Händel und kein Ende

Neue Opernproduktionen von unterschiedlicher Qualität und eine exzellente Aufnahme von Händels Hercules

Händel, TeseoHändel AgrippinaDer Händel-Renaissance, die vor längerer Zeit an den Opernhäusern eingesetzt hat, folgt jetzt der Händel-Boom auf dem DVD-Markt. Nach den zum Mozart-Jahr besonders eifrig produzierten Opern des Salzburger Meisters dürfte Händel an zweiter Stelle stehen. Über die Ursachen lässt sich spekulieren. Einerseits sind die für das England des frühen 18. Jahrhunderts geschriebenen Stücke mit ihrer teilweise deftigen Moralkritik und ihren Machtintrigen für die heutige Zeit leicht aktualisierbar; die von kritisch bis frivol reichenden Inszenierungen englischer Regisseure etwa am Münchner Nationaltheater haben dies gezeigt.

Andererseits wusste Händel alle Register der Vokalkomposition zu ziehen, um das vergnügungssüchtige Londoner Publikum bei der Stange zu halten. Seine von  empfindsamer Affektkunst bis zum akrobatischen Koloraturgesang reichenden Arien haben auch heute nichts von ihrer erfrischenden Musikalität und Durchschlagskraft eingebüsst. Dieses effektsichere Komponieren ist Chance und Gefährdung zugleich für die heutige Händelrezeption, es sichert der Musik ein ungebrochenes Interesse, macht sie aber auch verwendbar für oberflächliche Verpoppungen aller Art.

Die DVD-Veröffentlichungen von Bühnenwerken konzentrieren sich auf wenige Werke, von denen, blickt man in die Website einer großen Vertriebsfirma, wiederum Giulio Cesare mit vier Versionen den höchsten Beliebtheitsgrad zu besitzen scheint. Agrippina folgt mit drei, Xerxes und Rodelinda mit zwei Aufnahmen, von acht weiteren Werken gibt es je eine. Absoluter Spitzenreiter ist indes der konzertante Messias mit sieben verschiedenen Aufnahmen. Für das noch junge Medium DVD sind diese Zahlen bemerkenswert.

Man darf annehmen, dass bei den gängigen Titeln der Markt in ein paar Jahren übersättigt ist. Was bei der CD passierte, das sinnlose Überangebot an immergleichen Stücken, könnte hier auf niedrigerem Niveau auch bald einmal eintreten. Der Wildwuchs verdankt sich nicht zuletzt der Tendenz, dass Initiator und Produzent bei der DVD vielfach nicht das Label ist, sondern das einzelne Opernhaus, das auf diesem Weg sein Marken-Image in der musikalischen Öffentlichkeit festigen will; auf der Basis von Sponsorengeldern und mit Koproduzenten wird die Produktion bis zur Masterdisc gemacht und dann den Labels zum Vertrieb angeboten.

Unter den DVD-Neuerscheinungen von  Händel-Opern gibt es den Giulio Cesare zweimal: In englischer Lockerheit inszeniert von David McVicar in Glyndebourne, mit William Christie’s Orchestra of the Age of Enlightenment, sowie vom Opernhaus Barcelona in der Inszenierung von Herbert Wernicke; sein Versuch, das Stück regietheatermäßig aufzubrechen, hat allerdings heute bereits Staub angesetzt.

Agrippina, ein Frühwerk noch aus Händels italienischer Zeit, liegt in einer Aufnahme aus dem Slowakischen Nationaltheater Bratislava mit dem farbig und spannungsreich musizierenden Combattimento Consort Amsterdam unter der Leitung von Jan Willem de Vriend vor. Die Stärke dieser Produktion liegt in den musikalischen Qualitäten von Orchester und Sängern, unter denen die stimmlich und darstellerisch sehr präsente Renate Arends als Poppea herausragt. Man fragt sich aber, warum sich diese feingestrickte Intrige um den römischen Kaiserthron zwischen Wäscheleinen und Baugerüsten aus Aluminiumträgern abspielen muss. Bruttissima scena.

Mit einer ebenfalls vor allem musikalisch gelungenen Leistung wartet eine breit abgestützte Koproduktion der Händel-Festspiele Halle mit der Zauberoper Teseo (Theseus) von 1713 auf. In dem Stück prallen Gut und Böse unversöhnlich aufeinander, Liebe, Hass und Eifersucht verknäueln sich auf desaströse Weise, bis am Schluss das lieto fine per Götterdekret herbeigeführt wird.

