Die Klang-Universen des Hugues Dufourt

Ein CD-Portrait des 1943 geborenen französischen Komponisten 

Neue französische Musik - das sind nicht nur die gediegen gearbeiteten Kompositionen aus den Computerstudios des Ircam. Diese High Tech-Ästhetik hat dank der institutionellen Rückendeckung einen enormen Wirkungsradius entfaltet und manch andere Erscheinungen, die zumindest ebenso interessant sind, in die zweite Reihe verbannt. Etwa die Musik von Iannis Xenakis, die nie so richtig in den Mainstream der französischen Avantgarde hineinpasste. Oder die Strömung des Spektralismus mit dem 1998 verstorbenen Gérard Grisey, Tristan Murail und Michaël Levinas, die sich in den siebziger Jahren in Paris im Umfeld des Ensemble "L'Itinéraire" herausbildete. Für sie ist Klang nicht das Produkt serieller Kalkulation oder algoritmischer Verfahren, sondern zuerst einmal ein komplexes physikalisches Phänomen mit einem bestimmten Obertonspektrum; aus ihm werden Material und Verfahren des Komponierens abgeleitet. Sie arbeiten nicht deduktiv nach abstrakten Ordnungsprinzipien, sondern auf der Basis von Wahrnehmungsphänomenen.

Hugues DufourtEin Einzelgänger, der in diesem Zusammenhang seltener genannt wird, der aber laut dem französischen Musikologen Pierre Castanet den Begriff der "musique spectrale" geprägt hat, ist Hugues Dufourt. Er wurde 1943 in Lyon geboren, studierte Komposition bei Jacques Guyonnet in Genf und parallel dazu Philosophie. In Paris war er einer der Leiter des "Itinéraire" und gründete das Collectif de Recherche Instrumentale et de Synthèse Sonore (CRISS). Er scheint bis heute eine vorwiegend französische Erscheinung geblieben zu sein. Im deutschsprachigen Kulturbereich ist er, anders als Grisey, nur sporadisch in Erscheinung getreten, so 1977 einmal in Donaueschingen mit seiner Schlagzeugkomposition "Erewhon". In Darmstadt, wo Hundertschaften von Komponisten aus aller Welt ein und aus gegangen sind, ist er offenbar nur marginal in Erscheinung getreten.

Die drei CDs, die das Label Accord nun mit Werken von Hugues Dufourt herausgebracht hat, füllen somit für Musikhörer ausserhalb Frankreichs eine wichtige Informationslücke. Man lernt einen Komponisten kennen, der virtuos mit dem Instrumentalklang umgeht, über ein breites Spektrum an künstlerischen Ausdrucksmitteln verfügt und seine Musik überdies in einen weiten gedanklichen Horizont einzubetten versteht. Seine Musik ist beeinflusst sowohl von Varèse als auch von Boulez, zu seinen geistigen Orientierungspunkten gehören nicht nur französische Denker, sonden auch Hegel und Adorno.

Die Arbeit am Klang steht bei Dufourt im Zentrum. Eine materialbezogene Expressivität nach Art der deutschen Avantgarde ist nicht seine Sache; doch seine Musik folgt auch nicht der Vorstellung von tönend bewegter Form, mit der sich gerade die gewieften Klangdesigner aus den Ircam-Ateliers allzu häufig begnügen. Sie steckt voller beunruhigender Fantasien und dunkler Affekte - Reflexionen eines wachen künstlerischen Bewusstseins auf die hochproblematische Gegenwart. Inhaltlichkeit lässt sich indes nicht programmatisch festmachen, sondern wird vielmehr in assoziativer Weise durch genuin musikalische Bilder vermittelt. Die Hinweise, die der Komponist im Begleittext zu seinen Stücken gibt, bilden für den Hörer bestenfalls eine Eselsbrücke zur Entfaltung der eigenen Fantasie.

Dufourt ist ein Meister der Zwischentöne, des gemischten Affekts, der schillernden Mehrdeutigkeit. Die direkte, eindeutig gerichtete Sprechweise vermeidet er. Zu seinen Hauptkategorien gehören Instabilität und Übergang. Der Klang ist in ständigem Gleiten und Schweben begriffen; er gleicht jenen Hydrozoen, die ihre Gestalt der Strömung anpassen und mit ihr (ver-) schwimmen. Vor dem Abgleiten ins Nebulös-Allgemeine bewahren ihn seine präzise Geformtheit sowie die Erregungszustände und Verdichtungen, in denen die Klangprozesse immer wieder kulminieren. Ein meditatives Hören, zu dem die langen Zeitdauern und fluktuierende Klangräume manchmal vielleicht verleiten könnten, kommt dieser Musik nicht bei. Dafür ist sie zu aktiv, überrascht sie zu häufig mit bestürzenden Wendungen.

