Hamlet von Ambroise Thomas - verschenkt

Eine EMI-Produktion des seltenen Fünfakters von 1868

Cover HamletIn ihrer DVD-Serie „Opera on DVD“ kauft die Firma EMI Standardproduktionen bei europäischen Opernhäusern ein, wobei der planmäßige Aufbau eines Repertoires offenbar noch in den Anfängen steckt und man offenbar nicht einmal recht weiß, ob man überhaupt auf den Markt will oder nicht. Gibt man auf der Website von EMI Classics die Stichwörter Oper und DVD ins Suchfeld ein, herrscht Nullanzeige, bei „DVD“ allein kommen Paul McCartney, Beethoven-Sinfonien und Brahms-Trios.

Doch mindestens drei Opern auf DVD sind real bei der Weltfirma immerhin schon greifbar: Die Don Carlo-Produktion der Scala von 1992 mit  Muti/Zefirelli und Luciano Pavarotti in der Titelrolle, Schostakowitschs Lady Macbeth von Minsk als drastisch realistische Inszenierung des Liceu-Theaters Barcelona (in der Hauptrolle: Nadine Secunde) und Hamlet von Ambroise Thomas, ebenfalls aus dem Liceu.

Im großen Fünfakter von Thomas aus dem Jahr 1868 sind die Hauptrollen mit Simon Keenlyside als Hamlet und Natalie Dessay als Ophelia überzeugend besetzt – ihr Hauptstück, die Wahnsinnsszene, gestaltet die Sängerin mit kontrollierter Eindringlichkeit. Das Inszenierungsteam Patrice Caurier und Moshe Leiser weiß mit den weitläufigen gesungenen Dialogen wenig anzufangen. Die Figuren wirken oft verloren im riesigen Bühnenraum und erschöpfen sich konventionellen Gesten. Nur bei den dramatischen Zuspitzungen, etwa bei der bohrenden Auseinandersetzung zwischen Hamlet und seiner Mutter oder bei der Todesszene der Ophelia, die vom Publikum wie eine sportliche Höchstleistung mit Gebrüll quittiert wird, kommt Spannung in die Szene. Hier treten die dramatischen Qualitäten des Werks denn auch unverstellt hervor.

In der Edition gibt sich EMI knauserig. Der DVD ist nur ein dürres und obendrein schlecht lesbares Informationsblättchen beigegeben. Das „Booklet“, das auf dem Computer als pdf-Dokument von der DVD heruntergeladen werden kann, enthält nichts außer einem sich in Gemeinplätzen erschöpfenden Kommentar. Wer keinen Computer hat und die DVD nur am Fernseher anschauen kann, erfährt nichts über Komponist, Werk und Aufführung. Damit wird mit Sicherheit kein Käufer erreicht, besonders nicht bei einer wenig bekannten Oper. Beim Sparen für den Shareholder Value kann man sich eben auch ins eigene Bein schießen.

© Max Nyffeler 2005

DVD: Ambroise Thomas: Hamlet / Gran Teatre del Liceu, Barcelona 2003, ML: Bertrand de Billy, R: Patrice Caurier & Moshe Leiser / PCM Stereo, Dolby 5.1 und DTS / Bildlformat NTSC, 16:9 / 176 min. / EMI 5 99447 9

(Januar/2005)

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