Die psychologisch holzschnitthafte, aber von kraftvoller musikalischer Dramatik getragene Handlung spielt sich auf der winzigen Bühne des Goethe-Theaters Bad Lauchstädt ab. Der Bühnenbildner Stephan Dietrich fand für den Umbau eine einfache und praktische Lösung mit verschiebbaren Wandelementen. Von barocker Theatermaschinerie ist hingegen nichts zu sehen. Die Bühneneffekte mit Gruselwesen und anderen Zaubereien werden vom Regisseur Axel Köhler auf ziemlich biedere Art umgesetzt – einige grotesk gekleidete und blutrot geschminkte Wesen führen harmlose Pantomimen auf, vor denen auch vor dreihundert Jahren vermutlich niemand in Ohnmacht gefallen wäre. Nur die präzise Personencharakterisierung rettet den optischen Eindruck. In den Hauptrollen brillieren Maria Riccarda Wesseling als böse Zauberin Medea und Jacek Laszczkowski als Teseo mit seinem leichten, dabei aber ungemein ausdrucksstarken Sopran. Die Lautten Compagney Berlin musiziert unter der Leitung von Wolfgang Katschner mit großem rhythmischen Elan, was freilich manchmal etwas ruppig klingt und auf Kosten der Linie geht.

Die bedeutendste unter all den aktuellen Händel-Neuerscheinungen ist aber zweifellos die Produktion der Pariser Opéra von Hercules. Das weltliche Oratorium nach Sophokles und Ovid, im Januar 1745 mit mäßigem Erfolg in London uraufgeführt, wurde vor vier Jahren durch eine CD-Aufnahme mit Marc Minkowski aus der Versenkung geholt. Im kargen Dekor von Richard Peduzzi bringt nun der Regisseur Luc Bondy die hohen musikdramatischen Qualitäten des Stücks zur Geltung. Zu sehen ist eine große Tragödie, in der Leidenschaften und blindes Schicksal Regie führen. Gemäß der Konzeption als Oratorium spielen die Chöre eine wichtige Rolle im Geschehen.

Bondy lässt sie als kommentierende Gruppe von nachdenkliche und mitfühlenden Individuen auftreten, den Herkules stellt er nicht als Schlagetot mit Keule auf die Bühne, sondern als höchst ambivalenten Charakter. Er ist ein hilfloses, schuldiges Individuum, „der sich demütigende Held, der Mensch im Gotte“, wie es im programmatischen Text der französischen Autorin Camille Laurens heißt, der zu Beginn des dritten Aktes auf den Bühnenhintergrund projiziert wird.

William Shimell gibt den Herkules als zunehmend ratlosen Helden, der am Misstrauen seiner Gemahlin zugrunde geht. Mit der von Eifersucht getriebenen Dejanira schuf Händel sowohl unter musikalischen als auch psychologischen Gesichtspunkten eine Glanzrolle. Ihre späte Einsicht und die Verzweiflung über den Tod des Helden im Schlussakt, ist eine der großen Wahnsinnsszenen der Musikbühne und besitzt Shakespearsche Wucht. Die Sopranistin Joyce Didonato gestaltet diese Szene mit beklemmender Intensität. Auch die weiteren Rollen sind hervorragend besetzt. William Christie leitet Sänger, Chor und das Orchestre des Arts Florissants sorgfältig durch das dramatisch aufgeladene Geschehen.

© Max Nyffeler 2006

DVDs: Julius Caesar / Sarah Connolly, Angelika Kirchschlager u.a., Orchestra of the Age of Enlightenment Ltg. William Christie; David McVicar, Regie / Stereo und DTS Surround / 295 min. / BBC Opus Arte OA 0950 D (3 DVD)
Julius Caesar / Flavio Oliver, Elena de la Merced u.a., Orchester des Gran Teatre del Liceu, Ltg. Michael Hofstetter; Herbert Wernicke, Regie und Ausstattung / Stereo, Dolby 5.1. und DTS Surround / 216 min. / TDK DVWW-OPGCES (2 DVD)
Agrippina / Renate Arends, Annemarie Kremer, Piotr Micinsky u.a., Combattimento Consort Amsterdam, Ltg. Jan Willem de Vriend; Eva Buchmann, Inszenierung / Stereo, Dolby 5.1. und DTS Surround / 173 min. / Challenge Classics CCDVD 72143
Teseo / Jacek Laszczkowski, Maria Riccarda Wesseling u.a.; Lautten Compagney Berlin, Ltg. Wolfgang Katschner; Axel Köhler, Regie / Dolby 5.1. und Stereo / 166 min. / Arthaus 100708
Hercules / William Shimell, Joyce Didonato u.a., Orchestre et Choeur des Arts Florissants, Ltg. William Christie; Luc Bondy, Regie / Dolby 5.1. und Stereo / 190 min. / Bel Air Classiques BAC 013

(Juli/2006)

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