"La Belle Hélène" von Jacques Offenbach mit Nikolaus Harnoncourt und Marc Minkowski: Eine eminent französische Angelegenheit

Ein Interpretationsvergleich von Max Nyffeler

Seit den Übersetzungen und Aufsätzen, die Karl Kraus in der "Fackel" veröffentlichte, und seit Siegfried Kracauers Gesellschaftstableau "Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit" gibt es in der deutschsprachigen Kultur so etwas wie eine kritische Offenbach-Rezeption. Gleich weit entfernt von bloßem Bühnenallotria und von Wiener Rührseligkeit, werden die Operetten von Jacques Offenbach, von ihm selbst auch "Opéra-bouffe" genannt, als zeitloser Ausdruck der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse des Zweiten Kaiserreichs gesehen; ihre Protagonisten – ihrer Erhabenheit entkleidete Herrscher, Götter und Heroen aller Art – erscheinen als Prototypen der zahnlos Mächtigen, die der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Doch Offenbachs Werke sind bei aller konkreten Satire nicht einfach klingende Gesellschaftskritik. Sie sind auch Inbegriff heiteren Spotts, frivoler Leichtigkeit und unbeschwerter Lebensfreude, und das sind Qualitäten, die nicht unbedingt zur Stärke deutscher Generalmusikdirektoren und Regisseure gehören. Aufführungen an deutschsprachigen Bühnen sind denn auch oft angesiedelt in einer etwas qualvollen Mittelposition zwischen "linker" Kritik in der Art Walter Felsensteins und deftiger "unpolitischer" Unterhaltung. Dazu kommt das Sprachproblem: Deutschen Versionen fehlt meist der nötige Witz – zu den Ausnahmen gehören manche Übersetzungen von Josef Heinzelmann –, und Aufführungen in der Originalsprache leiden wiederum unter der schlechten französischen Aussprache der Akteure, was dem leichtfüßigen offenbachschen Musiktheater wie ein Klotz am Bein hängt.

Zwischen Paris und Wien

Bei zwei Produktionen von Offenbachs Operette "La belle Hélène", die zur Zeit auf dem DVD-Markt erhältlich sind, lassen sich die Unterschiede zwischen französischer und im weitesten Sinn deutscher Sehweise gut miteinander vergleichen. Beides sind Live-Mitschnitte. Eines ist eine Produktion aus dem Opernhaus Zürich in der Regie des bühnenerfahrenen Helmut Lohner, mit hauseigenem Chor und Orchester unter der musikalischen Leitung von Nikolaus Harnoncourt. Das ist natürlich mehr österreichisch als deutsch eingefärbt, denn im Hintergrund bei Harnoncourt steht die Wiener Operette, an der er wiederum mehr die noblen Seiten als die Gesellschaftssatire betont. Die zweite Produktion ist fast rein französisch. Sie wurde im Théâtre du Châtelet in Paris mit Marc Minkowski und den Musiciens du Louvre aufgezeichnet; verantwortlich für Inszenierung und Kostüme ist der junge Laurent Pelly.

Die unterschiedlichen Ansätze werden schon gleich bei der Bildersymbolik des Vorspanns mit der Kapitelauswahl deutlich. In der Zürcher Inszenierung klickt man auf die Köpfe der vier attischen Könige, die als Karnevalskönige aufgemacht sind und beim Anklicken wie Pappkameraden nach hinten kippen. Jean-Charles de Castellbajac schuf die bunten und fröhlichen Kostüme; eine burleske Szenerie, die der Bühnenbildner Paolo Piva irgendwo in einem familiär-vertrottelten Märchenkönigreich ansiedelt, liefert den Rahmen für das Geschehen. Bei der französischen Produktion liegt zu Beginn die erotisch unausgelastete Helena auf ihrem Ehebett. Das Möbelstück wird zu einem Leitmotiv der Inszenierung. Am Schluss, wenn Paris Helena übers Meer entführt, ist auch das Boot, auf dem das Paar davonschwebt, ein umgebautes Bett mit Segel.

