Pianisten bei der Arbeit: Emil Gilels und Pierre Laurent Aimard

Wie sollen Klavierabende abgefilmt werden? Zwei unterschiedliche Modelle der Konzertaufzeichnung

Bei Konzertmitschnitten auf DVD fragt man sich oft nach dem Ertrag, den eine Visualisierung für den Hörer hat. Nicht selten begnügt sich der Film mit der Inszenierung von Äußerlichkeiten, die von der Musik und ihrer Interpretation ablenken und den Verdacht nähren, es gehe hier mehr um Personen- und Orchester-Marketing oder um Zeigestock-Ästhetik für glotzende Musikbanausen als um Vermittlung von musikalischen Inhalten. Trotzdem gilt es auch bei diesen relativ trivialen Musikfilmen zu differenzieren. Stets problematisch sind Videomitschnitte von Orchesterkonzerten. Eine Regie, die von Instrument zu Instrument hüpft und damit die musikalischen Vorgänge eins zu eins verdoppelt, ist zwar pädagogisch gut gemeint, erreicht aber genau das Gegenteil; indem sie unablässig in den optischen Details herumstochert, schafft sie Unruhe und zerstört jede Konzentration des Hörens.

Videoaufnahmen von Klavierrezitals sind demgegenüber für den hörenden Zuschauer ergiebiger, denn sie können sich auf einen einzigen Interpreten und seine Aktionen am Klavier konzentrieren. Wenn man den Interpreten wie im Konzertsaal als Gesamterscheinung vor Augen hat, so verdeutlicht diese zusätzliche optische Zeichenebene die persönlichen Merkmale einer Interpretation. In diesem Punkt kann die DVD der CD überlegen sein, eine entsprechende Bildregie vorausgesetzt. Diese hat sich durch die neuen technischen Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, tiefgreifend verändert. Die traditionellen Fernsehaufzeichnungen begnügten sich bis noch bis vor zwanzig Jahren mit der reinen Darstellung der Konzertsituation; heutige Musikfilme experimentieren dagegen gerne mit den Formen von Feature, Reportage und Doku-Fiction, in denen die Interpretationen in einen erzählenden Rahmen eingefügt sind.

Emil Gilels: Konzentration auf das Wesentliche

Cover Emil GilelsEine Aufnahme der klassischen Art ist der Mitschnitt eines Klavierabends mit Emil Gilels aus dem Großen Saal des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums von 1983. Auf dem Programm standen die Paganini-Variationen (1. Teil) op. 35 und die Klavierstücke op. 117 von Brahms sowie die vier Stücke op. 32 und die Sinfonischen Etüden op. 13 von Schumann, dazu zwei Zugaben von Mendelssohn. Die Aufzeichnung des UdSSR-Fernsehens ist unverändert auf einer DVD des amerikanischen Labels VAI erschienen.

Der Film versucht die Konzertsituation möglichst genau abzubilden – der Zuschauer vor dem Bildschirm soll sich wie im Konzertsaal vorkommen. Drei Kameras beobachten den Interpreten aus drei verschiedenen Publikumsperspektiven, eine vierte, die rechts auf der Bühne aufgebaut ist, ermöglicht den Blick durch den geöffneten Flügel hindurch auf das Gesicht des Interpreten. Damit wechselt die Blickrichtung während des Spiels, im Gegensatz zum Mono-Klangbild, das natürlich statisch bleibt. Die Wechsel zwischen den vier Kameraperpektiven erfolgen indes sparsam und stets synchron zu musikalischen Formabschnitten; Kamerafahrten und Schwenks gibt es nicht, nur unterschiedliche Nah- und Ferneinstellungen und vereinzelte Zooms, die aber ebenfalls sehr zurückhaltend eingesetzt sind.

Damit ergibt sich eine ruhige, vollkommen unspektakuläre Darstellung der Aufführung. Sie stimmt mit der Haltung des Interpreten überein. Der 1985 im Alter von 69 Jahren gestorbene Emil Gilels war ein Pianist alter Schule, der beim Spielen auf jedes unnötige Detail – musikalisch und gestisch – verzichtete und sich auch beim Auf- und Abtreten völlig zurücknahm. Er konzentrierte sich ganz auf die notengetreue Darstellung der Musik, die indes von einem überragenden künstlerischen Verständnis und einer stupenden Technik getragen war.

Wenn die unter aufnahmeästhetischen Gesichtpunkten anspruchslose Videoaufzeichnung trotzdem Ereignischarakter besitzt, so liegt das daran, dass sie die hoch konzentrierte Haltung des Interpreten, Ausdruck seiner unbedingten Hingabe an die Musik, optisch glaubhaft zu kommunizieren versteht. Auch noch am Bildschirm ist die Hochspannung spürbar, die Gilels im Konzertsaal zu erzeugen verstand. Die gelegentlichen falschen Noten stören da überhaupt nicht, sie lassen im Gegenteil den Zuhörer teilhaben am unkalkulierbaren Abenteuer des schöpferischen Akts, das eine lebendige Interpretation ausmacht. Somit ist diese DVD ist ein Produkt für Musikhörer, die gerne auch einmal eine so überragende Persönlichkeit wie Gilels bei der Arbeit beobachten möchten, die aber gelegentlich auch wegschauen können, um sich ganz auf die Musik zu konzentrieren.

