Mit Händel auf der Themse

Kurzweilig und intelligent: Eine Rekonstruktion der Wassermusik-Aufführung von 1717

Cover Händel WassermusikDie sogenannte historische Aufführungspraxis beschränkt sich in der Regel auf die Spielpraktiken und die verwendeten Instrumente. In der Rekonstruktion der Aufführungsbedingungen findet sie ihre Grenzen. Genau an diesem Punkt hat nun die BBC mit ihrem Versuch angesetzt, Georg Friedrich Händels Wassermusik als Freiluftspektakel auf der Themse nachzubilden.

Auf einer im Stil des 18. Jahrhunderts hergerichteten Barkasse lässt der intelligent gemachte Dokumentarfilm die Musiker des English Concert unter der Leitung von Andrew Manze in historischen Kostümen und Perücken die Themse durch das heutige London von Whitehall bis Chelsea hochfahren. Auf dieser Strecke unternahm am Abend des 17. Juli 1717 der englische König Georg I., begleitet von Händels Musikanten nebst einer stattlichen Flotte von Begleitschiffen, seine Prunkfahrt.  Es war eine hochpolitische Aktion. Er wollte damit dem Adel und der Bevölkerung von London seine imperiale Macht demonstrieren und die Zweifel an seiner Legitimation zu zerstreuen, die sich an seiner Hannoveraner Herkunft festmachten.

Solche historischen Hintergründe werden von Fachleuten kompetent erläutert. Darin liegt, neben den interpretatorischen Qualitäten, die Stärke dieser Produktion. Die Aufnahmen  vom schwimmenden Konzertpodium kombiniert sie auf ebenso unterhaltsame wie instruktive Weise mit der Dokumentation der technischen Vorbereitungen und mit Informationen historischer und kulturgeschichtlicher Art. Bei der medialen Rekonstruktion arbeiteten nicht nur die Musiker, sondern auch Akustiker, Musikwissenschaftler, Historiker, Kostümbildner, Schiffbauer und Flussnavigatoren eng mit dem Filmteam zusammen.

Die historische Distanz wird durch vielfache Brechungen bewusst gemacht, den Filmaufnahmen im Freien wurde ein technisch einwandfreier Studio-Soundtrack unterlegt. Nach Belieben können die Auszüge aus zwei Suiten auch mit dem historischen Panorama von der Themsefahrt bebildert werden.

In der Hauptversion fährt man an einem heutigen Sommerabend über den Fluss: Man unterquert die Eisenbahnbrücke zur Victoria Station, gleitet zum Menuett an den in den Nachthimmel ragenden Schloten der Battersea Power Station vorbei, und erreicht schließlich zum Klang der Bourrée die festlich beleuchtete Albert Bridge – ein Stück weiter als das historisch verbürgte Ziel des Royal Hospital in Chelsea. Doch soviel Freiheit erträgt diese Doku-Fiktion spielend. Den Zauber der nächtlichen Themsefahrt bringt eine Mitwirkende auf den Punkt: „The river is beautiful at night.“

© Max Nyffeler 2006

DVD: Handel’s Water Music. Recreating a Royal Spectacular / dt. Untertitel / English Concert, Ltg. Andrew Manze / Bildformat 16:9 NTSC / PCM Stereo und DTS 5.1 / 78 min. / Opus Arte OA 0930 D

(Mai/2006)

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