das lebendige und facettenreiche Bild eines Komponisten, dessen Werk unlösbar mit den politischen Katastrophen der Gegenwart verflochten ist und das gerade aus dem Konflikt mit der inakzeptablen Wirklichkeit seinen charakteristischen Schönheitsbegriff entwickelt hat. "Er ist kein Flüchtling, aber stets anderswo", sagt Simon Rattle, der als Elfjähriger seine erste prägende Begegnung mit Henzes Musik hatte. Er liefert auch eine schöne Charakterisierung von Henzes italianità, die die Stimmung des ganzen Films prägt: "In seiner Musik schlägt ein sehr deutsches Herz, aber alles darum herum ist mediterran."

Die bemerkenswert unaufgeregten und darum umso genaueren Beobachtungen dieses Komponistenporträts werden ergänzt durch den Live-Mitschnitt eines Hauptwerks aus Henzes späterer Schaffensphase: des Requiems (1990/92) mit dem Ensemble Modern unter Ingo Metzmacher.

© Max Nyffeler 2003

DVD: Hans Werner Henze. Memoirs of an Outsider; Requiem. Ensemble Modern u.a., Regie Barrie Gavin / Dolby 2.0 und PCM Stereo / 89 min (Porträt), 71 min. (Musik) / Arthaus 100360

(11/2003)

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