Eine dreiviertelstündige Komposition wie "Saturne" bezieht ihre Faszination nicht zuletzt aus der ausgetüftelten Klangdramaturgie. Da werden immer wieder neue Tiefendimensionen und geheimnisvolle Fernperspektiven eröffnet, und plötzlich fällt dann der Blick in schwindelnde Abgründe und ein wüstes Gebräu kochender Materie. Die langsamen Transformationen und Metamorphosen des Klangs und der katastrophische Tonfall erinnern an beklemmende Science Fiction-Bilder. Dufourt zitiert dazu den Kunsthistoriker Erwin Panofsky, der im Planeten Saturn ein Symbol des Unheilvollen sah. "Saturne", geschrieben für Bläser, Schlagzeug und elektronische Instrumente, entstand 1978/79 für "L'Itinéraire" und kann als ein zentrales Werk für Dufourts Ästhetik angesehen werden. In der Studioproduktion von 1980 unter der Leitung von Peter Eötvös erfährt es eine packende Wiedergabe.

Negative Utopie auch "Erewhon", das über einstündige, für die Percussions de Strasbourg geschriebene Werk, mit dem sich Dufourt 1977 in Donaueschingen vorstellte. Der Titel ist ein Anagramm von "nowhere" - also auch hier wieder die Sicht auf Nicht-Orte und fiktionale Welten. Dufourt nennt es "eine imaginäre Landschaft in der Art von Edgar Allan Poe". Mit rund 150 Schlag- und Geräuschinstrumenten aus allen möglichen Kulturkreisen entwirft er so etwas wie eine Schlagzeug-Sinfonie in vier stark kontrastierenden Sätzen. Die Instrumente verwendet er nicht idiomatisch, sondern als pure Klangquellen und erschliesst damit ein riesiges Spektrum von Klangfarben und Anschlagsarten. Das reicht vom trockenen Schlaggewitter der Felltrommeln über das Marimba-, Xylo- und Vibraphongeklingel bis zu den vom Winde verwehten Geräuschschwaden der Gongs und Tamtams. Vom Prototyp dieser Art von Geräuschkomposition, Varèses "Ionisation", unterscheidet sich "Erewhon" allerdings durch seinen ausladenden konzertanten Gestus, der nicht immer konzentrationsfördernd wirkt.

Einer der Protagonisten der Spektralmusik, Gérard Grisey, hob 1978 in einem manifestartigen Text zur Komposition "Sortie vers la lumière du jour" die Prozesshaftigkeit des Klangs hervor: "Wohin geht er? Woher kommt er? Diese Frage stelle ich mir in jedem Augenblick, bei jeder Partitur, die ich gerade schreibe." Die Sätze könnten auch von Hugues Dufourt stammen. Auch er komponiert nicht Zustände, sondern das Werden des Klangs. Besonders schön lässt sich das verfolgen im Orchesterstück "Surgir", das mit seiner aktiveren, helleren und extrovertierteren Gestik ein Gegenstück zur düsteren Melancholie des "Saturne" darstellt; beide sind auf der gleichen Compact Disc enthalten und bilden ein komplementäres Paar. In der Orchesterbehandlung von "Surgir" schimmert ein weiteres Vorbild von Dufourt durch: Claude Debussy. Dessen Technik der Schichtung und Staffelung von Klangaggregaten, die die hierarchische Ordnung der überlieferten Funktionsharmonik ausser Kraft setzt, wird von Dufourt übernommen und mit seinen kompositionstechnischen Mitteln weitergeführt. Durch die kollektive Virtuosität der Orchestergruppen erzeugt er ein stürmisch bewegtes Klangbild, das räumlich weit aufgefächert ist.

Der Aspekt des Übergangs und der wie auch immer vorläufigen Synthese des Disparaten ist auch den vier Werken aus den frühen neunziger Jahren gemeinsam, die Accord auf einer dritten CD mit dem Ensemble Fa unter der Leitung von Dominique My veröffentlicht hat. Sie enthält die Ensemblestücke "The Watery Star" und "L'Espace aux Ombres", ein das breite Ausdrucksspektrum der Instrumente auslotendes Saxophonquartett und das durch Franz Schuberts Lied angeregte Klavierstück "An Schwager Kronos", das in seiner Melancholie ein Pendant zu "Saturne" darstellt. Auswahl und Abfolge der vier Stücke sind geschickt gewählt. Bei Hören entsteht der Eindruck einer Überkomposition, deren einzelne Teile eine quasi übergangslose Kontinuität darstellen. Der prozesshafte Charakter von Dufourts Musik wird dadurch nochmals verdeutlicht.

© Max Nyffeler

Die besprochenen CDs von Hugues Dufourt:

  • Saturne - Surgir. Ensemble L'Itinéraire, Ltg. Peter Eötvös; Orchestre de Paris, Ltg. Claude Bardon. Accord 465 714-2 (1 CD)
  • The Watery Star, An Schwager Kronos, Quatuor de saxophones, L'Espace aus Ombres. Ensemble Fa, Ltg. und Klavier: Dominique My. Accord 465 715-2 (1 CD)
  • Erewhon für sechs Schlagzeuger. Les Percussions de Strasbourg, Ltg. Lorraine Vaillancourt. Accord 465 716-2 (1 CD)

(August 2001)

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