Hans Werner Henze: Boulevard Solitude

Henzes erste Oper in einer Aufzeichnung aus Barcelona

Henze, Boulevard SolitudeDie Bahnhofshalle als Ort, wo die Menschenmassen aufeinandertreffen und doch jeder für sich allein ist: Diese moderne Allegorie der Vereinsamung setzen der Regisseur Nikolaus Lehnhoff und der Bühnenbildner Tobias Hoheisel im Vorspiel und in den Intermezzi zwischen den sieben Bildern von Henzes Boulevard Solitude als wiederkehrendes Bühnenmotiv ein; die gleiche Bühnenarchitektur dient in leichter Variierung außerdem als Einheitsbühnenbild für die Szenen in Wohnung, Bar und Dachboden. Die Inszenierung von Henzes erster Oper von 1952 am Gran Teatre de Liceu in Barcelona schafft damit nicht nur eine starke formale Klammer, sondern beschwört auch die Zeit des ersten Nachkriegsjahrzehnts wieder herauf, die geprägt war vom Gefühl der „Unbehaustheit“, wie es damals hieß.

Henzes Oper paraphrasiert die Geschichte der Manon Lescaut, wobei aber nicht die unglücklich Liebende im Zentrum steht, sondern der naive Student Armand Des Grieux, der ihr hoffnungslos verfallen ist und mit seinem philosophisch grundierten Weltschmerz einen ziemlich linkischen Eindruck macht. Aus heutiger Sicht erscheint die Rolle weniger überzeugend als die der Manon, die mit ihrer Mischung von Abgebrühtheit und Willenlosigkeit auch Züge einer Lulu besitzt.

Der Ernst des „lyrischen Dramas“ wird durch parodistische und kolportagehafte Elemente gebrochen – „alles, was ihr so Liebe nennt, endet in der Kolportage“, spottet einmal Manons zynischer Bruder, der als ihr Zuhälter agiert. Die Uneigentlichkeit der Gefühle findet in der Musik ihren Widerhall. Die kühlen Lyrismen der Liebesszenen wechseln ab mit kunstvoll einkomponierten Unterhaltungsmusikfetzen, und in den Bahnhofsszenen kommt viel Schlagzeug zum Einsatz. Henzes „Ästhetik der Unreinheit“, die zwei Jahrzehnte später in Werken wie der Liedersammlung Voices oder im Vaudeville La Cubana zur Meisterschaft entwickelt ist, kündigt sich hier schon unüberhörbar an.

Musikalisch besitzt die Aufführung respektables Niveau, und mit Ausnahme von Armand, der als schwärmerischer Student allzu massig wirkt, sind die Rollen gut besetzt. Zoltán Peskó am Pult sorgt für einen transparenten, vielfarbig glänzenden Orchesterklang.

© Max Nyffeler 2008

DVD: Hans Werner Henze: Boulevard Solitude / Nikolaus Lehnhoff (Regie), Tobias Hoheisel (Bühne), Zoltán Peskó (mus. Ltg.) / Ton: Stereo und Dolby 5.1 / Bild 16:9 / 102 min. / Euroarts 2056358

(März/2008)

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