Das Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado

Cover Abbado in LucerneGeburtsstunde eines außergewöhnlichen Orchesters

Im August 2003 kam es in Luzern zu einer viel beachteten Premiere: Das Lucerne Festival Orchestra gab sein Gründungskonzert unter der Leitung von Claudio Abbado. Sechzig Jahre zuvor war hier bereits das Schweizerische Festspielorchester ins Leben gerufen worden, das nach dem Krieg von den wichtigsten Pultstars dirigiert wurde und erst 1993, unter dem Druck der internationalen Konkurrenz und der medialen Veränderungen, aufgelöst wurde.

Mit dem umjubelten Debut feierte 2003 nicht nur eine alte Festspieltradition Auferstehung. Auch für Abbado, der eine schwere Erkrankung hinter sich hatte, war es ein Neuanfang. Er will sich in den nächsten Jahren ausschließlich auf die Arbeit in Luzern beschränken. In einer Welt der hektisch herumjettenden Dirigenten ist das ein gutes Omen.

Zu den Besonderheiten dieses ungewöhnlichen Saisonorchesters gehört es, dass Abbado hier viele seiner treusten Gefolgsleute aus den Orchestern, die er im Lauf der letzten Jahrzehnte dirigierte, sowie eine Reihe hervorragender Kammermusiker um sich versammelt hat. In die Bläsergruppe ist das Bläserensemble Sabine Meyer integriert, die Mitglieder des Hagen Quartetts, Emanuel Pahud (Flöte) und Reinhold Friedrich (Trompete) spielen mit, und an den vorderen Pulten sitzen Solisten wie der Konzertmeister Kolja Blacher und die Cellistin Natalie Gutman. Den Kern des Orchesters bildet das von Abbado jahrelang geleitete Mahler Chamber Orchestra.

Der kammermusikalische Geist, das aufeinander Hören und miteinander Atmen sind denn auch die Eigenschaften, die auf den beiden DVD-Dokumentationen von der Eröffnungssaison 2003 als erstes und nachhaltig auffallen. Selten kann man ein so organisches und inspiriertes Orchestermusizieren auf sehr hohem Niveau beobachten. Der oft kalten Präzision der internationalen Spitzenorchester wird hier eine Orchesterpraxis entgegengesetzt, die auf Eigenschaften wie Hingabe, unbedingter Konzentration auf den Augenblick und erlebter Gemeinsamkeit beruht. Und über allem waltet die Frische des Neubeginns. Man kann einem Dirigenten zuschauen, der sich von dieser Woge an positiven Energien tragen lässt und seinerseits das Orchester zu Höhenflügen animiert.

Cover Abbado/Mahler 2Diese Atmosphäre teilt sich im Mitschnitt des Eröffnungskonzerts mit Werken von Claude Debussy unmittelbar mit. Das Auf und Ab des Klangs und die mitreißenden Aufschwünge in La Mer werden mit innerer Glut und Intensität nachgezeichnet. In der von ihm selbst zusammengestellten Suite aus Le Martyre de Saint Sébastien leitet Abbado Orchester und Chor zu subtilster Tongebung an und leuchtet damit tief die geheimnisvollen Dimensionen des Klangs hinein. Der aus schummerigen Pianissimo-Registern entwickelte Beginn gehört zu den Werkanfängen, die man nicht vergisst. Schade nur, dass die Atmosphäre durch einen groben Abmischungsfehler – bei 12’52“ wird der ganze Pegel hörbar um einige Dezibel in die Höhe gezogen – massiv gestört wird.

Der DVD ist eine vorzügliche, mit seltenem Material aufwartende Dokumentation von Arthur Spirk über die Geschichte des Luzerner Festivals, des Festspielorchesters und seiner Dirigenten beigefügt. Darin wird der Mythos, die Gründung im Zweiten Weltkrieg sei aus einem freiheitlich-politischen Impuls heraus erfolgt, sanft aber deutlich zurecht gerückt. Im Hintergrund standen damals wie heute handfeste Interessen der Tourismus-Industrie. Doch wie sich auch jetzt wieder zeigt, kann die Vermählung von Geschäft und Kunst gelegentlich überaus fruchtbare künstlerische Folgen haben.

Eine zweite DVD enthält die Aufzeichnung von Mahlers Zweiter, ebenfalls aus der Eröffnungssaison 2003. Auch hier wieder führt die ungewöhnliche Konstellation zu ungewöhnlichen Resultaten.  Die Interpretation ist weit entfernt von den expressiven Manierismen eines Bernstein oder der heute in den Konzertsälen verbreiteten circensischen Performance. Gelöstes, partiturgenaues Musizieren herrscht vor, die tragischen Zusammenbrüche und Schroffheiten werden ohne pathetischen Zeigefinger, das „Urlicht“ ohne falsche Feierlichkeit dargestellt. Abbado hat stets den großen Bogen im Blick – dass das Detail stimmt, dafür garantieren die überaus sorgfältige Einstudierung und die ausgezeichneten Musiker.

© Max Nyffeler 2005

DVD: Claude Debussy: La Mer, Le Martyre de Saint Sébastien / Rachel Harnisch u. Eteri Gvazava (Gesang), Schweizer Kammerchor, Lucerne Festival Orchestra, Ltg. Claudio Abbado / PCM Stereo, Dolby 5.1, DTS 5.1 / Bildformat NTSC, 16:9 / 119 min (inkl. Dokumentation) / Euroarts 2053 469
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 2 in c-Moll / Eteri Gvazava, Anna Larsson (Gesang), Orfeón Donostriarra, Lucerne Festival Orchestra, Ltg. Claudio Abbado / Dolby 5.1 und DTS / Bildformat PAL, 16:9 / 86 min. / TDK Euroarts DV-COMS2

(Januar/2005)

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