Fortschritt essen CD auf

Die DVD erobert den Musikmarkt

"Alles andere ist Gaslicht." Mit diesem Satz stellte Herbert von Karajan 1981 gemeinsam mit dem Sony-Chef Akio Morita der Öffentlichkeit einen neuen Tonträger vor: die Compact Disc. Dank der Digitaltechnik garantierte sie eine Aufzeichnung und Speicherung des Schalls ohne Qualitätsverlust, sie war praktischer zu handhaben als die alte LP und ohne deren Anfälligkeit für Kratzer und Geräusche. Doch nur zwei Jahrzehnte später entpuppt sich der scheinbar ultimative Fortschritt von damals als Zwischenstufe einer technischen Entwicklung, die immer mehr in Richtung Multimedia geht. Laut Prognosen der Marktforscher erwächst dem digitalen Tonträger Compact Disc in den nächsten Jahren eine zunehmend Konkurrenz im neuen Bildtonträger DVD, der "Digital Versatile Disc".

Das neue Speichermedium – "versatile" steht für "vielseitig" – ist äußerlich von einer CD nicht zu unterscheiden, doch seine Fähigkeiten sind weit größer. Die DVD kann nicht nur den Ton, sondern auch das Bild in digitaler Qualität wiedergeben. Durch die standardmäßige Anwendung der Dolby Digital 5.1 Surround Technik (fünf selbständige Tonkanäle plus ein Tieftöner) garantiert sie einen Raumklang, wie er bisher nur in modern ausgestatteten Kinos zu erleben war. Als Alternative bietet sie aber auch das herkömmliche Stereoformat an. Dank neuer Aufzeichnungs- und Kompressionsverfahren erreicht die DVD im Vergleich zur CD eine mehr als doppelt so lange Spieldauer. DVD-Player sind heute bereits zu einem Preis zu haben, der sich von dem eines CD-Players kaum noch unterscheidet. Gute Voraussetzungen, um der lahmenden Musikindustrie in den nächsten Jahren wieder etwas auf die Beine zu helfen.

Neue Qualität der medialen Musikwahrnehmung

Die Alleskönner-Scheibe DVD wird das Home Entertainment umkrempeln, darüber sind sich die Fachleute einig. Sie wird in Zukunft eine zentrale Position in der integrierten Video-HiFi-Anlage im Wohnzimmer und bei den Spielkonsolen einnehmen. Im Bereich der Musik bietet sie sich natürlich überall dort an, wo multimediale Aspekte eine Rolle spielen, vom Musiktheater über das kommentierte Konzert und die filmische Dokumentation bis zum Rockspektakel. Sie ermöglicht nicht nur eine brillante Bild- und Tonwiedergabe, sondern auch Untertitel in mehreren Sprachen und bei Spielfilmen bis zu acht Sprachfassungen. Dazu kommen, je nach Produktionsaufwand, eventuelle Zugaben-Tracks mit Probenmitschnitten, Interviews oder Partiturabbildungen sowie die Option, unter mehreren Kameraperspektiven auszuwählen. Die 5.1 Surround-Technik könnte heute auch die visionären Raumklangexperimente von Charles Ives bis Luigi Nono spielend ins Wohnzimmer transportieren.

Das alles macht aus der DVD weit mehr als nur eine luxuriöse Videokassette. Schon die Handhabung ist einfacher: Das schwerfällige Umspulen und die zeitraubende Suche nach einer bestimmten Stelle, die bei der VHS-Kassette oft nervtötend sind, weichen der sekundenschnellen Track-Auswahl, wie man sie von der CD kennt. Die entscheidende Neuerung gegenüber der VHS-Kassette betrifft aber die Präsentation des Inhalts. An die Stelle des eindimensional arbeitenden Informationsträgers tritt ein Dokumentationsmedium, das Künstler, Kunstwerk und Aufführung aus einer Mehrfachperspektive darstellen kann. Damit schafft die DVD eine ganz neue Nähe des Publikums zum gezeigten Gegenstand. Der Konsument fühlt sich als privilegierter Kulissengucker, der die Stars aus der Nähe beobachten und auch im persönlichen Gespräch erleben kann. In der Simulation des Live-Erlebnisses findet ein Qualitätssprung statt, die mediale Wahrnehmung von Musik wird auf eine neue Stufe gehoben. Durch die Möglichkeit, Informationen unterschiedlicher Dichte und Qualität auf mehreren Spuren zu speichern oder in eine filmische Dramaturgie zu verpacken, eignet sich die DVD außerdem auch für pädagogische Zwecke. Ein enormes Potenzial, das allerdings durch die hohen Produktionskosten noch eingeschränkt wird.