Pierre-Laurent Aimard: Porträt nach dem Baukastensystem

Cover Pierre-Laurent AimardDas DVD-Porträt von Pierre Laurent Aimard, das der Musikfilmautor Jan Schmidt-Garre produziert hat, ist im Vergleich zur klassisch-einfachen Darstellungsweise bei Gilels facettenreicher und beweglicher im Einsatz der Mittel. Es profitiert von den neuen Möglichkeiten der digitalen Technik und trägt auch den durch die audiovisuellen Medien veränderten Wahrnehmungsgewohnheiten Rechnung. Das Porträt besteht aus drei Elementen: Einem Konzertmitschnitt von 2008 aus der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München, einem halbstündigen, fernsehkompatiblen Feature und einem ausführlichen, 73-minütigen Interview mit dem Künstler. Mit dieser Baukastenanordnung unterscheidet es sich etwa von den Fernsehfeatures eines Bruno Monsaingeon, der Konzert- und Probenmitschnitte, Interviews und sonstige Aufnahmen in eine einzige Form einschmilzt.

Wie bei Gilels wird auch hier die Konzertsaalsituation abgebildet, aber nun gerade aus der entgegengesetzten Perspektive: Die Kameras sind auf der Bühne postiert. Eine steht hinter dem Flügel und zeigt den Interpreten halbnah von links, mit den Gesichtern des Publikums in Frontalansicht dahinter und Akademiemitglied Sigi Mauser in hellbrauner Lederjacke im Dauer-Fokus. Das lockert zwar das strenge Ritual der Konzertsituation auf, ist aber der Konzentration auf die anspruchsvolle Musik von Bachs Kunst der Fuge über Elliott Carter und George Benjamin bis Beethovens op. 110 nicht unbedingt zuträglich. Die Schnitte erfolgen häufig unabhängig von den musikalischen Zäsuren – auch das eine freiere, wenngleich nicht unbedingt zwingende Darstellungsweise. Insgesamt gelingt dem Film aber eine Darstellung, die den Vorgang der Interpretation in seiner Vielschichtigkeit durchaus einsichtig zu machen versteht.

Das Feature entwirft ein gedrängtes Porträt von Aimard, das die Informationen kaleidoskopartig verpackt. Es springt von dem Konzert in der Münchner Akademie, wo Aimard mit der Kunst der Fuge zu Gange ist, rasch zum Bachforscher Christoph Wolff nach Harvard, der feststellt, das ein solches Werk vor Bach noch nie geschrieben wurde, und von dort nach New York, wo Aimard von Elliot Carter bei sich zu Hause empfangen wird: „Are you staying for long - you’re doing the Beethoven Third?“ Dann wird an Carters Komposition gearbeitet. In den dazwischen gestreuten Interviewteilen präsentiert sich Aimard als Pianist mit scharfem Intellekt, der sehr genaue Vorstellungen von der Musik hat und das auch verbal gut zu kommunizieren weiß: Wie Komponist und Interpret aufeinander eingehen, wie der Klang des Flügels dem Saal angepasst werden kann, wie man sich als Interpret auf die Epoche, aus der ein Werk stammt, einzustellen hat. Über die Konzertausschnitte werden Interviewteile und Textblöcke mit Sachinformationen zum Repertoire gelegt – dass die Musik von Bach und Carter hier zum bloßen Soundtrack degradiert wird, dürfte nicht jedermann erfreuen, lässt sich aber rechtfertigen durch die Tatsache, dass diese Stücke ja hinterher im Konzertmitschnitt als Ganzes nochmals zu hören sind.

Das dritte Element dieses DVD-Porträts ist das lange Gespräch zwischen Aimard und dem Filmautor in englischer Sprache, leider ohne Untertitel. Ausgehend von biografischen Details öffnet sich das Gespräch zu allgemeinen Fragen der Interpretation und zu Kommentaren zu den aufgenommenen Stücken. Wem das halbstündige Feature zu überfliegerhaft ist, kann sich hier ein genaueres Bild von diesem außerordentlich vielseitigen Pianisten machen, der analytisches Denken mit einem einzigartigen Kunstverstand zu verbinden weiß; auch bescheidene Fragen animieren ihn dazu, rasch zum Wesentlichen eines Werks oder einer kompositorischen Fragestellung vorzudringen.

© Max Nyffeler 2010

DVD: Emil Gilels Live in Moscow, Vol. I: Werke von Brahms, Schumann und Mendelssohn. Aufnahme von 1983 / Bild: NTSC 4:3, Ton: mono / 93 min. / VAI 4466
Pierre-Laurent Aimard: Not Just One Truth. Porträt von Jan Schmidt-Garre, mit Werken von Johann Sebastian Bach, Elliott Carter, George Benjamin und Ludwig van Beethoven / Bild: NTSC 16:9, Ton: PCM Stereo und Dolby Surround / 75 min (Konzert), 30 min. (Feature), 73 min. (Interview) / EuroArts 2055798

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