Visionen von Freiheit

Gisela Naucks Monografie über Dieter Schnebel

Dieter SchnebelWer dem künstlerischen Weg Dieter Schnebels einmal für längere Zeit gefolgt ist, hat immer wieder Gelegenheit zur Irritation bekommen. Zwar hat Schnebel sein fast fünf Jahrzehnte umfassendes Gesamtwerk zu gattungsbezogenen Werkreihen gebündelt, was die Rückschau auf seine vielsträhnig verlaufende Arbeitsweise zur wohl geordneten Totale geraten lässt. Doch mit den vielen unerwarteten Wendungen in seiner Entwicklung hat er, aus der Nahperspektive betrachtet, seinen Weggefährten manche Knacknuss aufgegeben. Latente Gedankengänge drängten gleichsam zur Unzeit in den Vordergrund, aus verborgenen Keimen trat unverhofft Neues zu Tage. Wer sich etwa auf die anarchischen Lautprozesse der "Maulwerke" eingehört hatte, wurde 1977 mit dem tonalen Schönklang des B-Dur-Quintetts bös aus seinen avantgardistischen Träumen gerissen, und wem um 1990 die reduktionistischen Modelle der "Zeichen-Sprache" und der Klassiker-"Re-visionen" als "typischer Schnebel" erschienen, wurde zwei Jahre später mit der Uraufführung der monumentalen "Sinfonie X" eines Besseren belehrt.

Die Vielfalt an Inhalts-, Form- und Materialkonzepten, an Methoden der Sprachverarbeitung und Traditionsbezügen ist auf wenige Grundideen zurückzuführen, die letztlich schon im Denken des Heranwachsenden keimhaft angelegt sind. Dies ist eine der vielen Einsichten, die man bei der Lektüre der Monografie machen kann, die die "Positionen"-Herausgeberin Gisela Nauck unter dem Titel "Schnebel. Lesegänge durch Leben und Werk" nun bei Schott veröffentlicht hat. "Lesegänge" klingt nach Labyrinth, verzweigtem Wegenetz, aber auch nach Schnebels "Gehörgängen", einem musikalischen Konzept "für forschende Ohren". Und Forscherneugier erwacht auch bald im Leser, der schrittweise durch ein ziemlich komplex, aber systematisch strukturiertes Terrain geleitet wird. Die disparaten Einzelteile fügen sich nach und nach zu einem Puzzle, in dem das vertraute Bild des Komponisten um viele neue Aspekte und bisher unbekannte Details angereichert erscheint.

Um den roten Faden einer biografischen Erzählung gruppieren sich analytische und reflektierende Textteile, in denen für Schnebel signifikante Themen wie Raum, Sprache und Musik, Tradition, Musiktheater und Emanzipation des Hörens abgehandelt werden. Diese Themen werden anhand konkreter Werke jeweils mehrfach wieder aufgegriffen, so dass sich neben dem biografischen Faden thematische Stränge ergeben, die die langfristigen Veränderungen von Schnebels grundlegenden kompositorischen Ideen dokumentieren. Eine weitere Inhaltsschicht bilden die dazwischen gestreuten, mit "Zeugnis" überschriebenen Originaltexte Schnebels, die bestimmte Aspekte seines Denkens beispielhaft beleuchten. Zusammen mit den aussagekräftigen Illustrationen und dem chronologischen Werkregister, das auch Schnebels theoretische Äußerungen auflistet, entsteht so ein an Information dichtes, lebensnahes und facettenreiches Bild des 1930 geborenen Komponisten.

Dieter Schnebel, Komponist und Theologe, war in der deutschen Avantgardeszene nach dem Krieg lange kaum mehr als eine Hintergrundfigur. In den späten fünfziger Jahren avancierte er, nicht zuletzt dank der Förderung durch seinen Freund Heinz-Klaus Metzger, zum Geheimtip auf internationalen Festivals. Im Inland gehörte vor allem Josef Anton Riedl zu seinen frühen Förderern. Meist konnte er die Aufführungen nicht persönlich besuchen, weil ihn der Pfarrdienst in der pfälzischen Provinz daran hinderte. Dafür hatte er aber Zeit zum gründlichen Studium aller aktuellen Erscheinungen und zur Formulierung seiner radikalen Fragestellungen – ein theoretisches Potential, das von nachhaltiger Wirkung war. Wie kein anderer aus seiner Generation rezipierte Schnebel darüber hinaus Einflüsse aus weit auseinander liegenden Wissensgebieten, musikalischen Traditionen und gesellschaftlichen Bereichen und brachte sie zu spannungsvoller Wechselwirkung – das Wort Synthese wäre hier fehl am Platz, denn der produktive, ungelöste Widerspruch bleibt als Impuls und Kennzeichen seines konzeptuellen Denkens stets erhalten. Karl Barth und John Cage, La Monte Young und Schönberg, Schubert und Ernst Bloch reichen sich in diesem Denkgebäude die Hand.

Die kompendienhafte Weite von Schnebels Denken kommt in der Monografie anschaulich zur Darstellung. Besondere Aufmerksamkeit wird der innigen Verbindung von Theologie und Musik gewidmet. Sie bildet den Kern von Schnebels Kunst- und Weltverständnis und hat – einmal als Polarität widerstreitender Interessen, dann wieder als Ferment des künstlerischen Schaffens – sein Denken lebenslang befruchtet: als Anstoß zur Einmischung in die Politik, als Agens der Sprachkomposition, als Triebkraft einer Musik, die in der Welt etwas bewirken, die Hören und hörendes Subjekt verändern und freisetzen will. Die Kongruenz von Schnebels theologischer und musikalischer Sichtweise lässt sich vielleicht am besten an dem aus der Theologie stammenden Begriff der Hermeneutik festmachen: Kritische Auslegung der Bibel und Neuinterpretation musikalischer Traditionen aus avantgardistischer Sicht fallen zusammen, was vielen seiner Werke ihr unverwechselbares Gesicht gibt. Unmittelbar gilt dies natürlich für geistliche Kompositionen wie die skandalumwitterte Werkgruppe "Für Stimmen (...missa est)" aus den fünfziger Jahren oder die große, Dietrich Bonhoeffer, Karl Barth und Martin Niemöller gewidmete Dahlemer Messe von 1984.

In seinen Konzepten und theoretischen Entwürfen, die oft visionäre Züge tragen, war Schnebel vor allem in jungen Jahren nicht nur seiner Zeit, sondern auch der eigenen kompositorischen Praxis weit voraus. Mit zunehmender kompositorischer Erfahrung hat sich der Abstand zwischen Idee und klingender Erscheinung verringert, was der Musik zweifellos zugute gekommen ist. Doch das Potential des dahinter liegenden Denkens hat an Kraft keineswegs verloren. Das gehört zu den wertvollen Erfahrungen beim Lesen des vorliegenden Buchs. Für seine Lektüre gilt, was Schnebel über das Experiment sagte: Sie stärkt die Widerstandskraft gegen all das, was "konventionell verkommt, abstumpft und abstumpfend macht".

© 2001 Max Nyffeler
Die Printversion dieser Rezension erschien in der Zeitschrift Positionen Nr. 47, Mai 2001.

Gisela Nauck: Schnebel. Lesegänge durch Leben und Werk, Schott: Mainz 2001, 370 S.

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