Auf dem Weg zum Massenmarkt

Die DVD ist schon dabei, die Videokassette vom Markt zu verdrängen. Wie das Brachenblatt "Musikmarkt" im Mai in einem DVD-Special meldet, wurden 2001 in Deutschland erstmals mehr DVD-Scheiben als VHS-Kassetten verkauft. In den privaten Haushalten standen 2,8 Millionen DVD-Player, dreimal mehr als im Vorjahr. 2002 sollen es 5,2 Millionen werden. Das wären 14 Prozent aller Haushalte – der Massenmarkt ist dann erreicht. Von Vorteil ist, dass die DVD-Video-Geräte auch herkömmliche CDs und Video-CDs abspielen. Nicht jedoch alle neuen hochauflösenden Nur-Audio-Formate – DVD-Audio (Panasonic/Toshiba) und SACD (Sony/Philips) blockieren sich gegenseitig aus Konkurrenzgründen. Und bereits werden im Computermarkt auch DVD-Brenner angeboten, womit das Aufzeichnen von Fernsehsendungen in Digitalqualität möglich wird. Neue Aufregung an der Copyright-Front ist damit garantiert.

Klare Signale kommen auch vom Ursprung der Produktionskette des neuen Mediums, von den Herstellern der Maschinen zur Produktion von Rohlingen. Die deutsche Firma Singulus, weltweiter Marktführer für DVD-Produktionslinien, rechnet mit jährlichen Zuwächsen von zwanzig Prozent. Sie liefert schon heute Maschinen zur Produktion von DVD-RW ("rewritable"), mehrfach wieder beschreibbaren Discs. Die Singulus-Aktie wird am Neuen Markt gehandelt und gilt in diesem windigen Börsensegment inzwischen als eines der letzten Papiere mit klaren Wachstumsaussichten.

Zurückhaltende Majors

Während bei den Kinofilmen das Geschäft mit DVD-Versionen von Laurel und Hardy bis Star Wars schon tüchtig läuft, scheint die Musikbranche die Entwicklung verschlafen zu haben. Das hat wohl mit dem Absatzeinbruch bei den CDs zu tun, der den großen Plattenfirmen in den letzten Jahren allen Wind aus den Segeln genommen hat. Eine schnelle Repertoirebildung wird einstweilen auch durch die erheblichen Produktionskosten erschwert. So sind die Majors bisher über Pilotprojekte kaum hinausgekommen. Am weitesten ist Universal mit seinen Labels DGG, Decca und Philips, wo neben den unvermeidlichen drei Tenören auch wertvolle Archivdokumente angeboten werden. Vor kurzem wurde hier auch der legendäre Bayreuther "Ring" mit Patrice Chéreau und Pierre Boulez, die VHS-Videoproduktion von 1976, als DVD-Edition herausgebracht.

Eine Umschau auf den Websites der Marktführer erbringt eher dürftige Resultate. Das Bertelmann-Label BMG bietet eine Hand voll DVDs zwischen Ramazzotti und Karajan an, meist aus dem Popbereich. Bei den Warner-Labels Teldec und Erato dominieren noch immer VHS-Bänder. Doch ist man in den Startlöchern und will künftig vor allem über das englische Label NVC Arts DVDs produzieren. Bei EMI scheint die DVD-Video-Ära noch nicht begonnen zu haben, und eine hauseigene Tosca mit Angela Gheorghiu und Roberto Alagna ist gerade beim Fremdlabel Arthaus Musik erschienen.

Neue Labels: Arthaus und TDK

Das DVD-Label Arthaus Musik wurde von der Münchner Kinowelt Medien AG im April 2000 gegründet, als andere noch über die Krise am CD-Markt jammerten. Dank diesem zeitlichen Vorsprung hat es im Klassik-Markt die Nase noch immer vorn. Und dies, obwohl die Mutterfirma inzwischen Pleite gegangen ist – durch neue Geldgeber unter Führung des Managements ist das DVD-Label einstweilen gerettet worden. Der Arthaus-Katalog umfasst rund 120 Titel von Barock bis Moderne und ist in die Sparten Oper, Konzert, Tanz, Jazz und Documentary unterteilt. Opernaufnahmen bilden darin naturgemäß einen Schwerpunkt.

Konkurrenz hat Arthaus Musik inzwischen durch das neu gegründete Label TDK bekommen. Die Hardware-Firma ist vor kurzem in das DVD-Geschäft eingestiegen und bietet Aufnahmen aus den Bereichen Rock, Jazz und Klassik an, in letzterem vor allem Opern- und Konzertmitschnitte von renommierten Festivals mit den üblichen Vorzeigeorchestern und Dirigenten von Abbado bis Ozawa. Die DVD-Produzenten müssen auf die großen Namen und das Standardrepertoire setzen, um den Markt zu erschließen. Ob damit ein Massenpublikum erreicht werden kann, wird sich wohl bald einmal zeigen.

© 2002 Max Nyffeler

Die Printversion dieses Texts ist erschienen in der Septembernummer 2002 der Neuen Zeitschrift für Musik (Schott, Mainz)

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