Vladimir Deshevovs Revolutionsoper Ice and Steel

Revolutionäre Märsche und konterrevolutionäre Dodekaphonie

Cover DeshevovVon dem Versuch, eine sowjetische Operntradition zu begründen, in der die alten Götter, Fürsten und Liebespaare gegen moderne Arbeiter, Soldaten und Funktionäre ausgetauscht werden, ist nicht viel übrig geblieben, zumal nach 1989 die Thematik in zusätzliche historische Ferne gerückt ist. Doch gelegentlich betreibt ein Theater Opernarchäologie und fördert aus dem revolutionären Fundus des untergegangenen Reichs etwas halbwegs Brauchbares zutage. So auch das Saarländische Staatstheater, das vor einem Jahr die Oper Eis und Stahl von Vladimir Deshevov (1889-1955) nach einem Libretto von Boris Lavrenjov zur deutschen Erstaufführung brachte. Unter der musikalischen Leitung von Will Humburg, in der Regie von Immo Karaman und dem Bühnenbild von Johann Jörg ist eine sehr respektable Aufführung zustande gekommen, der es gelingt, die ästhetische und politische Problematik des vergessenen Werks auch dem heutigen Publikum plausibel zu machen. Das Resultat ist nun auf einer DVD bei Arthaus zu besichtigen.

Eis und Stahl wurde 1930 in Leningrad uraufgeführt, wo in den Jahren davor Opern von Schreker, Berg, Strawinsky, Krenek auf dem Spielplan gestanden hatten und wo nun, in den ersten Jahren einer Konsolidierung des Sowjetreichs unter Stalin, der Ruf nach einem heroischen Musiktheater proletarischen Zuschnitts laut wurde. Die Oper von Deshevov/Lavrenjov erfüllt diese Vorgaben weitgehend, doch mit dem Sujet des Kronstädter Matrosenaufstands von 1921 enthält sie auch ein querständiges Element. Die Aufständischen in der Leningrad vorgelagerten Festung Kronstadt forderten von der Sowjetführung mehr Freiheiten und Maßnahmen gegen den Hunger. Die von der offiziellen Propaganda als „konterrevolutionär“ gebrandmarkte Rebellion wurde von Truppen der Bolschewiki unter Lenin und Trotzki in einem Blutbad erstickt.

Mit diesem Sujet wollten Lavrenjow und Deshevov einen kritischen Moment in der Entwicklung der frühen Sowjetmacht zeigen, aus der sie siegreich hervorgehen sollte. Die Konterrevolutionäre – Weißgardisten, Mendschewiki, Anarchisten, Sozialdemokraten, verkappte Zaristen und Agenten des westlichen Kapitals – werden als opportunistisches und dekadentes Gesindel karikiert, die Fabrikarbeiter als verunsicherte Proleten, die nach Brot schreien, aber schließlich vom Parteikommissar als Freiwillige für den Kampf gegen die konterrevolutionären Matrosen gewonnen werden. Mitten drin in diesem revolutionären Chaos steht die wackere Parteisoldatin Musja, die sich unter falscher Identität in Kronstadt einschmuggelt, die Festung in die Luft sprengt und dabei ihr Leben opfert.

Musikalisch arbeitete Deshevov, der westlichen Kompositionstechniken gegenüber durchaus aufgeschlossen war, mit unterschiedlichen Stilmitteln – „dialektisch“, wie es in der Nachfolge von Hanns Eisler heißen würde. In der Marktplatzszene im ersten Akt erklingt ein collageähnliches Geflecht von Melodiefetzen aus der alten russischen Folklore, um das vorsozialistische Chaos des freien Marktes zu charakterisieren, eine Zwölftonreihe steht für den kriminellen Schwarzhandel, und die Fabrikszene zeichnet mit hart rhythmisierten Ostinati ein Bild der modernen Maschinenwelt. Den Parteifunktionären ist ein Ton zugeordnet, der zwischen sachlich und heroisch schwankt und sich bei der Einnahme des Forts ins Hymnische steigert: Der bewaffnete Arm der Partei als Garant einer leuchtenden Zukunft.

Die Regie, die das Großaufgebot an Einzelfiguren einigermaßen geschickt zu sinnfälligen Konstellationen zusammenzuführen vermag, versäumt es an solchen Stellen nicht, die Tendenz des Werks deutlich zu konterkarieren. Die letzte Szene mit der endlos kreisenden, apotheotischen Marschmusikfigur – eine kommunistische Variante von Mussorgskis „Großem Tor von Kiew“? – endet damit, dass die zum Heldendenkmal erstarrte Musja von den Nachkommen vom Sockel gestürzt wird.

© Max Nyffeler 2009

DVD: Vladimir Deshevov: Ice and Steel (Eis und Stahl), Oper in vier Akten / Produktion des Staatstheaters Saarbrücken 2007 / Russisch mit Untertiteln / Bild: 16:9 NTSC / Ton: Stereo, Dolby 5.1 und DTS 5.1 / 96 min. / Arthaus 101323

(Januar 2009)

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