DVD RinaldoRinaldo und der Clash of Civilisations

Die Oper von Georg Friedrich Händel in der Münchner Inszenierung von David Alden

Während der Ouvertüre treten auf der Bühne zwei seltsame Dunkelmänner mit Schlapphut, Trenchcoat und Zigarette im Mundwinkel auf, eine Mischung von Agenten, krummen Geschäftemachern und Abenteurern. Der eine zählt Banknotenbündel, der andere blickt misstrauisch um sich, als im Hintergrund ein Diener mit Fez vorbeitänzelt. Die beiden Eindringlinge, Eustazio und Rinaldo mit Namen, sind von Symbolen einer fremden Kultur umgeben. Auf der Wand prangen arabischen Schriftzeichen und die Hand mit dem magischen Auge. Davor stellte irgend jemand behelfsmäßig einen kitschigen Jesus, die Flügeltür wurde mit einem Kreuz verbarrikadiert.

Wir sind an einem westlichen Vorposten im Orient, wo die zivilisierte Menschheit dabei ist, den ungläubigen Feind seiner ewigen Strafe zuzuführen. Es ist aber nicht das heutige Bagdad, sondern das Jerusalem der mittelalterlichen Kreuzzüge in einer Oper von 1711: Rinaldo von Georg Friedrich Händel. Mit dem Bühnenwerk nach Episoden aus Tassos La Gierusalemme liberata gab der 26-jährige Komponist seinen Einstand im Londoner Musikleben und begründete seinen künftigen Ruhm als Meister jener Spielart von italienischer Oper, in der brillante Musik, atemberaubende Stimmakrobatik und Kolonialexotik eine einzigartige Symbiose mit dem Unterhaltungshunger des großstädtischen Adels eingingen.

In seiner Münchner Inszenierung von 2001 hat der englische Regisseur David Alden aus der barocken Märchenoper ein lebensgesättigtes Spiel voll abgründigem Witz, bizarren Einfällen und Situationskomik gemacht. Mit respektlosen Aktualisierungen wie in der Eingangs-Pantomime legt er die Hintergedanken des Stücks bloß, die vermutlich auch schon der realitätsnahe englische Humor zu Händels Zeit zu entziffern wusste: Dass hinter den salbungsvollen Gesten der christlichen Eroberer ein gesundes Geschäftsinteresse steht. Die Helden werden zu Menschen wie du und ich, große Worte durch Komik ihres Pathos entkleidet, mitunter auch durch kleine Gemeinheiten konterkariert. Das Bühnenbild von Paul Steinberg liefert mit seinen spielerischen Anleihen bei der Pop Art den ironischen Kommentar dazu und wartet, wie es sich für eine mythologische Märchenoper gehört, mit spektakulären Effekten auf.

Bei aller Frivolität und Eigendynamik der Inszenierung bleibt Händels Musik nicht nur unangetastet, sondern sie scheint durch die fantasievolle Personenführung und Bilderwelt an Leidenschaftlichkeit, gestischer Pracht und rhythmischem Drive sogar noch zu gewinnen. Maßgeblich daran beteiligt sind freilich das unter der Leitung von Harry Bickett gelöst und stilsicher musizierende Bayerische Staatsorchester und vor allem die brillanten Sängerdarsteller auf der Bühne. Deborah York als wandlungsfähige "helle" Almirena und ihre "dunkle" Gegenspielerin Noëmi Nadelmann als mythischer Vamp und Zauberin Armida sind eine ebenso ideale Besetzung wie die vier männlichen Hauptrollen, darunter drei Countertenöre: Der phänomenale David Daniels als christlicher Held Rinaldo, der lieber die züchtige Almirena vernaschen als gegen den Feind antreten möchte, David Walker als sanftmütig-berechnender christlicher General Goffredo, Axel Köhler als stimmlich und tänzerisch enorm beweglicher Eustazio, sowie der einzige Bass, Eglis Silins, in der Rolle des mächtig polternden Orientalenfürsten Argante.

Eine Produktion, die fast drei Stunden große Musik in hinreißender Interpretation verspricht. Wer sich einmal hingesetzt hat, kommt so schnell nicht wieder davon los.

© Max Nyffeler 2003

DVDs: Georg Friedrich Händel: Rinaldo, Opera seria in drei Akten. Regie: David Alden, ML: Harry Bickett / Dolby 5.1, DTS 5.1, PCM Stereo / 163 Min. plus 54 Min. Zusatztracks (dt. Untertitel) / Arthaus 100 388 (2 DVD)

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(Mai/2003)

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