Bettgeschichten

Pelly und seine Bühnenbildnerin Chantal Thomas verpflanzen die antike Sage zu Beginn in das Schlafzimmer eines modernen französischen Mittelstandshaushalts, wo Helena an der Seite des schnarchenden Gatten ihren unerfüllten Träumen nachhängt. Die Handlung spielt sich anfänglich nur vor ihrem inneren bzw. schlaflosen Auge ab. In dem Moment, da die griechischen Könige auftreten – Offenbach und seine Librettisten Meilhac und Halévy karikieren sie als Trottel und Maulhelden –, kippt sie in taghelle Gegenwart um. Die Szene ist von durchschlagender Komik. Die mythologischen Könige werden als archäologische Fundstücke präsentiert, die von Museumswärtern aus dem Magazin geholt und dem distanzlosen Blick einer bunt gekleideten Schar von Griechenland-Touristen ausgesetzt werden. Von allen Seiten beglotzt und fotografiert, stimmen sie der Reihe nach ihr Couplet an, und wenn als letzter Menelaos, der die ganze Zeit in seinem Ehebett auf der Bühne geschlafen hat, plötzlich aufschreckt, sich die Augen reibt und singt: "Je suis l'époux de la reine, poux de la reine, poux de la reine", wiehert der ganze Zuschauerraum vor Vergnügen. Zwei Inszenierungsebenen – Schlafzimmer und Antikenmuseum – prallen hier aufeinander, und aus der Kollision ergibt sich jene fröhliche Anarchie, die zum Wesen von Offenbachs Operetten gehört.

Die Pariser Produktion beweist: In Boudoir-Angelegenheiten sind die Franzosen nach wie vor Weltmeister. Neben ihr greift die Märchen- und Karnevalskonzeption der Zürcher Inszenierung eindeutig zu kurz. Es gibt zwar manche hübschen Einzelmomente, die dem komödiantischen Geschick der Königsdarsteller, allen voran Oliver Widmer als Agamemnon, zu verdanken sind. Doch mangelt es dem Witz an kritischer Tiefenschärfe, der Handlung an Brillanz und Tempo – Voraussetzungen für das Entstehen jener Art von höherem Blödsinn, den schon Karl Kraus an Offenbach hervorgehoben hat und der auch die Pariser Inszenierung in ihren besten Momenten beflügelt. Während Laurent Pelly der ironieträchtigen Idee mit der Touristengruppe immer wieder neue überraschende Aspekte abgewinnt, beschränkt sich Helmut Lohner auf routinemäßige Personenregie und wenig strukturierte Tableaus; das Bacchanal zu Beginn des dritten Akts gerät ihm zur Sitzparty mit diskreten Schunkelbewegungen, der Schluss mit Helenas Entführung wirkt uninspiriert.

Zu den Stärken der Pariser Produktion, die gerade mit dem Cannes Classical Award in der Sparte DVD/Oper ausgezeichnet wurde, gehört neben der Lockerheit, mit der die szenischen Einfälle miteinander verwoben werden, auch die organische Verbindung von Chor und Ballett. Wer Sänger und wer Tänzer ist, lässt sich bei den turbulenten Massenszenen nicht immer ausmachen. Die pfiffige Choreografie von Laura Scozzi trägt einiges zur Komik der Inszenierung bei. Sie lässt das Ballett in Helenas Schlafgemach als surreale Schafherde, beim Bacchanal am Strand von Nauplia als erotikgestählte Club-Med-Touristengruppe auftreten.

Öffentlichkeit der Gefühle

Die delikate Geschichte des angeblich schicksalshaften, von Venus persönlich sanktionierten Ehebruchs zwischen Helena und Menelaos handelt Laurent Pelly als eminent französisches Thema ab. Das große Liebesduett im zweiten Akt wird augenzwinkernd zum Publikum hin gespielt, Gefühle werden an der öffentlichen Resonanz gemessen. Demgegenüber tendiert die Zürcher Inszenierung hier zur echten romantischen Liebesszene. Daran hat auch die musikalische Gestaltung Anteil, Harnoncourt ist hier manchmal näher an der österreichischen Zauberoper als an Offenbach. Während man in Paris ganz im Sinn der Autoren andauernd mit der Uneigentlichkeit spielt, nimmt man in Zürich das Geschichtenerzählen noch durchaus ernst.

Thematisiert wird bei Pelly nicht so sehr der Ehebruch als amoralisches Verhalten als vielmehr die gesellschaftliche Reaktion darauf. Der Kernsatz für diese Lesart steht im Finale des zweiten Aktes, als Menelaos vorzeitig heimkehrt und seine Helena mit Paris im Bett vorfindet. Das Mitleid, das die eilig zusammengetrommelten Könige und Partygäste für den Gehörnten empfinden, ist geheuchelt und von kurzer Dauer. Nicht Paris ist für sie der Störenfried – er tut nur, was in der französischen Literatur und Geschichte als Normalfall gilt –, sondern Menelaos, der sich nicht an die ungeschriebenen Regeln hält: "Ein weiser Ehemann, der auf Reisen geht, bereitet auch seine Rückkehr vor." Denn nur so erspart er seiner Ehefrau die Peinlichkeit des Ertapptwerdens. Diese gesellschaftliche Moral kommt bei Pelly/Minkowski unangestrengter über die Rampe als bei Lohner/Harnoncourt. Der Zeigefinger erübrigt sich, das Publikum weiß ja Bescheid.

Eine englische Helena

Felicity Lott, der Helena der Pariser Produktion, merkt man die Engländerin nicht an. Sowohl von ihrem problemlosen Umgang mit dem Französischen wie von der souveränen Rollengestaltung her fügt sie sich in das raffinierte Spiel von Liebe und Moral perfekt ein. Dass sie von ihrer Stimme und Erscheinung her nicht mehr zwanzig ist, vergisst man darob mühelos. Vesselina Kasarowa, ihr Zürcher Pendant, besitzt vielleicht größere sinnliche Ausstrahlungskraft, ist aber mit ihrem schön geführten, wenn auch eher schweren Sopran längst nicht so kapriziös und wandlungsfähig. Außerdem knödelt sie mit ihrem Französisch zu stark herum. Beide Paris-Darsteller sehen blendend aus. Der Franzose Yann Beuron gibt mit seiner eleganten Tenorstimme glaubhaft den charmanten Verführer, während Deon van der Valt die Theaterposen nicht immer ablegen kann und ebenfalls Mühe mit der französischen Sprache hat. Ein interessantes Detail in der übermütigen Tyrolienne des dritten Aktes: Während unter dem Österreicher Harnoncourt der Paris-Darsteller die Spitzentöne mit heldischem Glanz aussingt, produziert der Paris bei Minkowski hier einen waschechten Jodler, indem er die Stimme ins leichte Kopfregister umkippen lässt.

Gestische Musik

Das verweist auf einen grundsätzlichen Unterschied: Beide Produktionen können zwar bis in die Nebenrollen hinein mit vorzüglichen sängerischen Leistungen aufwarten, doch ist musikalisch bei Minkowski alles entschieden gestischer angelegt als bei Harnoncourt, was wiederum zur Szenerie passt. Minkowski steuert mit unermüdlicher Verve, mit Tempo und Brillanz durch die Partitur, er betont die große Linie, ohne den eleganten Feinschliff zu vergessen, und schafft mitreißende Finali. Harnoncourt dirigiert quasi konzertant: die Details klangschön ausgeformt, in bedächtigem Zeitmaß, das er bei Bedarf zu steigern weiß; die Szenen baut er von der Musik und nicht von der szenischen Dramatik her auf. Wohlklang kommt für ihn vor Charakteristik, so dass manches mehr nach Wiener Musikverein als nach den Bouffes Parisiennes klingt. Bei allen musikalischen Qualitäten Harnoncourts: Authentischer, näher am Geiste Offenbachs erscheint doch die Pariser Produktion, und zwar szenisch wie musikalisch. Zwei zu null für Frankreich.

© Max Nyffeler 2003

DVDs:
Jacques Offenbach: La belle Hélène. Regie: Laurent Pelly; ML: Marc Minkowski. Live-Mitschnitt aus dem Théâtre Châtelet, Paris / Digital 5.0 u. Stereo / 127 Min. (plus 26 Min. Interviews). TDK DV-OPLBH
Jacques Offenbach: La belle Hélène. Regie: Helmut Lohner / ML: Ltg. Nikolaus Harnoncourt; Live-Mitschnitt aus dem Opernhaus Zürich / PCM Stereo; / 124 Minuten. Arthaus 100 086

(März/2003)

 

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